Thomas Kufen, der anpassungsfähige CDU-Kandidat

Im kommunalen Rahmen einer der besseren Debattenredner: CDU-Fraktionschef Thomas Kufen im Ratsaal vor der Messe-Abstimmung.
Im kommunalen Rahmen einer der besseren Debattenredner: CDU-Fraktionschef Thomas Kufen im Ratsaal vor der Messe-Abstimmung.
Foto: Kerstin Kokoska / Funke Foto Services
Was wir bereits wissen
Die CDU tut sich generell schwer in Großstädten. Thomas Kufen soll bei der OB-Wahl in Essen eine Trendwende schaffen. Doch hat er dafür genügend Profil?

Essen.. Kann die CDU noch Großstädte erobern? Oder sind die tonangebenden städtischen Milieus in ihrer Mehrheit für Christdemokraten kaum mehr erreichbar? Das Ergebnis der Hamburg-Wahl hat die Großstadtschwäche der CDU erneut deutlich gemacht, selbst wenn offenkundig war, dass die SPD mit Bürgermeister Olaf Scholz das deutlich breitenwirksamere Personalangebot besaß. Es kann jedoch nicht immer nur am falschen Personal gelegen haben, wenn die CDU in keiner einzigen unter den zehn größten deutschen Städten mehr das Stadtoberhaupt stellt. Für die NRW-CDU lässt Landeschef Armin Laschet derzeit keine Gelegenheit aus, um mitzuteilen, auf wen mit Blick auf die OB-Wahlen am 13. September große Hoffnungen ruhen: Thomas Kufen soll in Essen zeigen, dass die CDU in einer Großstadt noch siegen kann.

Eine Trendumkehr ausgerechnet hier? Die Rahmenbedingungen scheinen in Essen für die CDU tatsächlich günstiger zu sein als andernorts. Unter den großen Ruhr-Städten ist Essen wohl diejenige, die sich am weitesten von jener SPD-Dominanz gelöst hat, die für die Region einmal legendär war.

Profitieren von der Zerrissenheit der SPD

Zugegeben, dass Bürger heute gerne „bunt“ wählen und es schon deshalb hochprozentige Mehrheiten kaum noch gibt, ist keine hiesige Besonderheit. Spezieller ist da schon die Essener SPD, deren streitfreudige Zerrissenheit sich erst jüngst wieder zeigte, als OB Reinhard Paß schwer für eine erneute Nominierung kämpfen musste. Die CDU will von dieser Uneinigkeit profitieren, ihren traditionell guten Draht zu den Essener Grünen ausspielen und hofft außerdem, dass Paß’ Amtsbonus bei den Bürgern zu klein ist, um ihn ins Ziel zu tragen. Auch dieses Kalkül ist nicht aus der Luft gegriffen, obwohl Paß durch das letztlich doch positive Votum seiner Partei neuerdings wie beflügelt wirkt.

Demokratie Politische Fehler des Gegners auszunutzen, ist das eine, doch wie präsentiert sich Laschets Hoffnungsträger selbst? Der 41-jährige Kufen tourt derzeit durch die Stadt, übt sich als händeschüttelnder Kümmerer und verschickt reichlich Stellungnahmen - das ist das übliche. Inhaltlich versteht es Kufen dabei virtuos, mal links und mal rechts zu blinken, dabei Widersprüche nicht allzu nah an sich ranzulassen, sie vielmehr ironisch zu verbrämen, worin er Meister ist. Wegen dieser Flexibilität gilt der Berufspolitiker mit Landtagsmandat auch innerparteilichen Gegnern als typisches Produkt einer CDU, von der Konservative sagen, sie sei inhaltlich entkernt und lasse sich von SPD und Grünen treiben.

Die „wachsende Stadt“ ja, aber wo genau bleibt dann offen

Interview Beispiele gibt es viele. Kufen verteilt Grundgesetze in der Innenstadt, um den Salafisten mit ihrem Koran etwas entgegenzusetzen, betont aber im WAZ-Interview ebenso demonstrativ, „weit über 90 Prozent“ aller Zuwanderer stünden voll hinter der Demokratie. Er nimmt namens der CDU an einer Demo gegen „Rechts“ teil, um Tage später zu kritisieren, dass diese maßgeblich auch von Linksextremisten organisiert wurde und es ja eigentlich Unsinn sei, „mit Verfassungsfeinden gegen Verfassungsfeinde“ vorzugehen. Er propagiert die „wachsende Stadt“, die mehr Wohnbaugrundstücke für gutverdienende Zuzügler bereitstellen müsse, hütet sich aber, konkrete Standorte zu nennen, die ihm Ärger mit Grünen, dem aktiven Öko-Bürgertum und den eigenen Stadtteilpolitikern eintragen könnte. Die Trinker-Szene, die das Umfeld des Hauptbahnhofs auch mit Fäkalien belastet, will er bekämpfen – am liebsten aber soft mit einem mobilen Klo vor dem Handelshof.

Mag sein, dass Armin Laschet genau dies unter einem modernen Großstadt-Christdemokraten versteht, und auch Kufen sieht seine unideologische Grundhaltung als klaren Vorteil. Dennoch stellt sich die Frage, ob der Borbecker mit seinem Naturell, vieles in der Schwebe zu halten, genügend Profil entwickeln kann, um sich von Paß abzusetzen. „Ein SPD-Kandidat hat in Essen immer einen Startvorteil, andererseits ist Essen keine SPD-Stadt mehr“ – ein typischer Kufen-Satz von zeitloser Richtigkeit. Wer nicht aus tiefer Überzeugung ohnehin bei der SPD abonniert ist, würde aber womöglich irgendwann gern genauer wissen, warum er statt des pragmatischen Sozialdemokraten Paß eigentlich einen CDU-Mann wählen soll.