Unterwegs bei Wind und Wetter

Borbeck..  Mit so viel Sonne hätte an diesem Aprilmorgen keiner gerechnet. Und so tragen die meisten Spaziergänger, die sich gegen 11 Uhr vor dem Borbecker Schloss einfinden, Anoraks, Schals und festes Schuhwerk.

Knapp 30 sind es, eine feste Truppe, die sich seit drei Jahren, seit es das Spaziergangspatenprojekt in Borbeck bereits gibt, regelmäßig trifft. Es wird viel gelacht und gescherzt, und als Außenstehender bekommt man schnell den Eindruck, dass sich alle gut verstehen. „Das kann ich nur bestätigen“, sagt Harald Pohl, einer von zwei Spaziergangspaten. Der 72-Jährige ist von Anfang an mit großer Begeisterung dabei, sucht im Stadtteil immer wieder neue Wege, abseits der gängigen.

Tatsächlich entdeckt so mancher gebürtiger Borbecker seine Heimat neu. Zumindest teilweise. „Wir laufen manchmal durch Straßen, die ich vorher noch nie gesehen habe“, bekennt Helga Blesser, „und unsere Paten erklären auch viel zu den Häusern, kennen viele Borbecker Geschichten und Geschichte.“ 82 ist sie und immer noch gut zu Fuß. „Naja, gut ist ein weiter Begriff, aber ich mag es einfach, mich mit netten Leuten an der frischen Luft zu bewegen“, stapelt sie ein wenig tief.

Kräuterrezepte und Gedichte

Dann gibt es ein großes Hallo, denn Klaus Schwellnus ist gerade eingetroffen. Der zweite Spaziergangspate ist offensichtlich der Schwarm der Frauen. Immer einen flotten Spruch auf den Lippen, bringt er durch seine kulinarischen und kulturellen Tipps, die er meist zu Beginn der großen Runde vorträgt, noch mehr Farbe rein. Heute empfiehlt er ein chinesisches Lokal und einen Spielfilm auf Arte. „Manchmal liest er uns aktuelle politische Schlagzeilen vor“, sagt Else Kuhmann schmunzelnd. Auch werden bei der ein- bis anderthalbstündigen Tour gerne mal Gedichte vorgetragen, oder geheime Kräuterrezepte gegen alle möglichen Wehwechen weitergereicht. „Einfach nur stumm laufen, das ist uns zu wenig“, sagt Hildegard Verbene. Gut für die Seele, den Körper und den Geist seien die wöchentlichen Spaziergänge, auf die sich alle freuen. „Man kommt einfach mit allen ins Gespräch, tauscht sich aus und erfährt so manche Neuigkeiten aus dem Stadtteil“, erklärt Marlies Feldt ihre Begeisterung für dieses simple und doch effektive Projekt „Willst du mit mir gehen!“, für das die Stadt bereits ausgezeichnet wurde. Seit knapp einem Jahr ist die 77-Jährige dabei, lässt, wenn es geht, kaum einen Termin ausfallen.

Männer in der Minderheit

„Wir sind bei Wind und Wetter unterwegs, uns kann höchstens ein Orkan stoppen“, scherzt Helga Blesser. Gelaufen wird im gemütlichen Tempo, schließlich haben sich alle viel zu erzählen. Hier sind, wie in den meisten Spaziergangsprojekten in der Stadt, die Herren in der Minderzahl; bei der Borbecker Gruppe haben sich gerade mal fünf eingefunden.

Erich Gring gehört dazu, er läuft gemeinsam mit seiner Frau. Seine gesunde Gesichtsfarbe lässt darauf schließen, dass er viel und gerne an der frischen Luft ist. Der Frintroper ist vor zwei Jahren auf die Gruppe gestoßen, auch er findet nur lobende Worte.

„Wenn man alt ist und alleine lebt, dann muss man sich die Tage strukturieren“, erzählt Else Kuhmann, „dabei helfen feste Termine wie dieser, an denen man nette Menschen zum Reden trifft.“

Die 84 Jahre sieht und merkt man ihr nicht an, mit flottem Schritt läuft sie durch den Schlosspark. Zum Ritual gehört nicht nur das gemeinsame Laufen. Anschließend kehrt die Gruppe immer in ein nettes Café oder eine andere Lokalität ein. Das sorgt dafür, dass die Gruppe inzwischen so gut zusammengewachsen ist. „Das heißt aber nicht, dass wir uns nicht auch über neue Spaziergänger freuen. Wir sind offen für alle“, so Klaus Schwellnus.