Vom Flüchtlingsdrama bis zur Maskerade

Großartige Kulisse für spannendes Musiktheater: ein Blick ins lichte Foyer des Aalto-Theaters .Foto:VON BORN)
Großartige Kulisse für spannendes Musiktheater: ein Blick ins lichte Foyer des Aalto-Theaters .Foto:VON BORN)
Foto: Ulrich von Born / NRZ
Was wir bereits wissen
Der neue Spielplan des Aalto-Theaters setzt auf Vielfalt: Neben Raritäten wie der „Griechischen Passion“ werden Strauss, Gounod, Rossini gespielt

Essen.. Zwei intensive Spielzeiten mit selten Gespieltem und mutig Ausgewähltem liegen hinter Hein Mulders als Intendant des Aalto-Theaters. „Das war ein anspruchsvolles Jahr“, bekennt der Niederländer. Ein bewusstes Gegenprogramm zur Repertoire-betonten Soltesz-Ära. Und doch ist man mit einer Aalto-Gesamtauslastung von 80 Prozent dank stark gefragtem Ballett (90 %) und vielen ausverkauften Wiederaufnahmen sehr zufrieden. „Den Spielplan wollten wir uns leisten“, sagt Berger Bergmann, Geschäftsführer der Theater und Philharmonie.

Die Premieren

In der Spielzeit 2015/2016 will man nun auch wieder mehr Populäres zeigen, startet aber ebenfalls mit einer echten Repertoire-Rarität. „The Greek Passion“ des Tschechen Bohuslav Martinů ist mit der beklemmenden Flüchtlings-Thematik allerdings auch ein Stück der Stunde. Eine Benefizgala der Essener Philharmoniker für Flüchtlinge soll die Aufführung flankieren.

Danach diktiert die „Leidenschaft“ den Spielplan. Sergej Prokofjews „Die Liebe zu den drei Orangen“ feiert sie mit Motiven der Commedia dell’arte. Mit dem „Faust“ von Charles Gounod präsentiert sich der große deutsche Klassiker im Gewand der französischen Oper, diesmal auf die Gretchentragödie fokussiert. Von zerstörerischer Leidenschaft getragen ist die „Elektra“ von Richard Strauss, die manchem noch aus der Soltesz-Ära in Erinnerung ist. Liebes-Ränke und vergnügliche Maskeraden verspricht Rossinis komödiantisches Werk „Il barbiere di Siviglia“ zum Saison-Ende.

Die Regisseure

Möglichst viele unterschiedliche Regie-Handschriften will Mulders dem Publikum präsentieren. Neben dem Tschechen Jiří Heřman und dem Franzosen Laurent Pelly dürften vor allem einige der angesagten deutschen Bühnen-Zauberer für Aufmerksamkeit sorgen. Den meisten Essener Theatergängern wohl bekannt ist David Bösch, der vom Schauspielhaus Essen aus seine internationale Karriere startete und längst auch in der Oper reüssiert. Mit der „Elektra“ hat er sich das blutigste Strauss-Werk ausgesucht. Nach der Premiere in Antwerpen/Gent wird er das Stück 2016 mit dem Essener Ensemble einstudieren.

Eine Koproduktion mit der Deutschen Oper Berlin ist der „Faust“ des renommierten Filmemachers Philipp Stölzl. Die einen werden seine Musikvideos für Rammstein oder Madonna kennen, andere sein Monumental-Kino à la „Der Medicus“ oder „Nordwand“. Für den „Faust“ dürfte er ebenfalls spektakuläre Bilder finden. Gespannt sein darf man auch auf das Aalto-Debüt des gebürtigen Hageners Jan Philipp Gloger, der 2012 in Bayreuth mit dem „Fliegenden Holländer“ Erfolge feierte und mit Rossinis „Barbier von Sevilla“ nun das komische Fach erprobt.

Ensemble und Gäste

„Diese Saison wird spannend fürs Ensemble“, verspricht Hein Mulders, will heißen: Die Produktionen sind nicht mehr so stark auf prominente Sängergäste mit ihren übervollen Terminkalendern ausgerichtet, was zumindest die Disposition erleichtert. Manchen Aalto-Besuchern waren die Vorstellungen zuletzt zu sehr in dichter Folge terminiert, das Spielzeit-Programm soll in Zukunft wieder etwas entzerrt werden.

Vielfalt bleibt dabei die Devise: Mit 13 Wiederaufnahmen von Stefan Herheims gefeierten „Don Giovanni“ bis zu Dietrich Hilsdorfs unverwüstlicher „Aida“ und vielen Extras von der Liederabend-Reihe „Mehrmusik“ über die spartenübergreifenden TuP-Festtage bis zur Operetten-Gala zeigt sich die kommende Spielzeit abwechslungsreich.

Starchoreograf bereichert das Ballett

Die slawische Linie und das Märchenhafte finden sich in der Oper wie im Spielplan des Aalto-Balletts wieder und damit die Verbindung von zeitgenössischem und klassischem Tanz, die der Sparte in dieser Saison bisher eine Auslastung von 90 Prozent bescherte.

Äußerst zufrieden angesichts dieser Zahl konnte Ballett-Intendant Ben Van Cauwenbergh zudem verkünden, dass die Compagnie sich in Bestform befindet. Das muss sie auch, denn mit Jirí Kylián, dem tschechischen Starchoreografen und ehemaligen Leiter des Nederlands Dans Theater, steht in der kommenden Saison eine besondere Herausforderung an. Unter dem Titel „Archipel“ zeigen vier seiner Werke einen Querschnitt durch die Qualität seines Schaffens.

Zudem lockt Van Cauwenbergh mit einem der populärsten Ballette ins Musiktheater. In einer Neuauflage seiner Choreografie von Tschaikowskis „Der Nussknacker“, die am Hessischen Staatstheater Wiesbaden entstand, sorgt er für Bühnenzauber. Drei Tänzer werden nicht mehr dabei sein: Michelle Yamamoto beendet ihre Karriere, Anna Khamzina und Dmitriy Khamzin gehen nach Zürich.