Das aktuelle Wetter Essen 18°C
Essen

Tschüss, altes Haus Die letzten Tage

26.02.2008 | 19:25 Uhr

Nach knapp 96 Jahren endet am Samstag die Ära des alten Karstadt-Gebäudes auf dem Limbecker Platz.Es wird komplett abgerissen, nichts davon bleibt stehen - denn das Gebäude genießt keinen Denkmalschutz

Am Samstag, 1. März, lädt der Betriebsrat der Karstadt-Belegschaft am Limbecker Platz noch zur Abschiedsfeier ein nach Ladenschluss, 18 bis 20 Uhr. Ein "rustikales Essen" ist angekündigt. Der Leichenschmaus findet in der ehemaligen Kantine des Hauses statt. Und dann ist wirklich Ende. "Es gibt manche", sagt Hans-Jürgen Ahlmer, "die haben durchaus eine Träne im Knopfloch."

Ahlmer ist Organisationsleiter der alten Karstadt-Filiale, die in dieser Woche endgültig schließt. Am Samstag ist letzter Tag, 18 Uhr ist Schluss. Nach der Eröffnung des neuen Einkaufszentrums (13. März) rücken die Abrissbagger an. "Die Wehmut hält sich aber in Grenzen, wenn man sieht, was gegenüber Neues entsteht", sagt Ahlmer. Und entschuldigt sich: Sein Handy klingelt. Ahlmer organisiert den Umzug des Geschäftes, seit Januar wird das Haus schrittweise leergeräumt, Etage für Etage. Erst die vierte (Multimedia, Spielzeug), dann die dritte (Betten, Haushaltstextilien), die zweite (Damen-Oberbekleidung), schließlich die erste (Herren-Konfektion). Ahlmers Handy klingelt oft in diesen Wochen.

Wo also früher "Herrenkonfektion" war, schaut man jetzt auf Beton. Und Kabel, die hundertfach von der Decke baumeln. Die Zwischendecken wurden schon herausgerissen; Aluleisten und Holzpaneelen liegen in Haufen auf dem Boden Einem Kaufhaus geht es nicht anders als dem Hausmüll. "So viel wie möglich wird getrennt entsorgt und wiederverwertet", sagt Ahlmer. Das Haus wird weitgehend entkernt, aber Rolltreppen und Aufzüge bleiben drin. "Was damit passiert, ist dann Sache des Abrissunternehmens."

Rund 200 Mitarbeiter sind bei Karstadt am Limbecker Platz beschäftigt. Als das Haus 1912 unter seinem früheren Namen "Althoff" eingeweiht wird, gilt es als das größte Warenhaus weit und breit. 20 000 Quadratmeter Verkaufsfläche, 53 Fachabteilungen, und 1000 Angestellte. 1920 ging das Haus in den Besitz der Rudolph Karstadt AG über. Von 1963 an gab es erste Um- und Anbauten. Nicht immer ging man dabei sensibel vor.

Doch das ist nicht der Grund, warum das Haus heute keinen Denkmalschutz genießt. "Es stand auch nie unter Denkmalschutz", sagt Petra Beckers, Leiterin des Instituts für Denkmalschutz und -pflege. Das Haus stammt aus der Feder des Architekten Wilhelm Kreis, der zu den bedeutendsten Vertretern seiner Zunft in Deutschland in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gehört. Kreis zeichnete auch für das Althoff-Haus in Dortmund am Hansamarkt verantwortlich, dessen Fassade dem Essener Objekt sehr ähnelt.

"Die Frage des Denkmal-schutzes ist eine Frage der Erhaltungsfähigkeit", sagt Petra Beckers. "Bei diesem Gebäude handelt es sich nicht um ein Haus aus massivem Sandstein, auch wenn es von außen so aussieht." Es macht sogar einen solch massiven Eindruck, dass die Bürger früher "Warenburg" dazu saagten. Dabei ist nur die Fassade aus Sandstein. Das Gebäude selbst ist aber eine Stahlbetonkonstruktion, und um die, sagt Petra Beckers, sei es nicht gut bestellt. "Außerdem gibt es massive Probleme mit Bergsenkungen." Über die Seitenbreite hinweg gebe es einen Höhenunterschied von einem Meter.

