Trümmerfrauen - wenn Wissenschaft auf Erfahrung trifft

Foto: Willy van Heekern/ Archiv Ruhrmuseum
Was wir bereits wissen
Die Historikerin Leonie Treber hat ihr Buch "Mythos Trümmerfrauen" in Essen vorgestellt - und erntete viele kritische Anmerkungen älterer Zuhörer.

Essen.. „Ich komme aus Potsdam und meine Mutter hat Trümmer weggeräumt“, sagt eine 76-jährige Frau im Publikum aufgebracht – ihre Stimme zittert ein wenig. Dass ihr Buch „Mythos Trümmerfrauen“ starke Emotionen hervorruft, damit hat Leonie Treber (34) wohl gerechnet. Die Historikerin stellte sich am Dienstagabend einem Publikum in der Buchhandlung Proust in der Essener Innenstadt.

„Gerade die Generation der Kriegskinder fühlt sich betrogen um das Werk ihrer Mütter“, erklärte Treber. Zu dieser Generation gehört auch die 76-jährige Frau aus dem Publikum. „Ich musste damals auch Trümmer wegräumen, als kleines Schulmädchen. Ich war gerade mal sechs Jahre alt und unterernährt.“ Laut Treber sei es üblich gewesen, dass Schulklassen in der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ), der späteren DDR, aber auch in westdeutschen Städten wie Kiel, beim Aufräumen helfen mussten – ein symbolischer Akt.

Wer beim Aufbau half, bekam eine bessere Lebensmittelkarte

„Die Arbeiten gingen in der SBZ aber sehr viel langsamer voran, als in den westlichen Besatzungszonen“, sagte Treber. Wer beim Aufbau half, bekam eine bessere Lebensmittelkarte. „Hausfrauen, die nicht arbeiten, bekamen die Karte fünf, mit der war es kaum möglich, zu überleben“, sagte Treber. Halfen die Frauen aber als Bauhilfsarbeiterinnen Trümmer wegzuräumen, dann bekamen sie die Karte zwei.

Geschichtsforschung Eine 84-Jährige aus Essen widersprach Trebers These, Brigaden aus Zwangsarbeitern hätten die Städte während des Bombenkrieges wieder aufgebaut: „Hier in Essen war Vieles zerbombt, und es kam nicht für jedes kaputte Haus ein Kommando, das die Trümmer wegräumte.“ Ihre Mutter sowie viele andere Essener Frauen hätten die Trümmer weggeräumt und sichere Räume im Keller geschaffen, um so einen Alltag zu ermöglichen. Fotodokumente des Ruhrmuseums unterstützen diese These.

Wie kann ein Mythos entstehen?

Unglauben zeigte auch ein 60-jähriger Mann: „Wie kann denn so ein bedeutender Mythos, der so wichtig ist für Deutschland, entstehen?“ Der Ursprung liege in der SBZ, erklärte Treber. „Um die Arbeit des Wegräumens der Trümmer positiv darzustellen und Frauen als Arbeitskraft anzuwerben, hat man diese Medienkampagnen betrieben.“

In der Bundesrepublik sei das Thema komplexer. In Berlin gab es tatsächlich die Trümmerfrauen. Dort wurde die Erinnerung daran auch festgehalten. Ein Denkmal errichtet, Verdienstkreuze verteilt. In den 1980er-Jahren gab es dann in der Bundesrepublik die Bewegung von unten, die grauen Panther standen für die Rechte der „Trümmerfrauen“ ein, die eine Zusatzrente bekommen sollten. Und viele Historikerinnen der Frauengeschichtsschreibung interessierten sich für das Leben ihrer Mütter und Großmütter.

Stadtgeschichte Die Kritiken des Publikums sieht Leonie Treber positiv. „Danke, dass sie so konstruktiv mit mir diskutiert haben. Da das Thema im deutschen Bewusstsein stark verankert ist, ruft es starke Emotionen hervor.“

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