Ursachen klären

Sündenböcke im Amt. Ich bin seit mehr als 40 Jahren Gewerkschafter aus Überzeugung und zugleich Hartz IV-Betroffener. In beiden Eigenschaften protestiere ich gegen die pauschale Beschimpfung von Hartz IV-Opfern als Personen mit „gescheiterter beruflicher Selbstverwirklichung, verkorksten Lebensläufen“, als „Quertreiber“ mit „mangelnder Kinderstube“ und so weiter.

Wenn Ordnungsdezernent Christian Kromberg die Bezeichnung „Kunde“ für Erwerbslose kritisiert, hat er Recht. Andererseits bietet er Einblick in ein erschreckend wilhelministisches, also vordemokratisches staatsbürgerliches Verständnis, wenn er postuliert „es handelt sich immer noch um ein Oberordnungs- und Unterordnungsverhältnis“. Leider wird genau dieses tagtäglich in den Ämtern exekutiert.

Die unter dem Pseudonym Maria Schreiber vorgestellte Job-Center-Mitarbeiterin wird mit den Worten zitiert, das Problem liege „oft darin, dass es vielen unserer Kunden schlicht an der guten Kinderstube mangelt“. Dies knüpft an die Haltung Herrn Krombergs an und ist arrogant und ignorant. Zugleich spricht es den Kern des Problems an. Denn solange eine Debatte über die Ursachen verweigert wird, solange bereits geringste Unregelmäßigkeiten etwa bei der Auszahlung des Arbeitslosengelds II zur akuten Gefährdung der sozialen Existenz der Betroffenen führt, wird es keine Änderung der Zustände geben.

Beschäftigten in diesen Ämtern sollten der Frage nach Ursachen der von ihnen exekutierten Gesetze nicht ausweichen. Sie sollten sich mit den Opfern gegen die eigentlichen Verursacher und Profiteure solidarisieren, statt Betroffene zu beschimpfen und zu drangsalieren.

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