„Unsere Eltern zwangen uns regelrecht, Deutsch zu sprechen“

Wenn es um Chancengleichheit geht, hat der türkischstämmige Autor Feridun Zaimoglu seine eigenen Erfahrungen. Damals in München in den 1960ern war er das einzige „stumme Krauskopfkind im Klassenzimmer“. Beinahe wäre er in die Sonderschule abgeschoben worden. Aber „unsere Eltern zwangen uns regelrecht, Deutsch zu sprechen, instinktiv ahnend, dass Sprache der Schlüssel zur Integration ist.“ Diese Erfahrung hat auch Hülya Özkan-Bellut gemacht, die mit Zaimoglu gestern beim Neujahrsempfang der Stiftung Mercator über das gesellschaftliche Zusammenleben, über Bildung und Chancengleichheit und die Zeit nach den Anschlägen von Paris sprach. Vor rund 180 Gästen aus Politik, Wissenschaft, Kultur und Wirtschaft widmete sich Zaimoglu damit Themen, denen sich die Stiftung nach Angaben des Sprechers der Geschäftsführung, Wolfgang Rohe, seit geraumer Zeit auf die Fahne geschrieben hat – Toleranz, sozialer Zusammenhalt und Weltoffenheit. Begriffe, die nach dem Attentat auf das Satiremagazin Charlie Hebdo plötzlich nicht mehr ganz so selbstverständlich klingen.

Gewissermaßen als deutsche Antwort auf Michel Houellebecq entwarf Zaimoglu in einer eigens für den Empfang geschriebenen Geschichte eindringliche Szenen einer vielschichtigen, deutsch-deutschen Wirklichkeiten zwischen Konvertiten aller Couleurs, Gangsta-Rappern und Gottlosen, zwischen Integrationsverweigern und Errettern des Abendlandes, linken Salonlöwen und verschleierten Frauen. Zaimoglu, im anatolischen Bolu geboren, mit fünf Monaten nach München gekommen, der Autor zahlreicher Erfolgsromane von „Kanak Sprak“ bis „Leyla“ ist, beschreibt das auch vor dem Hintergrund der eigenen Biografie, gescholten als „Überläufer und deutschnationaler Multikultinarist“.

Flankiert wurde die Veranstaltung von einem Fotografieprojekt, das der Fotograf Jim Rakete und der Dramatiker Moritz Rinke mit Hilfe der Stiftung Mercator verwirklicht haben. Sie baten im Mai 2013, kurz vor den blutigen Auseinandersetzungen auf dem Taskim-Platz, jungen Menschen vor die Kamera und befragten sie zu ihrer Stadt Istanbul.