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Alkoholismus

Trinkraum für Innenstadt in Essen „keine so berauschende Idee“

07.09.2012 | 12:00 Uhr
Cafe Berta heißt der neue Trinkraum in der Dortmunder Heroldstraße, der seit Anfang des Jahres die Alkoholiker von der Straße locken soll. Ein ähnliches Konzept wäre für Essen denkbar.Foto: Franz Luthe

Essen.  Sozialdezernent Peter Renzel sieht einen Trinkraum für die Essener Innenstadt kritisch. Beispiele aus anderen Städten hätten bislang keine nachhaltigen Erfolge aufgezeigt. Eine Investition sei daher kaum zu rechtfertigen. Seit dem Wegfall der Maßnahmen zur Joborientierung werden die zentralen Treffpunkte immer beliebter. Welche Maßnahmen muss die Stadt nun ergreifen?

An einem sonnigen Montag im Juli zählte das Café Berta 49 Gäste. An einem nicht weniger warmen Freitag waren es 42, die den Dortmunder Trinkraum dem Saufen unter freiem Himmel vorzogen.

Der fußläufig 550 Meter entfernte Nordmarkt war dennoch voll. Die meisten von den Menschen, die es gewohnt sind, ihren Tag mit Alkohol zu vertreiben, zogen das Draußen dem Drinnen vor. Wie eh und je.

Was Essener Beobachtern, die sich vor Ort umtaten, durchaus nicht entgangen ist: Die erhoffte Wirkung des auf zwei Jahre befristeten Experiments in der Nordstadt , das auch für Essen ein Thema werden könnte , ist für Sozialdezernent Peter Renzel zumindest bislang fraglich.

Ernüchternde Betrachtung

Seine Betrachtung der Dinge fällt nach Besuchen in Dortmund und anderen Städten eher ernüchternd aus.

Nordstadt
Trinkraum auch im Sommer viel genutzt

Auch wenn endlich Sommer ist und die meisten Menschen lieber draußen als drinnen sitzen – der Trinkraum wird gut genutzt. Zwischen 45 und 50 Menschen besuchen das Café Berta im Schnitt jeden Tag.

Denn so berauschend wirkte die Idee mit einem Trinkraum für Essen, um die Szene von der Straße zu holen, im Nachhinein offenbar nicht: „Das ist nicht die Lösung. Jedenfalls nicht nach jetzigem Erkenntnisstand“, heißt Renzels trockenes Zwischenfazit.

Die erhoffte „Entspannung im öffentlichen Raum“ sei in Dortmund bisher nicht eingetreten. Deshalb sei es wohl auch nicht zu rechtfertigen, „ein paar hunderttausend Euro“ in die Hand zu nehmen, um der Alkoholiker-Szene vom Willy-Brandt-, vom Kopstadt- und vom Weberplatz vor Ort ein vergleichbares Angebot wie in Dortmund zu schaffen.

Entwicklungen werden beobachtet

Die Menschen, die sich an den bekannten Treffpunkten in der Innenstadt aufhielten, seien den Mitarbeitern der Suchthilfe und anderen Anlaufstellen zum großen Teil bekannt, übrigens auch aus Maßnahmen zur Joborientierung, für die es bekanntlich kein Geld mehr gibt von der Agentur für Arbeit.

Trinkraum Dortmund eröffnet

Mit einer sichtbaren Folge: Statt einer Beschäftigung in einer der betreuten Werkstätten nachzugehen, um zu einer Art Tagesstruktur zurückzufinden, treffen sich die Betroffenen nun wieder auf der Straße.

Man werde die Entwicklung nach der warmen Jahreszeit weiter beobachten. Bis zum Ende des Jahres, so Renzel, soll es dann eine endgültige Bewertung geben, ob ein Saufraum Sinn macht für Essen.

