Das aktuelle Wetter Essen 12°C
Bettler

Ungeliebte City-Gäste an der Marktkirche

27.08.2011 | 12:00 Uhr
Ungeliebte City-Gäste an der Marktkirche
Ordnungsamt und Polizei zeigen Präsenz neben der Marktkirche am Flachsmarkt. Foto: Matthias Graben

Essen. „Sie haben Millimeter mitgenommen!“ Unter den jungen Leuten herrscht Aufruhr. Mit ihren auffälligen Frisuren, den Tätowierungen und Bierflaschen in der Hand, stehen sie wie jeden Tag hinter der Marktkirche in der Innenstadt .

Gerade hat die Polizei einen mitgenommen. Einen von ihnen. Doch die Empörung schlägt nicht in Gewalt um. Statt Aggressivität herrscht Hilflosigkeit. Ein Ohnmachtsgefühl macht sich breit. Warum die Polizei, die täglich mehrfach Präsenz vor Ort zeigt, den 31-Jährigen mitgenommen hat, weiß keiner von ihnen.

Noch wenige Augenblicke, bevor er mit den Beamten im Mannschaftsbus die Szenerie verlässt, hat Millimeter erzählt. Erzählt, weshalb er fast täglich an der Marktkirche auf dem Rondell unter der alten Kastanie sitzt und warum er keinen Job hat. „Hartz IV bringt es nicht. Viele von uns haben Hunde, da reicht das Geld nicht. Deshalb schnorren wir hier, um legal etwas zu kriegen.“ Bedrängen würden sie Passanten nie, stattdessen sei ihre Ansprache stets freundlich.

Mehrfach straffällig

Millimeter, der knapp zwei Meter Körpergröße misst, eine eigenwillige Frisur trägt und an beiden Armen tätowiert ist, beginnt zu stocken, als er den grün-weißen Mannschaftsbus herannahen sieht. Die Polizei sieht keiner von ihnen gerne. Immer wieder kommt es am Brennpunkt Marktkirche zu Auseinandersetzungen. Doch statt Reißaus zu nehmen, erzählt Millimeter weiter.

Er sei schon mehrfach straffällig geworden, „wenn ich aber hier in der Gruppe unterwegs bin, dann ist es ok. Dann bleibe ich sauber.“ Für den aus Sachsen-Anhalt stammenden blonden Riesen sind seine Begleiter längst ein Familienersatz geworden.

Viele Freunde verloren

Einblick
Zurück in die Schule

Auch Sue gehört zu Millimeters Freunden und sitzt täglich unter der schützenden Kastanie. Mit ihren schulterlangen, glatten Haaren fällt die zierliche Brünette kaum auf. Auch sie kommt nicht aus Essen. Obwohl sie noch immer Kontakt zu ihrer Familie hat, ist sie aus dem westfälischen Borken ins Revier geflüchtet. „Das Problem ist mein Stiefvater, mit ihm habe ich nur Stress“, sagt die 19-Jährige. In Gelsenkirchen hatte sie mit einer Freundin eine gemeinsame Wohnung, auch dort gab es Ärger. Sue musste raus. Schon mit 14 hat es sie auf die Straße gezogen, wo sie „mit den Punks abgehangen“ hat. Dass manche Passanten sogar stehenbleiben und gaffen, hat Sue nie gestört. „Wenn ihr Leben so uninteressant ist, dann sollen sie ruhig gucken. Das ist mir egal.“

So wie Millimeter will auch sie ihr Leben genießen und nicht nur arbeiten. Trotzdem möchte Sue, die ruhig und mit Bedacht spricht, bald wieder zur Schule gehen. „Im Moment habe ich keine Anschrift, deshalb ist das alles etwas schwierig.“ Sollte sie die Schule tatsächlich schaffen, hat Sue schon konkrete Pläne. Altenpflegerin oder Krankenschwester möchte sie werden. Den Kontakt zur Straße möchte sie auch dann auf keinen Fall verlieren. „Das sind doch meine Freunde. Ich möchte trotz eines Jobs gerne frei bleiben“, sagt sie.

Dabei ist Arbeit für den zurzeit Arbeitslosen kein Fremdwort. In Essen habe er sogar ein Tätowierstudio betrieben. „Es hat gut funktioniert. Zu gut. Ich habe zu hart gearbeitet und keine Zeit mehr gehabt. Ich habe damals viele Freunde verloren. Im Moment gefällt mir das so, ohne Arbeit, besser.“

Für viele Ladeninhaber, die ihre Geschäfte im Rücken der Marktkirche betreiben, sind Millimeter und seine Freunde ein ständiges Ärgernis. Das Schuhgeschäft, der Bio-Supermarkt, der Friseur, sie alle glauben, dass die Laufkundschaft ausbleibe. Denn um Millimeter und seine Freunde würden die meisten einen großen Bogen machen. „Wir haben große Schwierigkeiten, schon seit zwei Jahren.

