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Totenkult trifft Marktwirtschaft

22.07.2010 | 18:14 Uhr
Totenkult trifft Marktwirtschaft

Essen.Die Bestattungskultur wandelt sich: auf den konfessionellen Friedhöfen liegt der Anteil an Urnenbegräbnissen inzwischen bei 45 Prozent. Es geht es um Würde. Es geht um die Frage, wie eine Gesellschaft mit ihren Toten umgeht. Und es geht ums Geld.

Nein, die Rede ist hier nicht von Jugendlichen, die auf Friedhöfen schwarze Messen abhalten. Nicht von Vandalen, die, wie dieser Tage in Schonnebeck geschehen, Grabsteine umwerfen oder Gräber verwüsten. Es geht auch nicht um „Grabräuber“, die Engelsfiguren und Vasen beim Schrotthändler als Alteisen versilbern. Ins Bild passen eher jene Kinder, Jugendliche und Eltern, die im schneereichen Winter auf dem Friedhof am Hallo ein anonymes Gräberfeld in bester Hanglage als Rodelwiese entdeckten. Sogar Schulklassen waren dort unterwegs, berichtet Hans-Joachim Hüser von der Friedhofsverwaltung und kann sich auch Monate danach nur wundern: „Als wir die Leute darauf hingewiesen haben, wo sie Schlitten fahren, antworteten sie nur: Wo sollen die Kinder denn hin?“

Wenn Hüser und seine Kollegen beim städtischen Eigenbetrieb Grün und Gruga vorsichtig von einem „Wandel der Bestattungskultur“ sprechen, dann fügen sich solche Erlebnisse wie Mosaiksteinchen zusammen: Es geht um Würde, um Respekt vor den Verstorbenen, es geht um die Frage, wie eine Gesellschaft mit ihren Toten umgeht.

Und es geht knallhart ums Geschäft.

Seit Jahren beklagt der Eigenbetrieb einen Rückgang der Bestattungen. Knapp 5000 waren es im vergangenen Jahr, 30 Prozent weniger als Mitte der 70er Jahre. Damals lebten in Essen noch 681 000 Einwohner. Heute sind es gerade mal 570 000. Die „schrumpfende Stadt“ schlägt durch bis auf die Friedhöfe, wo nicht nur wegen des demografischen Wandels weniger Platz benötigt wird. Anders als noch vor 20 oder 30 Jahren werden heute zwei von drei Verstorben eingeäschert und in Urnen beigesetzt. Ein Trend, den auch Kirchengemeinden von Karnap bis Kettwig beobachten; auf den konfessionellen Friedhöfen liegt der Anteil an Urnenbegräbnissen inzwischen bei beachtlichen 45 Prozent.

Bezeichnender noch für den „Wandel der Bestattungskultur“: Auf städtischen Friedhöfen ist jede vierte Urnenbeisetzung eine anonyme.

Über die Ursachen lässt sich spekulieren. Die Kosten dürften eine Rolle spielen. 1200 Euro liegen zwischen einer Erdbestattung und einem Urnenbegräbnis. Die anonyme Bestattung gibt es „im Leistungspaket“ für 500 Euro. Mancher Angehörige möchte sich wohl auch das Geld für die Grabpflege sparen. Jedes Jahr lässt die Friedhofsverwaltung zwischen 1200 und 1400 Gräber einebnen, weil sich niemand mehr darum kümmert. Auch das ein Indiz: Familiäre Bindungen sind häufig nicht mehr so eng sind, wie sie es einmal waren.

„In der Regel entscheidet der Bestatter, wo eingeäschert wird.“

Wenn Klaus Grütz, Verwaltungsleiter bei Grün und Gruga, einen Verfall der Sitten beklagt, dann meint er nicht nur die Bestattungskultur, sondern auch den Wettbewerb, den sich die Betreiber von Krematorien inzwischen liefern. 2003 hat der Gesetzgeber den Markt für Private geöffnet, somit gebe es leider auch keinen „Anschluss- und Benutzungszwang“ - ein Begriff, der bezeichnenderweise der Abfallentsorgung entlehnt ist.

