Viktor Seroneit lädt zum 200. Mal zur Debatte

Viktor Seroneit präsentiert das Plakat zur 200. Veranstaltung von „Stammtisch und Talk“. Foto: Torsten Leukert
Viktor Seroneit präsentiert das Plakat zur 200. Veranstaltung von „Stammtisch und Talk“. Foto: Torsten Leukert
Foto: WAZ FotoPool

Essen.. „Stammtisch und Talk“ im Plakat Kunst Hof im Essener Südviertel: Der Bauingenieur, Musiker, Plakatkunst-Sammler und Netzwerker Viktor Seroneit ist eine Institution in der Stadtgesellschaft.

Netzwerken und Menschen zusammenbringen - das sind Gaben, die man schlecht lernen kann. Entweder man hat’s oder man hat’s nicht. Viktor Seroneit, soviel ist klar, gehört nicht zu denen, die am liebsten im eigenen Saft schmoren. Schon zum 200. Mal lässt der Mitinhaber eines Bauingenieur- und Planungsbüros demnächst eine Veranstaltung über die Bühne gehen, die bescheiden „Stammtisch und Talk“ heißt, tatsächlich aber weit mehr ist: ein in Essen einzigartiger Mix aus Debatten-Salon, Strippenzieher-Treff und Party-Keller. Wer noch nie zu den maximal 150 Eingeladenen im kreuzbergerisch coolen Hof an der Annastraße gehörte, der kann zwar durchaus wichtig sein. Seltsam wäre es allerdings schon, dass er Seroneits präziser Peilung bis dato entgangen sein sollte.

Wer daraus nun folgert, bei „Stammtisch und Talk“ handele es sich um eine elitäre geschlossene Gesellschaft, der irrt. Gerade das Zusammenbringen von Menschen mit unterschiedlichsten Ansichten ist Seroneits Anliegen und große Stärke. Anders gesagt: Wenn es HIER nicht gelingt, zwei Leute, die sich irgendwie gram sind, ins Gespräch zu bringen, dann geht es nirgendwo. An Seroneits Stehtischen, beim Warten auf Speis und Trank, beim Schieben durch die eng beieinanderstehende Menge, beim gemeinsamen Schwitzen (im Sommer) oder Frieren (im Winter) fallen die Grenzen zwischen Arm und Reich, Links und Rechts. Politiker, Künstler, Journalisten, Verwaltungsleute, Firmenvorstände - Entscheider aller Art also -, plaudern über dies und das. Manche Idee sah hier schon bei Bier und Wein das Licht der Welt, wenn auch nicht alle es in die Realität schafften. Nicht genug zu rühmen sind die „Ruhrgebiets-Tapas“, wie Seroneit scherzhaft die dargebotenen Frikadellen und Currywurst-Snacks nennt - letztere dürfen sich zu den besten der Stadt zählen.

Charmante Mischung aus Wohnzimmerkneipe und Kunstort

Jedesmal ist auch ein Talkgast dabei. Wer genau, das ergibt sich aus aktuellen lokal-, regional- und landespolitischen Themen. Seroneits Salon versammelt zwar in erster Linie die Stadtgesellschaft, ist aber längst über die Grenzen Essens hinaus bekannt, schon weil der Gastgeber sich mehr als „Ruhri“ denn als Essener versteht. Minister und andere Prominente sind gern zur Stelle, wenn Seroneit ruft. Zum 200. Stammtisch wird ein Überraschungsgast erwartet - kein ganz unbedeutender, wie man hört.

Um 1982 fing alles an der Richard-Wagner-Straße an, wo der 64-Jährige Bauingenieur bis heute wohnt, damals auch arbeitete. Das Haus besitzt eine Art Bunkerkeller, einen Raum mit vielen Betonpfeilern. „Wie gemacht um dazwischen eine Kellerbar zu bauen“, erinnert er sich. Da Seroneit seit jeher Musik machte („Skiffle, Jazz und Folk“) und sich für Kunst - vor allem Plakatkunst - interessierte, fand sich zu den Treffen im Keller neben Berufskollegen schnell ein buntes Völkchen ein. Walter Fischer, der legendäre frühere Essener WDR-Studioleiter, für Seroneit eine Art Vaterfigur, brachte Journalisten mit. Der Rest oblag dann Seroneits Kommunikationstalent.

Richtig durchstarten konnte der Stammtisch nach dem Umzug 1993 ins Südviertel, wo die Firma in neue Räume zog und Seroneit seinen „Plakat Kunst Hof“ gründete. Bis heute macht die Mischung aus Wohnen und Arbeiten, Wohnzimmerkneipe und Kulturort den Charme des Platzes aus. Sponsoren - unter anderem die Stauder-Brauerei - sorgen für die finanzielle Grundausstattung, aber Seroneit buttert ordentlich aus eigener Tasche zu, schon weil er Herr im Haus bleiben und seinen Treff nicht kommerzialisieren will. Warum das alles? Nun, Seroneit hat einfach Spaß am Netzwerken, will in seiner Stadt und seiner Region Entwicklungen anstoßen und voranbringen. Neben Musik und Plakatkunst umtreiben ihn zudem soziale Interessen, vor allem in Sachen Kinderschutz. Auch dafür kann ein belastbares Netzwerk nur nützlich sein.

Wenn es Seroneits Stadt-Salon nicht gäbe, man müsste ihn erfinden. Und: Es sind fast immer Einzelne, die was bewegen. Glückwunsch auch der WAZ zum 200. Stammtisch!