Thyssen-Krupp-Quartier: Wo für Krupp in Essen alles begann

Kühle Effizienz und elegante Architektur: Teil des Campus von Thyssen-Krupp mit der langen Wasserachse und dem Hauptgebäude Q1 (rechts).
Kühle Effizienz und elegante Architektur: Teil des Campus von Thyssen-Krupp mit der langen Wasserachse und dem Hauptgebäude Q1 (rechts).
Foto: WAZ FotoPool
Das 2010 eingeweihte Thyssen-Krupp-Quartier in Essen ist nicht nur architektonisch sehenswert. Mit der Inszenierung des ursprünglich 1818 gebauten Stammhauses werden die lange Geschichte und die Gegenwart des Unternehmens miteinander verbunden.

Essen.. Nur wenige Konzernzentralen sind ein zuverlässiger Haltepunkt für Busse mit Touristen und Architekturinteressierten. Der Thyssen-Krupp-Campus, eingeweiht 2010, gehört dazu. Mit sicherem Gespür auch fürs Symbolische hatte der 2013 verstorbene Firmenpatriarch Berthold Beitz „sein“ Unternehmen aus Düsseldorf dahin zurückbeordert, wo zumindest für Krupp im Jahr 1811 alles begonnen hatte: an die Altendorfer Straße, mitten ins Herz der früheren Krupp-Fabrikstadt, die auf dem Höhepunkt ihrer Ausdehnung fast den gesamten Raum zwischen der Innenstadt und Altendorf, zwischen Holsterhausen und Bergeborbeck ausgefüllt hat.

Krupp war immer ein Unternehmen, das mit Selbstdarstellung beeindrucken wollte, und dieser alte Grundsatz stand auch Pate bei der Planung des Quartiers. Nur einen Steinwurf entfernt von Friedrich Krupps erster Stahlschmelze entstand die neue Zentrale als Komposition aus kühler Funktionalität und gemäßigtem Pathos. Wer an einem Sonntag im dann menschenleeren Quartier spazierengeht, mag sich manchmal wie in einem riesenhaften Skulpturengarten fühlen.

Bewusst wollte Thyssen-Krupp kein Hochhaus

Der 50 Meter hohe Würfel Q 1 beherrscht die Szenerie, ohne aber die links und rechts von der zentralen Achse gruppierten Gebäude architektonisch zu demütigen. Bewusst wollte Thyssen-Krupp kein Hochhaus, sondern den moderneren Campus-Gedanken umsetzen, der die spätere krisenbedingte Änderung der Unternehmensphilosophie baulich vorwegnahm: weg von starren Hierarchien und „Top-down“-Entscheidungen, hin zu einer Kultur des Miteinanders.

Stahl und Glas sind die beiden wahrnehmbaren Baumaterialien. Mit den 400 000 Edelstahl-Lamellen, die den Lichteinfall im Q 1-Gebäude steuern, betrat man technologisches Neuland und schuf gleichzeitig eine Fassade, die sich immer wieder ändert und auch dadurch interessant ist. Die 235 Meter lange Wasserachse mit den Baumreihen und den wuchtigen Dekorations-Quadern gibt dem Ganzen einen Schuss Monumentalität.

Obwohl die Zeiten wirtschaftlich schwieriger geworden sind, hielt Thyssen-Krupp seinen hohen Gestaltungsanspruch auch bei den zuletzt entstandenen Bauten am Rand des Quartiers durch, etwa bei der Betriebskita mit dem kecken Namen „Miniapolis“. Von ihren Nordfenstern aus kann man die Pferdebahnstraße und dahinter gewaltige Mauern erkennen. Es sind Reste des Schießplatzes, auf dem früher Geschütze ausprobiert wurden.

Die Geschichte und der Mythos Krupp werden gerne inszeniert

Die Geschichte ist bei Krupp eben immer nah, und gern wird sie auch inszeniert. Gleich neben der neuen Zentrale findet sich ein offenes Gelände wie ein großer Garten. Mittendrin steht ein altes, eingeschossiges Haus quer zur Straßenflucht. Auch um die sorgsame Symmetrie des Quartiers schert es sich nicht, der gewundene Plattenweg, der zu ihm führt, unterstreicht das noch. Im 1818 gebauten „Stammhaus“ verbrachte Firmengründer Friedrich Krupp seine letzten Jahre in relativer Armut, und auch Sohn Alfred Krupp lebte hier, bis er sich Besseres leisten konnte. Ursprünglich war das kleine Haus die Wohnung des ersten Fabrikmeisters.

Essen entdecken Alfred, der eigentliche Schöpfer des Großunternehmens, erkannte um 1870, dass es sich gut in die idealisierte Krupp-Erzählung einfügen lässt, ließ es restaurieren und inmitten der Werksanlagen wie einen Fremdkörper, wie einen Gruß aus alten Zeiten stehen. Das Stammhaus sollte den Aufstieg aus kleinen Anfängen symbolisieren, es ist Teil des Mythos Krupp, wie er anschaulicher nicht sein könnte.

Das wusste auch Urenkel Alfried Krupp von Bohlen und Halbach, als er das 1944 durch Bomben zerstörte Gebäude 1961 zur 150-Jahr-Feier von Krupp leicht versetzt, aber originalgetreu wiederaufbauen ließ. Das ärmliche Stammhaus und die hypermoderne Konzernzentrale - auch dieser Gegensatz macht das Thyssen-Krupp-Quartier zu einem sehenswerten Ort.

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