Große Ziele für Paralympics
19.10.2009 | 11:22 Uhr 2009-10-19T11:22:00+0200Trotz einer Spastik läuft Tamira Slaby allen davon. Das Ziel der Sprinterin vom TV Wattenscheid: eine Medaille bei den Paralympics 2012.
Mit der Vojta-Therapie soll durch das Auslösen von Bewegungsreflexen, unter Beachtung von vorgegebenen Ausgangsstellungen und Reizpunkten, Menschen geholfen werden, die motorische Störungen haben, welche unterschiedlich begründet sein können.
Die Behandlung kann bereits bei Säuglingen durchgeführt werden, die aufgrund der Entwicklung ansonsten keine Bewegungen auf Anweisung durchführen würden. Durch eine Summation von Reizen werden Reflexmuster ausgelöst, wie sie in der üblichen physiologischen motorischen Entwicklung von selbst auftreten würden. Diese Reflexmuster beinhalten z. B. das Umdrehen in zwei Phasen und das Kriechen. Entwickelt wurde diese Methode vom tschechischen Neurologen Prof. Dr. Václav Vojta.
„Ich bin mit meiner Schwester unterwegs. Die war letztes Jahr in Peking, bei den Paralympics. Ist das nicht cool?“, schwärmt Svenja ihrem Freund am Telefon vor. Aus dem Augenwinkel beobachtet sie währenddessen Tamira beim Sprinten. Auch die 17-Jährige aus Essen ist mit ihren Gedanken nicht ganz beim Training – schließlich haben sich die Halbschwestern heute erst kennengelernt.
„Beim Laufen kann ich mich erholen oder aber auch abreagieren“, erzählt Tamira Slaby noch etwas aus der Puste. Seit vier Jahren trainiert sie dreimal in der Woche beim TV Wattenscheid 01. Es sei gar nicht einfach gewesen, einen Verein zu finden, der ein spezielles Trainingsangebot für Behinderte habe. Seit ihrer Geburt hat die 17-Jährige eine spastische Behinderung im linken Bein. „Sicher bin ich dadurch in manchen Bereichen eingeschränkt. Aber ganz ehrlich, würdet ihr nicht wissen, dass ich behindert bin, würdet ihr es auch nicht merken“, geht sie damit ganz offen um.
"Sport ist für sie der perfekte Ausgleich"
Hätten Tamis – wie sie von allen genannt wird - Eltern der Prognose der Ärzte damals viel Glauben geschenkt, dann würde sie heute nicht laufen und sitzen können. „Daher haben wir bei ihr schon im ersten Lebensjahr die Vojta-Therapie angewandt“, so Papa Peter. „Das war anstrengend, aber es hat sich gelohnt. Unsere Tochter braucht diesen Sport. Hier kann sie sich austoben, sonst wird sie ganz kribbelig – aber auch fürs Mentale ist dieser Sport für sie der perfekte Ausgleich – und sie holt hier ihre Erfolge.“
Von Erfolgen kann man wohlwahr sprechen, wenn man mit 16 Jahren schon alleine nach Peking gereist ist, um dort bei den Paralympics zu starten. Über 200 Meter belegte sie den vierten Platz, über 100 Meter schaffte sie es auf Rang fünf – lustigerweise. „Eigentlich laufe ich viel lieber 100 Meter, aber auf 200 Metern bin ich viel schneller.“
Konkurrenz im Behindertensport wird größer
Zum vierten Mal sprintet Tami heute gemeinsam mit ihren Trainingskolleginnen Jenny und Isabell den Hang hoch. Marc Blume indes wartet oben und stoppt die Zeit. „Der Behindertensport wird immer wichtiger und bekommt zum Glück in den Medien die Aufmerksamkeit, die ihm zusteht“, findet der Trainer für Nachwuchs und Integration beim TV Wattenscheid. Wobei die Konkurrenz immer größer werde. „In den USA beispielsweise gibt es auch immer mehr Sportvereine für Soldaten, die verletzt aus dem Krieg zurück kommen“, weiß Blume. „Das ist für uns eine gute Motivation, denn schließlich ist London in 2012 unser großes Ziel.“ Eine Medaille, meint er, sollte schon drin sein.
Nach ihrer Geburt wurden Tamira und Svenja von der leiblichen Mutter zur Adoption frei gegeben. Heute ermöglichte das Jugendamt das erste Treffen zwischen den Geschwistern, die jetzt schon eine Gemeinsamkeit gefunden haben: das Interesse am Sport. Feldhockey spielt Svenja in Essen. Vielleicht sogar bald in der Jugend-Nationalmannschaft. „Sie ist sehr aufgeschlossen, zielstrebig und hat eine liebe Art an sich“, beschreibt die 20-Jährige ihre jüngere Schwester. „Wir werden den Kontakt definitiv nicht abbrechen.“
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