„In der Regel entscheidet der Bestatter, wo eingeäschert wird“, weiß Grütz. Dass einige Urnenbeisetzungen sogar in Holland oder in Thüringen anbieten, ohne dass der oder die Verstorbene zu Lebzeiten eine persönliche Verbindung dorthin gehabt hätte, dürfte kein Zufall sein. Auch dafür gibt es eine Nachfrage. Weit weg, aber Hauptsache billig, lautet offenbar die Devise.

Handgelder sind in der Branche längst üblich. Grün und Gruga zahlt Bestattern 30 Euro „pro Lieferung“ und kann dennoch im Wettbewerb kaum bestehen gegen riesige Feuerstätten wie sie ein privater Anbieter etwa unweit der Landesgrenze in Rheinland-Pfalz betreibt, „Hol- und Bring-Service“ inklusive. Regelmäßig machen sich von dort aus „neutral lackierte Transporter“ auf den Weg, um gleich ein halbes Dutzend Särge einzusammeln, berichtet Grütz. Bei Grün und Gruga warten sie nur darauf, dass ein solcher Laster eines Tages auf der A 40 in einen Unfall verwickelt wird und die Särge über die Fahrbahn schlittern. Das ist zynisch und Ausdruck purer Hilflosigkeit.

Denn die Zahlen sprechen für sich. Innerhalb von nur zwei Jahren hat Grün und Gruga im Bestattungswesen einen Verlust von 2,5 Millionen Euro angehäuft. Tendenz steigend. In der Verwaltung setzen sie deshalb verstärkt auf „Marktanalysen“, „Kundenberatung“, und „Akquise“: Bestattungskultur trifft Marktwirtschaft. Gleichzeitig hat die Stadt ihrem Betrieb einen strengen Sparkurs verordnet. Grün und Gruga wird auch auf Friedhöfen die Grünpflege zurückschneiden, Trauer- und Aufbewahrungshallen sollen mangels Nachfrage abgerissen werden. 700 000 Euro pro Jahr will der Betrieb einsparen. Nur ein einziger Friedhof soll geschlossen werden - der Friedhof Schonnebeck mit nur acht Beisetzungen 2009. Die Bestattungskultur mag sich wandeln, mancher Bürger und Stadtteilpolitiker tut sich dennoch schwer, wenn es darum geht, ein Stück Friedhofskultur für immer aufzugeben.

Marcus Schymiczek

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Kommentare
07.03.2011
12:23
Totenkult trifft Marktwirtschaft
von Deutschefriedhofsgesellschaft | #6

Die Gnade einer würdevollen Umgebung

Wen auf den städtischen Essener Friedhöfen ein spontanes menschliches Bedürfnis überfällt, der weiß, wohin klamme Kassen führen können. Eine Steigerung ist nur in Form der möglichen Schließung der öffentlichen Toilette vorstellbar.

Dabei ist das Dilemma der kommunalen Essener Friedhöfe altbekannt. Steigende Gebühren führen zu sinkender Nachfrage, was sich in der Folge zusätzlich dämpfend auf die Einnahmen auswirkt. Außerdem hat die Politik dem zuständigen städtischen Betrieb „Grün und Gruga“, der 23 kommunale Friedhöfe mit einer Größe von 240 ha pflegen und erhalten muss, einen drastischen Sparzwang verordnet. Aufaddiert bis zum Jahr 2013 sollen in der gesamten städtischen Grünpflege rund vier Millionen Euro eingespart werden. Die Konsequenz daraus ist simpel: Die 80 % der Aufwendungen ausmachenden Pflichtausgaben, wie z.B. Baumpflege an Straßen, werden umgesetzt; der Rest ist Kür. Und auch wenn es auf der Homepage von „Grün und Gruga“ noch ganz vollmundig heißt: „ Den meisten Menschen ist es ein Anliegen, die letzte Ruhestätte eines vertrauten und geliebten Angehörigen in einer würdevollen und ansprechenden Umgebung zu wissen.“ Wen interessiert schon der Zustand der öffentlichen Toiletten oder der Trauerhalle auf einem Friedhof?
Beinahe selbstverständlich nimmt man denn bei „Grün und Gruga“ auch zur Kenntnis, dass sich auf Grund der beklagenswerten Zustände schon seit Jahren ein regelrechter Beerdigungstourismus, etwa ins Krematorium nach Venlo etabliert hat. Dabei zeigt ein Blick in die unmittelbare Nachbarschaft, dass es auch anders geht.

