Vorerst keine Hobby-Kletterer am Förderturm in Essen

Mike Schuh blickt von seinem Förderturm am Baldeneysee in Essen.
Mike Schuh blickt von seinem Förderturm am Baldeneysee in Essen.
Foto: Stefan Arend / Funke Foto Services
Was wir bereits wissen
Mike Schuh hat 2012 den Förderturm der Zeche Carl Funke gekauft. Er will den Turm für Besucher zugänglich machen. Das lässt aber noch auf sich warten.

Essen.. Mike Schuh hat für alles Pläne ausgearbeitet. Da wäre zum Beispiel die Notfallsicherung, die ihn beim Klettern sichern soll. Falls sich das Wetter einmal schlagartig ändert, könnte sich der 49-jährige sogar innerhalb weniger Sekunden zu Boden lassen. Auf einer Wiese wartet zusätzlich noch eine Freundin, falls es mit den beiden ungelernten Besuchern am Förderturm Probleme geben sollte. „Jetzt gleich bewusstlos zu werden, wäre nicht wirklich gut“, betont Schuh, während er die Gurte kontrolliert. Die meisten Pläne lagern allerdings in Mikes Schuhs Kopf.

Als der Industriekletter den den alten Förderturm der Zeche Carl Funke vor ziemlich genau drei Jahren für einen symbolischen Euro von der Stadt übernahm, schien es noch so, als könnten schon im nächsten Sommer Besucher mit ihm bis zur Spitze kraxeln. Doch inzwischen muss sich der Sportwissenschaftler und Kletterhallenbetreiber eingestehen, dass die Pflege der denkmalgeschützten Anlage doch deutlich mehr Zeit verschlingt, als ursprünglich gedacht. Aus dem Kletterturm am Baldeneysee wird zumindest vorerst nichts.

Viel Arbeit, wenig Ertrag

„Ich kann nicht gleichzeitig mit der Flex arbeiten und dann wieder Leute auf den Turm begleiten. Sowas ist nicht in fünf Minuten gemacht. Dafür braucht man eine ganze Batterie von Gurten und auch Personal“, erklärt Schuh. Ganz ausgeschlossen ist das Projekt dann aber doch nicht. Schließlich hat Schuh beim Denkmalamt auch eine Nutzungsänderung erkämpft, die den kommerziellen Aufstieg von Besuchern erlaubt. Sogar eine öffentliche Toilette wäre fußläufig erreichbar. „Wir haben das auf dem Katasteramt durchgerechnet und es würde gerade noch so passen“, erklärt Schuh. „Ich habe auch gefragt, ob ich hier Getränke aus der Kühlbox verkaufen kann, aber das geht dann leider nicht.“

Immer wieder wird er bei Streicharbeiten von Spaziergängern angesprochen. Auch in seiner Boulderhalle fragen Kunden nach, ob man nicht vielleicht mal mit nach oben könne. Der Industriekletter hat alle Optionen mehrmals durchgerechnet und kommt immer wieder zu dem Ergebnis: „Viel Aufwand für vermutlich zu wenig Geld. Momentan macht das keinen Sinn, jedenfalls nicht in diesem Sommer“, so Schuh. Ein paar Freunde nimmt der Sportler dann doch immer mal wieder mit hinauf. „Es ist natürlich immer gut einen Plan B zu haben“, betont der Wahl-Essener.

434 Meter Luftlinie

Industriedenkmal Der Aufstieg geht weiter. 42 Meter sind es bis zur Spitze. Schuh geht als erster und zieht ein Seil mit sich rauf. Am Parkplatz bleiben ein paar Fußgänger stehen und schauen zum Förderturm. Gleich nach der ersten Zwischenebene kommt Mike Schuh wieder auf seine Pläne zu sprechen. Alles rein theoretisch. An mehreren Stellen ließe sich eine Art Pendel installieren. Die Hobby-Kletter würden damit frei über dem Boden schweben. Nach einer bestimmten Zeit könnte Schuh seine zahlenden Gäste wieder herunterlassen. „Besonders exponiert ist natürlich die Stelle ganz oben“, sagt der 49-Jährige und zeigt auf die höchste Querstrebe am Förderturm, Baujahr 1897.

Von hier aus geht es steil in die Tiefe. Die Aussicht ist unbezahlbar. Der ganze Baldeneysee liegt einem zu Füßen. Auf der anderen Seite ist nur Wald. Hin und wieder fegen ein paar Mountainbiker über die Schotterpiste und manchmal fährt ein Schiff der Weißen Flotte über den Baldeneysee. Ansonsten hört man nur die Vögel zwitschern. Am Boden stehen ein Metallzaun, ein paar Geräte und Schuhs Auto. Außerdem ist ein kleiner Tümpel zu sehen. „Das ist ja nur Höhe“, erklärt Schuh mit der Routine eines Kletterprofis. „Spannender wäre es, das Pendel eine Etage tiefer zu hängen, da das Seil dort länger ist und mehr hin und her schwingt.“

Unerlaubter Besuch

Noch spektakulärer wäre seiner Meinung nach allerdings der „Flying Fox“. Selbst Schuh gerät ins Schwärmen, wenn er über diese Installation spricht. Der Industriekletterer würde dafür ein Seil über den Baldeneysee spannen, das am gegenüberliegenden Ufer befestigt wird. Die Besucher würden dann über den See gleiten. Luftlinie laut Google Maps: 434 Meter. „In den Alpen gibt es so etwas sogar ziemlich oft. Das kostet dann etwa 30 bis 50 Euro pro Fahrt“, berichtet Schuh, der vergangene Woche erst eine Fassade auf der Expo in Mailand gestrichen hat. Vor ein paar Jahren hat Schuh ein Banner am Fernsehturm in Dortmund und davor lose Steine in Industrieschornsteinen befestigt.

Bevor Mike Schuh den Heisinger Stahlriesen übernahm, hat er lange nachgefacht. Am Ende hat er Ja gesagt. Eine zentrale Rolle spielte natürlich die Lage. „Würde der Turm direkt an der Autobahn stehen, hätte ich wahrscheinlich abgelehnt“, gibt Schuh zu. Er habe auch mit dem Essener Denkmalamt gute Erfahrungen gemacht, betont der Kletterprofi. „Da gibt es ganz andere Ämter.“ Dann greift er zum Boden und hebt einen Zigarettenstummel auf. „Der war am Freitag noch nicht da.“ Für einen kurzen Moment ärgert er sich. Gleich neben ihm hat jemand etwas in den Lack geritzt. „23.05.97.“ steht dort. Schuh lenkt sich mit Aussicht ab. Eine Windböe geht übers Wasser. Der Industriekletterer hat sich auch schon überlegt, den Zaun mit Stacheldraht zu sichern, aber eigentlich will er das nicht. „Ich bin kein Anwalt, aber ich glaube, das Gelände ist gut geschützt.“ Vielleicht wird es ja irgendwann wieder zugänglich.