Trümmerfrauen: Historikerin spricht von „Missverständnis“

Am Moltkeplatz in Essen – hier um 1947 – räumten viele Frauen - und einige Männer – Trümmer weg.
Am Moltkeplatz in Essen – hier um 1947 – räumten viele Frauen - und einige Männer – Trümmer weg.
Foto: privat
Was wir bereits wissen
Nach der erhitzt geführten Debatte über einen möglichen „Mythos“ stellt die Essener Historikerin Leonie Treber klar: Es ging vor allem um den Begriff, nicht um die Menschen.

Essen.. Selten hat ein Artikel ein solches Echo ausgelöst: Bis heute erhält unsere Redaktion Briefe von Menschen, die sich nach der Berichterstattung über die Arbeit der Historikerin Leonie Treber um ihre Lebensleistung – oder die ihrer Mütter – gebracht fühlen. Es geht um die „Trümmerfrauen“ und die Entstehung eines „Mythos“, die Treber in einer Doktorarbeit beschrieben hatte.

Im Februar hatten wir erstmals berichtet, es folgte ein Sturm der Entrüstung von Seniorinnen aus dem ganzen Ruhrgebiet: „Die Trümmerfrauen, das waren doch wir!“ Auch Männer schrieben: „Unsere Mütter haben sich abgerackert!“ Wie könne eine junge Historikerin behaupten, es handle sich um einen Mythos. Geschichten vom Steineklopfen, der täglichen Arbeit bis zur Erschöpfung und der entbehrungsreichen Zeit nach dem Krieg wurden erzählt, als wären sie erst gestern geschehen. Die Menschen schrieben der Redaktion seitenlange Briefe oder riefen an, nicht selten unter Tränen.

WAZ-Leser weinten am Telefon

Leonie Treber, die ihr Buch auch in Essen während einer Lesung vorgestellt hatte, hat die Debatte, die die WAZ über mehrere Tage veröffentlicht hat, mitverfolgt. Sie selbst sei auch angeschrieben worden, erzählt sie jetzt, und nicht alle Schreiben waren erbaulich. Persönliche Anfeindungen habe sie erhalten, Beleidigungen, „ich bin massiv angegangen worden.“

Trümmerfrauen Im Prinzip basiert die große Aufregung jedoch vor allem auf einem Missverständnis: „Frauen, die Trümmer beiseite geschafft haben, die gab es, und ich habe in meinem Buch mit keinem Wort gesagt, dass es sie nicht gab.“

Gleichwohl hat Treber in ihrer Arbeit belegt, dass der Begriff der „Trümmerfrau“ in der unmittelbaren Nachkriegszeit ein völlig andere Bedeutung hatte: „Trümmerfrauen“, das waren Bauhilfsarbeiterinnen, die in Berlin und der sowjetischen Besatzungszone von den Arbeitsämtern zur Trümmerräumung eingesetzt wurden. „In den westlichen Besatzungszonen hingegen“, erklärt Treber erneut, „kannte man den Begriff direkt nach dem Kriegsende nicht. Frauen, die ihr privates Grundstück enttrümmert haben oder bei Bürgereinsätzen mithalfen, wurden erst mal nicht als Trümmerfrauen bezeichnet.“

Fachkräfte und Firmen haben den Kriegsschutt weggeräumt

Darüber hinaus seien es im Westen vor allem Fachkräfte und Firmen gewesen, die die großen Mengen Kriegsschutt beiseite geräumt haben: „In Frankfurt zum Beispiel gründete die Stadt zusammen mit drei Baufirmen schon im Oktober 1945 eine Trümmerverwertungsgesellschaft Insgesamt lagen in Deutschland Trümmer von alpinen Ausmaßen, das hätten Frauen alleine nicht geschafft.“

Trümmerfrauen Was Treber nicht in Frage stellt und auch so nie angezweifelt hat: Natürlich waren es die Frauen, die nach dem Krieg ihre Familien durchbrachten, auch mit dem so genannten „Steineklopfen“, mit Hilfsarbeiten, und das unter Bedingungen, die heute kaum noch vorstellbar sind.

Zur organisierten Trümmer-Beseitigung seien Frauen aber nur im Osten herangezogen worden. Die Bilder, die dort seinerzeit entstanden, wurden später deutschlandweit als Beleg dafür benutzt, dass es allein Frauen waren, die mit ihren Aufräum-Arbeiten das Wirtschaftswunder vorbereitet hätten.

"Trümmerfrauen" als Begriff entstand in den Achtziger Jahren

Die Bedeutungsaufladung des Wortes „Trümmerfrau“ erfolgte in den Achtziger Jahren, berichtet Treber, es ging um die Rente für Frauen; eine neue Stichtags-Regelung bewirkte, dass Frauen, nach 1921 geboren, ein Babyjahr auf die Rente anrechnen lassen konnte. „Die Frauen, die vorher geboren wurden“, erklärt Treber, „fühlten sich extrem benachteiligt – mit dem Argument, dass sie es waren, die das Nachkriegsdeutschland aufgebaut hätten.“ So entstand, vor allem unter dem Dach der damaligen Seniorenpartei „Graue Panther“, die neue Bedeutung des Wortes „Trümmerfrau“, plötzlich waren alle gemeint, die nach dem Krieg mit angefasst hatten.

„Ein Generationenbegriff wurde geboren“, sagt Treber, „dabei stand das Wort einmal für etwas ganz anderes. In meiner Untersuchung“, so Treber, „geht es nicht um individuelle Lebensleistungen, sondern um die Trümmerbeseitigung nach dem Krieg und die Geschichte und Verwendung eines Begriffs, der heute sehr unterschiedliche Erinnerungen an die Nachkriegszeit hervorruft“.