Von den gefallenen Mädchen zum Unesco-Projekt
22.02.2012 | 18:53 Uhr 2012-02-22T18:53:00+0100
Essen. Die Mutter der „Schülerschule“ und Bundesverdienstkreuz-Trägerin Ria Voswinckel ist am Wochenende 75 Jahre alt geworden. Sie sagt: „Ich glaube der Schlüssel liegt in meiner eigenen schlechten Kindheit.“ Früh merkt sie, wie wichtig Bildung und die beglaubigten Belege darüber sind. Neben dem Geldverdienen wird dies, lernen und lehren zu ihrer Hauptbeschäftigung.
Sie ist die Mutter der „Schülerschule“ und hat in ihrem Leben unzählige Menschen auf den „richtigen Weg“ gebracht: Am Wochenende ist die Bundesverdienstkreuz-Trägerin Ria Voswinckel 75 Jahre alt geworden.
Nein, auch als Pensionärin ist Ria Voswinckel äußerst schwer zu erreichen. „Ich habe eben viel zu tun“, sagt sie dann. Nach wie vor ist sie ständig unterwegs, besucht ihre Schützlinge oder deren Familien zu Hause. „Aber das wird jetzt mit 75 Jahren weniger. Ich möchte nur, dass die ,Schülerschule’ noch möglichst lange besteht“, wünscht sie sich.
Viele andere Geburtstagswünsche sind ihr am Wochenende von rund 200 ehemaligen Schülern und Weggefährten beim großen Geburtstagsfest erfüllt worden, bei dem es naturgemäß zahllose Wiederbegegnungen gab: Denn Ria Voswinckels Leben war und ist voller Begegnungen.
Schlüssel in der eigenen Kindheit
„Ich glaube, der Schlüssel liegt in meiner eigenen schlechten Kindheit“, sagt sie heute. Geboren in Essen aber mit zwei Jahren Umzug in den Kreis Höxter, Kriegskind, Mutter tot, Vater im KZ, ausgebombt, Aufwachsen im Kinderheim und Arbeit für den Rest der Familie beim Bauern als Magd: „Mir lief die Gülle aus den Stiefeln. Ich wusste, dass ich etwas aus mir mache oder das Leben so nicht annehme“, erinnert sie sich.
Früh merkt sie, wie wichtig Bildung und die beglaubigten Belege darüber sind. Neben dem Geldverdienen wird dies, lernen und lehren zu ihrer Hauptbeschäftigung.
Zunächst führt sie der Weg nach Dortmund. Dort arbeitet sie bei der Landesversicherungsanstalt und wartet auf die Gelegenheit, das Abendgymnasium zu besuchen. Währenddessen darf sie sich um verwahrloste Kriegsheimkehrer kümmern, noch mehr Sozialarbeit mit ein bisschen Schule. „Schreiben, lesen, rechnen: Ich hatte doch selbst keine große Bildung.“
1957 folgt die erste richtige Lerngruppe in einem „Heim für gefallene Mädchen“. Ihr Motto: Die Fehler und Schwächen nicht verstecken und leugnen müssen, sondern Eigenart und Stärken entwickeln und zeigen können. Das funktionierte.
Bei der „Schülerschule“ handelt es sich um mehrere freiwillige Nachhilfe-Gruppen am Nachmittag, in der ältere Schüler die jüngeren mitunterrichten. Ergänzt wird es von einer sozialen Betreuung, z.B. Besuchen in der Familie. Das Konzept von Ria Voswinckel zielt auf die gezielte Förderung bildungsschwacher Bevölkerungsgruppen. Schon sehr früh nahm sie sich auch schulschwacher Migranten an.
Während des Lehramtsstudiums in Münster gründet sie zahlreiche Gruppen, macht mit denen auch nach dem Studium weiter. 1983 kehrt sie nach Essen zurück, arbeitet zunächst an der Hüttmannschule dann an der Hauptschule Bärendelle. 2001 wird für sie ein richtungsweisendes Jahr: Sie verlässt den Schuldienst, ihr Enkel wird geboren und sie stellt ihr „zweitliebstes Kind“ unter das Dach des Kinderschutzbundes. Doch zum Stiefkind wurde ihr die „Schülerschule“ nie.
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