Überlegener Gestalter mit großer Geste

Seit seinem Sieg beim legendären Tschaikowsky-Wettbewerb 1998 rangiert Denis Matsuev in der Güteklasse eines Evegnij Kissin oder Arcadi Volodos. Wie Marc-André Hamelin muss er mit dem Ruf eines Über-Virtuosen oder in seinem Fall gar eines „zweiten Horowitz“ leben. Attribute, die beiden Musikern nicht gerecht werden. Auch wenn Matsuev, wie jetzt beim Klavier-Festival Ruhr in der Philharmonie, im Unterschied zu Hamelin selbst bei schlichten Stücken wie den zwölf Miniaturen aus Tschaikowskys „Jahreszeiten“ stets die Pranke des Tastenlöwen erkennen lässt, lebt auch sein Spiel von gestalterischer Fantasie und Nuancenreichtum.

In Kauf nehmen muss man einen stets kernigen Ton und eine eher robuste Anschlagskultur. Aber wie er in Schumanns „Kreisleriana“ auch die poetischen Teile zart aussingen lässt, wie er die Stimmungsschwankungen des Werks pariert, wie er die innere Unruhe des zerrissenen Seelengemäldes erklingen lässt, ohne die Klarheit des Tons zu vernachlässigen, das zeugt, von der spieltechnischen Perfektion abgesehen, von einem beachtlichem Reflektionsniveau. Allerdings stets verbunden mit einer großen, leicht theatralischen Geste. Das trifft auch auf Rachmaninows 2. Sonate zu, die Matsuev, ebenso wie die c-Moll-Etüde op. 8 von Skrjabin erlaubt, alle Register seines Könnens zu ziehen.

Manuell brillant, gestalterisch so überlegen, dass es das Publikum von den Sitzen riss.