Deshalb werden nur Fotos vom historischen Gebäude übrig bleiben - als Dokumentation irgendwo im neuen Einkaufscenter, zusammen mit ein paar Sandsteinen aus der Fassade. Es wird aber nicht, wie Leute sich erzählen, ein Teil der alten Fassade in den neuen Bauabschnitt integriert.

Es würde vermutlich auch nur stören: Für "viel mehr Licht, viel mehr Luft und eine absolut neue Form der Warenpräsentation" werde das neue Karstadt im Einkaufszentrum ,Limbecker Platz' stehen, sagt Firmensprecher Michael Scheibe. "Das neue Karstadt am Limbecker Platz wird der Prototyp für alle 90 Karstadt-Häuser in Deutschland. Die Inneneinrichtungen sämtlicher Häuser werden schrittweise nach Essener Vorbild umgebaut."Das alte Karstadt-Haus am Limbecker Platz schließt am Samstag, 1. März, um 18 Uhr. So lange läuft noch ein Räumungsverkauf. Betrieb ist nur noch auf Teilen des Erdgeschosses. Rabatte bis zu 30 Prozent werden gewährt. Das neue Einkaufszentrum mit einer 20 000 qm großen, neuen Karstadt-Filiale öffnet am 13. März. Der zweite Bauabschnitt soll 2009 öffnen. Darin: Karstadt Sport.

Von Martin Spletter

Facebook
 
Kommentare
24.07.2008
00:30
Tschüss, altes Haus Die letzten Tage
von Michael | #4

Na das ist mal wieder ein Symbol städtebaulichem Versagens. Die intakte Innenstadt bekommt Konkurenz vom einem klinisch Langweiligen Shoppingzentrum. DIe Auswahl in Innenstadtlage hilft wohl auch nichts, dass viele Geschäfte nun ihre Tore schließen und sich nun in dem Limbeckerplatz Center wiederfinden. Tageslicht habe ich jedenfalls in dem Zentrum nicht gefunden. Stattdessen langweilige Architektur und eine Außenfassade, für die man sich bestimmt in 10 Jahren schon schämen muss. Karstadt jedenfalls zeigt, dass sie Ihre kunden wieder einmal nicht vesrtanden haben. Wenn man sih überlegt was aus dem Kaufhaus geworden ist. Hier gibt es eine erbärmiche Poduktauswahl, die total auf Bekleidung fixiert ist. Und da werden dann nur noch die marken Präsentiert, die in dem Shoppingcener schon eigene Verkaufsfläche haben. Ob das Konzept nun den Kopf des Konzerns aus der Schlinge zieht? Ich bezweifel es. Da heisst es mit Angst verfolgen, wie in anderen Städten die Kaufhäuser von Karstadt auch noch zerstört und verstümmelt werden.

18.03.2008
16:29
Tschüss, altes Haus Die letzten Tage
von Jens | #3

Ich kann mich meinen beiden „Vor- Kommentatoren“ nur anschließen.
Hinzufügen möchte ich, jetzt wo das neue Einkaufszentrum seine Pforten geöffnet hat, das sich das Angebot bei Karstadt ehr verschlechtert, als verbessert hat.
Es sei denn man ist ein Teenie und eine Frau.
Nichts für Ungut, es soll hier keine Geschlechterwertung sein aber das Warenangebot im neuen Karstadt kommt nun ohne Unterhaltungselektronik, Foto- Abteilung, CD oder DVD Abteilung und Heimwerker- Bedarf aus. Auch die „alte“ Lebensmittelabteilung mit ihrer sehr guten Fleisch- und Fischtheke werde ich vermissen.
Überhaupt das gesamte Angebot im Center ist ehr auf die offensichtlich höhere Kaufkraft unserer Damenwelt ausgelegt. Neben Mode (zugegebenermaßen auch teilweise für Herren) gibt es sonst nur Accessoires fürs Outfit und Wohnung. Es gibt nichts was es nicht auch schon auf der Kettwiger oder Limbecker gegeben hätte.
Letztere hat sich ja leider von einer einstmals renommierten Einkaufs- und Fußgängerzone zu einem wahren Telekommunikations- Ballungszentrum „gemausert“ Vodafone, E-Plus, T-Mobile, d-bug, o2, und wie sie nicht alle heißen geben sich einen gnadenlosen Verdrängungswettbewerb mit der restlichen „Fachhandelsangebot“. Dieses erschließt sich leider hauptsächlich in Schaugeschäften und Billigbäckern.