Jörg Maibaum


Kommentare
08.09.2012
16:38
Trinkraum für Innenstadt
von 1980yann | #4

Das ist eine ganz schwierige Angelegenheit, die unter Umständen auch schiefgeht.
Ein solcher Raum muss für die Zielgruppe attraktiv genug sein, um freiwillig aufgesucht werden, darf aber nicht über die Zielgruppe hinaus Menschen anlocken, die hier einen Kneipenersatz sehen.
Der finanzielle Aufwand erfordert ein gewisses Betreuungsniveau, das erreicht werden muss - wenn aber aus einem solchen Angebot eine Art Innenstadt-Rezeption der örtlichen Entzugsklinik wird, verjagt das die Klientel.

In diesem Spannungsfeld ist es sehr fraglich, ob hier etwas erreicht werden kann, was man irgendwie als Erfolg bezeichnen kann, oder ob hier nicht unerwünschte Nebeneffekte auftreten.
Bei so einem sensiblen Thema sind aber Kalauer wie "Betrachtung fällt eher nüchtern aus", "nicht so berauschend" oder "trockenes Zwischenfazit" vollkommen fehl am Platze!

08.09.2012
10:31
Trinkraum für Innenstadt in Essen „keine so berauschende Idee“
von brudajakob | #3

Die Stadt ist für die Bürger da und auch alkoholkranke Menschen sind Bürger. Es kann einem nicht passen das es diese Krankheit mit ihren Auswirkungen gibt, verschwinden wird sie aber erst wenn es den Suchtstoff nicht mehr gibt. -Selbst wenn wir im Lilawunschelknäuel-Land leben würden und alle superduper glücklich, die Krankheit und die Kranken gäbe es.
Was sollen wir tun? Noch mehr Krankheitstypen stigmatisieren und aus dem Öffentlichkeitsbild verdrängen? Fettsucht .. ab welchem Biomass-Index soll man nicht mehr zu shoppen dürfen? Sichtbare Hautveränderungen .. auch Verbieten?
"Ist der Ruf erst ruiniert, lebt es sich ganz ungeniert.." Der Ruf und das Ansehen dieser Randgruppe unserer Bürgerschaft sorgt für dissoziales Verhalten!
Einfach mehr Toleranz!

08.09.2012
00:22
Trinkraum für Innenstadt in Essen „keine so berauschende Idee“
von partynase | #2

Alberner und auch trotz widriger Ironie nicht wirklich besser werdender Beitrag meines Vorredners.

Ich bin jeden Tag in Essen unterwegs und quere auch den Willy-Brandt in der Regel täglich. Es ist nicht gelungen, die sogenannten "Alkoholiker-Szene" zu vertreiben . Viel mehr wurde dieses offenkundig wenig symphatische Eingangsbild doch durch den Umbau der "alten Freiheit" forciert.

Ich würde mir wünschen, dass es eine anständige Lösung für diese Leute geben wird und hoffe noch vielmehr, dass uns Essenern und auch den Gästen (Touristen) ein etwas attraktiverer Einstieg in die Stadt ermöglicht werden wird.

Jedoch, und das betone ich nach-/ und ausdrücklich, sollte eine sinnvolle und vor allem soziale Lösung für alle Beteiligten dahinterstecken!

Beste Grüsse!

07.09.2012
14:20
Trinkraum für Innenstadt in Essen „keine so berauschende Idee“
von dschidschi5 | #1

Merkwürdig - ich könnte schwören, es gibt schon jede Menge "Trinkräume" in Essen, die heissen Kneipe, Wirtschaft, Bar, etc. Reichen die nicht aus für diese anspruchsvolle Klientel?

1 Antwort
Trinkraum für Innenstadt in Essen „keine so berauschende Idee“
von 3Stefan3 | #1-1

Nun ja, dschidschi5, ich denke mal in diesen von dir angesprochenen "Trinkräumen" ist diese Klientel, die sich ihre Pulle Alk selber mitbringt, nicht so gern gesehen ;-)

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