"Du bist bald dran"

Wir haben schon alles versucht, sogar den Bürgermeister angeschrieben. Es hat sich nichts getan“, sagt Sandra Bitterlich, Filialleiterin des Schuhgeschäfts Naama Naot. Das persönliche Gespräch mit den jungen Erwachsenen hat Bitterlich bisher nicht gesucht – aus gutem Grund. „Auf dem Nach-Hause-Weg bin ich schon von zwei Personen aus dieser Szene bedroht worden.

‘Du bist bald dran’, haben sie gesagt. Danach habe ich mich nicht mehr getraut.“ Manchmal, sagt die Filialleiterin, seien die Punks so laut, dass sie mit ihren Kunden kein normales Verkaufsgespräch führen könne. Vor die Eingangstür, vor das Schaufenster und in ein geöffnetes Seitenfenster hätten einige von ihnen schon uriniert.

Ein Bierflaschenwurf entfernt

Millimeter sitzt nur einen Bierflaschenwurf entfernt und zeichnet ein anderes Bild. Man sitze dort nur, um Spaß zu haben. Ein bisschen könne er jedoch verstehen, dass es Menschen gibt, die ein Problem mit ihm und seinen Freunden haben: „Manche saufen zu viel und haben dann große Fresse. Da kann es schon zu Zwischenfällen kommen.“ Die Gemeinschaft, versichert Millimeter, sei jedoch so intakt, dass solche Auswüchse intern geregelt würden – mit einem Rauswurf aus der Clique. Viel mehr kann der Hüne nicht erzählen, die Handschellen klicken.

Die Polizei sitzt bei der Marktkirchen-Problematik zwischen den Stühlen. Eingreifen können sie nur, wenn eine Ordnungswidrigkeit oder Straftat begangen wurde. „Es geht nicht nach dem Modegeschmack. In den seltensten Fällen geschehen dort gravierende Straftaten“, sagt Polizeisprecher Peter Elke und mahnt zur Besonnenheit.

Keine große Gefahr

Große Gefahr gehe von Millimeter und seinen Freunden sowieso nicht aus. Es gebe andere Gruppen, die der Polizei mehr Arbeit machten. Dass die Beamten trotzdem regelmäßig an der Marktkirche stoppen und Personalien feststellen, hat andere Gründe: „Da sind auch viele Ausreißer dabei, deshalb überprüfen wir, ob jemand ausgebüxt ist. Nur das Erscheinungsbild rechtfertigt jedenfalls keinen Eingriff.“

Dass Millimeter für die nächsten Wochen von der Bildfläche verschwindet, hat jedoch andere Gründe. Gegen ihn lag ein Haftbefehl vor. Was er konkret verbrochen hat, konnte die Polizei aus formellen Gründen nicht mitteilen. Gewaltdelikte, so versicherten die Beamten, werden ihm nicht vorgeworfen. Dass er wiederkommt, steht außer Frage.

Jörn Esser

Kommentare
28.08.2011
14:49
Einsatz an der Marktkirche
von geldgeier12 | #13

@12

Nein, alle Leute, die nicht andere um Geld für Futter anschnorren müssen, dürfen sich gerne einen Hund anschaffen ...

Funktionen
Aus dem Ressort
Denkmalschutz für Essener Grugabad ist nicht willkommen
Freizeit
Politiker vor Ort sprechen sich für den Erhalt des Grugabades in seinen jetzigen Abmessungen aus. Die Denkmal-Diskussion sehen viele aber kritisch.
Behinderten-Werkstätten - Streik im Schatten der Erzieher
Sozialdienst
Auch bei der Gesellschaft für Soziale Dienstleistungen Essen sind Dutzende Mitarbeiter im Ausstand. Sie fühlen sich bislang zu wenig gehört.
Pro Asyl kritisiert neue Flüchtlingsunterkünfte in Essen
Asyl
Der Rat der Stadt Essen hat 750 weitere Plätze in neuen Asylheimen beschlossen. Pro Asyl kritisiert die Umstände in den neuen Flüchtlingsunterkünften.
Kleingärtner bestohlen – Polizei findet noch mehr Diebesgut
Diebstahl
Ein 32-Jähriger hat offenbar systematisch in einer Kleingartenanlage in Essen-Altendorf Gegenstände gestohlen – vom Vordach bis zum Stein-Buddha.
Streikbereitschaft von Erziehern und Sozialarbeitern wächst
Kita-Streik
Der Kita-Streik geht am Montag in die vierte Woche und die Eltern sind immer genervter. Die Streikfront bröckelt jedoch nicht.
Fotos und Videos
article
5001152
Ungeliebte City-Gäste an der Marktkirche
Ungeliebte City-Gäste an der Marktkirche
$description$
http://www.derwesten.de/staedte/essen/ungeliebte-city-gaeste-an-der-marktkirche-id5001152.html
2011-08-27 12:00
Essen