Kaffee und Schnellimbiss Gastronomie bis 20:30 Uhr ?!
Womit ich bei einem Zentralen Kritikpunkt wäre.
Essen hat es schon immer erfolgreich geschafft die Innenstadt nach Geschäftsschluss so uninteressant wie eben möglich zu gestallten.
OK in den letzten Jahren sind ein paar „Filialeisten“ wie das Cafe Extrablatt, Die Bar- Celona oder die Sausalitos am Kennedyplatz dazu gekommen aber der Unterhaltungswert nach Feierabend ist in der Innenstadt sehr übersichtlich.
Mit dem neuen Center hat sich dieser Zustand leider kein bisschen gebessert obwohl die Chance für eine Belebung, grade das nördlichen Innenstadtrandes mit Händen zu greifen war.

Resümee:
Ich war Samstag nach der Eröffnung im Limbecker-Platz . Blöde Idee meinerseits. Natürlich war es übervoll.
Eben war ich noch einmal dort um mir einen vernünftigen Überblick zu schaffen.
Es war zwar deutlich leerer aber durch die recht engen Passagen zwischen Schaufenstern und Galerie- Geländern immer noch eine Zumutung.
Dafür ist jetzt ein Lerneffekt eingetreten und ich habe begriffen das es im Rheinruhr- Zentrum das wesentlich bessere Angebot gibt. Auf jeden fall ist dies die bessere Wahl auch wenn ich dort nicht zu Fuß hinkomme und mich als Lokal- Patriot es auch befrustet das meine Heimatstadt das Prädikat „Die Einkaufsstadt“ wohl bald abgeben darf.

27.02.2008
13:27
Tschüss, altes Haus Die letzten Tage
von Martin Kruszona | #2

Typisch Essen! Immer noch nichts aus den Sünden der 60-er Jahre gelernt? Eine Schande für eine Stadt, die sich Kulturhausptstadt Europas nennen will! Ich erinnere hier nur an den Abriss des neugotischen Rathauses! Wann fallen das Haus der Technik oder das Deutschlandhaus der Abrissbirne zum Opfer? Ich muss mich auch sehr über die WAZ wundern, war es doch gerade sie, die seinerzeit veröffentlicht hatte, dass das Teile der Fassade bzw. des Portals des alten Karstadt-Hauses (da es nämlich sehr wohl unter Denkmalschutz steht!) in das neue Einkaufszentrum integriet werden! Und nun wird so getan, als ob nur gerüchtehalber Leute sich so etwas erzählen! In die gleiche Kategorie der Bürger-Verarschung kann man die Geschichte der Schließungs-Pläne für die Oase einordnen. Zuerst wird das völlig intakte und noch gar nicht so alte Nögerrath-Bad geschlossen und als Ausgleich die Oase saniert und um ein Außenbecken erweitert. Und nur nach wenigen Jahren soche Nachrichten?! Wer wirft Herrn Reiniger endlich aus dem Rathaus?

27.02.2008
08:56
Tschüss, altes Haus Die letzten Tage
von Bernd | #1

Herzlichen Glückwunsch Essen,
Da freut man sich ja auf die Kulturhauptstadt 2010,
vielleicht wird aus Kostengründen bis dahin ja auch die Zeche Zollverein abgerissen.

Trackbacks

Die Trackback URL zu diesem Artikel ist: http://www.derwesten.de/services/trackbacks/article/1827033/create

Aktuelle Fotos und Videos
Raucher als Kunstwerke
Bildgalerie
Ausstellung
Remis gegen Vizemeister
Bildgalerie
Frauenfußball
Mini Europameisterschaft
Bildgalerie
Fußball
Der FC Kray ist Meister
Bildgalerie
Fußball
Aus dem Ressort
In sicherer Entfernung
Landespolitik
Der SPD-Bundestagsabgeordnete Rolf Hempelmann wird als NRW-Minister gehandelt.
Geeignet, aber unerwünscht
Personal
Der Essener Westen soll eine neue Verwaltungsbeauftragte bekommen, doch die Bezirkspolitiker sind damit nicht einverstanden. Nun schießen sie scharf gegen OB Paß und die Verwaltung.
Foto