Ev. Friedhof an der Gnadenkirche in Essen

Wie man es preiswerter und dennoch besser machen kann, stellt schon seit geraumer Zeit der evangelische Friedhof an der Gnadenkirche unter Beweis. Der 1896 gegründete Friedhof, links und rechts der Pfarrstraße auf dem Donnerberg gelegen, gilt als einer der schönsten Bergfriedhöfe weit und breit. Eigentümer des Friedhofs ist die Evangelische Kirchengemeinde Dellwig-Frintrop-Gerschede. Sehr früh hat man sich dort vehement von der um sich greifenden „Tiefpreis-Ensorgungs-Mentalität“ distanziert. Ein engagierter Friedhofsausschuss und der kompetente Friedhofsgärtner Uwe Brinkmann kümmern sich um den gepflegten Zustand der Anlage. Und notwendige Reparaturen oder Baumsanierungen wurden und werden projektweise auch durchaus mal in Eigenregie durchgeführt.

So konnte im Jahr 2005 beispielsweise die neu gestaltete, Licht durchflutete Trauerhalle eingeweiht werden, die sich durch ihre warme Farbgebung äußerst positiv von der alten Leichenhalle absetzt. Trauerarbeit und Trauerbewältigung der Hinterbliebenen finden seitdem dort den ihnen zustehenden würdevollen Rahmen. Wenn das Beispiel des evangelischen Friedhof an der Gnadenkirche Schule macht, könnte sogar die Vision von „Grün und Gruga“ Wirklichkeit werden: „Die (kommunalen) Friedhöfe sind zu Stätten wohnungsnaher Erholung mit Rückzugsrefugien für Pflanzen und Tierwelt zu entwickeln.“ Und vielleicht ja auch zu Rückzugsrefugien für den Menschen. Es wäre uns allen zu wünschen.

Karl-Heinz Köbsgen
Deutsche Friedhofsgesellschaft mbH
Bonn

06.09.2010
12:53
Totenkult trifft Marktwirtschaft
von Dimmendaal | #5

liegt eventuell ach an den obskuren vorschriften & preisen beim grabstein aufstellen,für alles braucht man eine genemigung & muss bezahlt werden.

24.07.2010
09:54
Totenkult trifft Marktwirtschaft
von DreamOn | #4

Discount-Mentalität = Beerdigung in einer Aldi-Tüte?

Mal im ernst, der Körper ist doch nur noch eine leblose Hülle, der könnte auch locker auf den Kompost. Das wichtigste Argument ist ein Ort zum Trauern für die Hinterbliebenen, und das könnte überall würdevoll der Fall sein. Wer braucht schon einen Sarg für 800 Euro aufwärts, eine Beerdigung für über 3000 Euro Gesamtkosten? Jammern auf höchsten Niveau, das sehe ich bei den Bestattungsunternehmen! Gestorben wird immer, das kann man nicht ändern, aber die Rahmenbedingungen sind veränderliche Konstanten, sollte man vielleicht mal einsehen!
Zur Thematik etwas passendes, lohnt sich für den ein oder anderen Menschen bestimmt:

http://www.dyingright.de.vu/

24.07.2010
00:38
Totenkult trifft Marktwirtschaft
von ehrlichkeit und recht | #3

Oooooocccchhhh - immer liegen die Fehler bei den anderen - eben bei den den Toten und Hinterbliebenen aus der Stadt Essen.

