Das aktuelle Wetter Essen 9°C
Prozesse

Traumbilder helfen Gericht im Sex-Prozess nicht weiter

19.07.2012 | 18:07 Uhr
Traumbilder helfen Gericht im Sex-Prozess nicht weiter

Essen. Letztlich sprachen nur die Bilder in den Träumen der Frau für die angeklagte Tat. Mehr nicht. Denn der 29-Jährigen fehlt jede Erinnerung an die Nacht, in der ein 26-Jähriger sie nach einer Feier in der Essener Uni vergewaltigt haben soll. So blieb dem Essener Amtsrichter Rolf Märten nichts anderes übrig, als den Studenten aus Mangel an Beweisen vom Vorwurf des sexuellen Missbrauchs einer Widerstandsunfähigen freizusprechen.

Ob auf der Uni-Feier K.O.-Tropfen in den Gläsern der beiden landeten? Denn auch der Angeklagte gibt an, ihm fehle die Erinnerung an diese Nacht. Schlecht sei ihm gewesen. Die 29-Jährige hätte er erst auf der Feier am 4. November kennengelernt. Getanzt hätten sie zusammen. Zwei, drei Bier will er getrunken haben, als ihm so schlecht wurde, dass er nach draußen rannte und sich übergeben musste.

Freundin drängte zur Anzeige

Anschließend orderte er nach seinen Worten eine Taxe , in der schon die 29-Jährige gesessen hätte. Irgendwie landeten sie in seiner Wohnung. Dazwischen gibt es wohl Szenen, dass die Frau während der Fahrt die Tür des Autos öffnet und von ihm festgehalten wird. Es heißt auch, er hätte sie in seine Wohnung gezerrt. Aber ob das praktisch geht, wenn die Wohnung im dritten Stock liegt und die Frau keine Abschürfungen oder Prellungen an ihrem Körper bemerkt?

Die konkrete Erinnerung der beiden setzt wieder ein, als sie am 5. November früh morgens erwachten, beide recht unvollständig bekleidet. Die Frau meint, er hätte sie daran gehindert, mit ihrer Freundin zu telefonieren. Tatsächlich rief sie diese aber an, offenbar von seinem Handy. Zu ihr ging sie später, erzählte, was ihr passiert war, klagte über Erinnerungslücken. Die Freundin hätte sie schließlich zur Anzeige gedrängt.

Einvernehmlich, betont sie, habe sie auf keinen Fall mit dem Angeklagten geschlafen. Sie sei nämlich lesbisch, wolle von Männern nichts wissen. Auch ihren Frauenarzt suchte sie auf. Er habe aber keine Spuren eines Geschlechtsverkehrs feststellen können.

Schwangerschaft befürchtet

Der Angeklagte präsentiert eine komplett andere Version. Zeitweise will er sich selbst als Opfer einer Art „Samenraub“ sehen. Denn als er morgens erwachte, fürchtete er, die Frau hätte es darauf angelegt, seinen Zustand auszunutzen, um von ihm schwanger zu werden. Das hätte er unbedingt unterbinden wollen und ihr deshalb eindringlich geraten, die „Pille danach“ zu nehmen. Was in der Nacht vom 4. auf den 5. November 2011 tatsächlich passiert ist? Keine Ahnung.

Die Frau dagegen hat konkrete Bilder vor Augen, dass der Angeklagte auf ihr gelegen habe. Allerdings gibt es diese Bilder nur in ihren Träumen, vor einem Strafgericht fehlt ihnen jeder Beweiswert. Klarer wird der Fall dadurch nicht. Richter Märten erfährt noch, dass die Frau früher persönliche Probleme hatte, sich auch selbst Schnittverletzungen zugefügt hat. Aber das liegt schon einige Jahre zurück. Drogenprobleme haben wohl beide nicht; weder die 29-Jährige noch der Angeklagte.

Über das Telefon ermittelt

Ermittelt hatte die Polizei den Studenten, weil sie das Telefon der Freundin ausgewertet hatte und dort seine Nummer fand. Im Gerichtssaal wunderte sich die 29-Jährige, als sie den Angeklagten sah. Sie hatte ihn anders in Erinnerung, kräftiger. Schnell ging das Verfahren zu Ende. Angesichts der Beweislage folgte Richter Märten den gleichlautenden Anträgen von Staatsanwältin Katharina Küpper und Verteidiger Clemens Louis auf Freispruch.

Stefan Wette



Kommentare
20.07.2012
15:08
Traumbilder helfen Gericht im Sex-Prozess nicht weiter
von stoffel747 | #1

Hangover 1 real ;-)

Aus dem Ressort
Florian Fitz will „Filme machen, in denen es um was geht“
Kino
Schauspieler Florian David Fitz spricht mit Kinogästen in der Lichtburg über das schwierige Thema Sterbehilfe und seinen neuen Film „Hin und weg“. Die Dreharbeiten sind für den 39-Jährigen auch eine „Übung im Loslassen“ gewesen.
Polizei fasst Jugendbande – jüngster Räuber 13 Jahre alt
Jugendkriminalität
Die Essener Polizei hat eine fünfköpfige Jugendbande festgenommen. Das Quintett hatte am Mittwoch zwei Jugendliche im Stadtteil Frillendorf ausgeraubt. Das jüngste Mitglieder der Straßenräuber-Bande ist 13 Jahre alt. Ein Täter wurde am Donnerstag dem Haftrichter vorgeführt.
Das Fundament der Sportvereine bröckelt
Ehrenamt
Tausende Essener engagieren sich im sportlichen Ehrenamt. Doch es wird immer schwieriger, Menschen für die Tätigkeiten als Übungsleiter, Trainer oder Vorsitzenden zu begeistern. Die Gründe dafür sind vielfältig, fest steht aber: Ohne Freiwillige geht es auf keinen Fall.
Park-Stress durch Fußball-Fantalk in der 11Freunde-Bar
Parken
Ein Anwohner der Giselastraße in Essen beklagt die Fülle der reservierten Stellflächen für die Sport1-Sendung, die jeden Dienstag aus der Rüttenscheider 11Freunde-Bar ausgestrahlt wird. Dabei hat die Anzahl der Halteverbote abgenommen – und Alternativen gibt es kaum.
Vater stiftet seinen Sohn (7) zum Stehlen in dm-Filiale an
Hauptbahnhof
Ein Vater (30) hat seinen siebenjährigen Sohn zum Stehlen in die dm-Filiale im Essener Hauptbahnhof mitgenommen. Wie die Bundespolizei erklärte, soll der Mann die Sicherungsetiketten entfernt und das Kind dann die Waren eingesteckt haben. Dabei wurden sie jedoch von Zeugen beobachtet.
Umfrage
Zahlreiche Tierschützer, Parteien oder Hilfsorganisationen werben an Infoständen in der Fußgängerzone der Essener Innenstadt. Fühlen Sie sich dadurch gestört?

Zahlreiche Tierschützer, Parteien oder Hilfsorganisationen werben an Infoständen in der Fußgängerzone der Essener Innenstadt. Fühlen Sie sich dadurch gestört?