„Verbrennungen“ im Grillo – wenn Gewalt unter die Haut geht

Das Ensemble geht auf eine Reise: Stephanie Schönfeld, Jörg Malchow, Thomas Meczele, Jens Winterstein und Stefanie Rösner in „Verbrennungen“.Foto:Birgit Hupfeld
Das Ensemble geht auf eine Reise: Stephanie Schönfeld, Jörg Malchow, Thomas Meczele, Jens Winterstein und Stefanie Rösner in „Verbrennungen“.Foto:Birgit Hupfeld
Was wir bereits wissen
Martin Schulze kennt sich mit schweren Stoffen aus. Nach einem Ausflug ins Komödienfach inszeniert er das Nahost-Drama „Verbrennungen“ im Grillo

Essen.. Täglich sehen wir Nachrichten aus Krisengebieten im Nahen Osten. Doch wirklich nah kommen uns die Bilder von Toten und Trümmern, von Verletzten und Flüchtlingen nicht. Bei „Verbrennungen“ wird das anders sein. Seit 2006 ist das Nahost-Drama auf deutschsprachigen Bühnen präsent und für seine Nachwirkungen bekannt. Der im Libanon geborene frankokanadische Autor Wajdi Mouawad schuf das Werk, das theatrale wie emotionale Wucht vereint.

Seine Familiengeschichte um ein furchtbares Geheimnis verortet er nicht. Dennoch wird klar: Sie hat ihren Ursprung im Libanon während des Bürgerkrieges zwischen 1975 und 1990. Es ist die Heimat von Nawal, von der sie nicht sprechen kann. Ihre im Exil aufgewachsenen Kinder Jeanne und Simon begreifen das nicht, bis sie nach dem Tod der Mutter auf die Suche geschickt werden - nach dem Bruder und dem Vater und der eigenen Herkunft. Sie erfahren von Nawals erster Schwangerschaft, von ihrer Entwicklung zur politischen Aktivistin, die ihre pazifistischen Regeln bricht und tötet, von Folter und Vergewaltigung im Gefängnis und dem Versprechen, die Spirale der Gewalt zu durchbrechen.

Abstrakte weiße Bühne

Ein modernes Kriegsstück wie dieses mit dem Ausmaß einer antiken Tragödie ist Martin Schulze noch nicht untergekommen. Dabei sammelte der Regisseur, der in seinen Anfängen in Essen inszenierte und 2013 mit „Wie es euch gefällt“ zurückkehrte, reichlich Erfahrungen in „der antik-blutigen Ecke“. Mit Tragödien-Bearbeitungen wie „Schändung“, „Sanft und grausam“ oder „Phaidras Liebe“ in Kassel und Weimar wurde er zum Spezialisten für schwere Stoffe.

Bei der Arbeit zu „Verbrennungen“ haben den 41-Jährigen Worte von Ingeborg Bachmann begleitet: „Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar.“ Und noch nicht einmal das Berührtsein sollte ihr im Wege stehen. „Ich habe Aufführungen gesehen, in denen ein wohliger Schrecken durchs Parkett ging. Aber es blieb eine Distanz“, erzählt er. „Ich will die Wirklichkeit und Wahrheit in diesem Stück erlebbar machen.“ Also lasen und sahen er und die Schauspieler „viel Dokumentarisches, was mit der Historie des Libanon zu tun hat“.

In den vorgegebenen Orts- und Zeitsprüngen begegnen sich die junge und die ältere Nawal, setzt sich ihr Leidensweg zusammen. Das war und ist der Ausgangspunkt für eine Reise des Ensembles in das Stück, die sich auf einer abstrakten weißen Bühne spiegelt. Sie wird Podium und Projektionsfläche für die Landschaft. Darüber hängt eine umgekehrte verkohlte Zeder. Das beschädigte Flaggenzeichen des Libanon deutet ein Ende ohne Erlösung schon an. „Warum soll ich dem Stück ein versöhnliches Schlussbild verpassen“, fragt der Regisseur, der die Zuschauer bewegen will, sich zu bewegen. Bei Schauspielerin Stefanie Rösner ist es ihm gelungen: „Ich will mich nicht trösten“, habe sie in einer Probe gesagt, „ich will nicht vergessen, was ich gelesen und gesehen habe.“