Haben die Verantwortlichen des städtischen Eigenbetriebes Grün und Gruga eigendlich schon einmal versucht nachzuprüfen ob es nicht bei ihnen selber liegt, dass andere Anbieter preisgünstiger einäschern, die Grabstätte des Toten für die Hinterbliebenen ziel- und preisgerechter anbieten und nicht überall schamlos nur Zulangen und Abkassieren.
Stattdessen wird immer herumgejammert und nur darauf verwiesen das man ja kräftig in die Tasche von Angehörigen der Verstorbenen hineingreifen muss weil der marode Haushalt der Stadt Essen seinerzeit vom ehem. CDU-gesteuerten Oberbürgermeister (von 1999 bis 2009) der Stadt Essen Wolfgang Reiniger in den finanziellen Ruin gefahren wurde. Jetzt muss eben der städt. Haushalt der Stadt Essen saniert werden und dafür müssen auch noch die Toten bluten.

Somit wurden durch unverschämte Forderungen ein Riesenberg an Schulden beim Bestattungswesen (2,5 Millionen Euro) angehäuft und ein Friedhof, nähmlich der an der Hallostraße, welcher ausbaufähig ist, soll sogar aufgegeben werden. Gleichzeitig soll die gesamte Grünpflege zurückgeschnitten werden was nichts anderes bedeutet das alles noch mehr verloddern soll.

Der Aussage:
Die Bestattungskultur mag sich wandeln, mancher Bürger und Stadtteilpolitiker tut sich dennoch schwer, wenn es darum geht, ein Stück Friedhofskultur für immer aufzugeben ist nichts mehr entgegenzusetzen als Die Bestattungskultur mag sich wandeln, aber der Politik und der Verwaltung fällt nichts anderes ein als noch tiefer in die Tasche beim Bürger zu greifen.

Ob das die Verantwortlichen gelesen und begriffen haben bezweifel ich stark - ansonsten hätte sich schon längst etwas geändert.

23.07.2010
21:58
Totenkult trifft Marktwirtschaft
von Rike57 | #2

Ist es nicht, dass man den Hinterbliebenen versucht, ein schlechtes Gewissen einzureden?
Die bösen Erben, schauen, das noch genug übrigbleibt.
Hier wird eindeutig mit dem schlechten Gewissen, der Hinterbliebenen gespielt und die Presse macht wieder mit!
Dabei, bestimmt heute schon so mancher selber, wie die Beerdigung ablaufen soll.
Was hat das mit der Liebe zum Verstorbenen zu tun?
Liebt man die Verstorbenen jetzt weniger, wenn man den günstigsten Bestatter nimmt?
Außerdem müssen die Lebenden heute flexibel bleiben.
Viele ziehen weg und dann?Wer pflegt dann die Gräber?
Geld und Zeit für die Pflege, haben auch die Wenigsten.
Auch ich habe schon mit meinen Kindern gesprochen, wie ich mir meine Beerdigung vorstelle: verbrennen und annonym vergraben.

23.07.2010
16:56
Totenkult trifft Marktwirtschaft
von 1980yann | #1

Was ist denn nun das Problem?
- Ist es eine Discount-Mentalität bei den Bestattungskunden?
- Oder sind es die absurden Gewinnspannen der gesamten Bestattungsbranche, die jahrzehntelang unhinterfragt blieben, weil Trauernde nun mal in diesem Moment andere Antworten suchen?
Vielleicht muss man hier auch mal den Zusammenhang sehen - je mehr man einer Branche misstraut, desto anfälliger ist man irgendwann für das günstigste Angebot.

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