Teure Hilfsbereitschaft

Gerade Gehbehinderten würde es wohl den Alltag sehr erleichtern, wenn sie bei einer Taxifahrt direkt bis vor die Haustür gebracht werden dürften. Doch das verstößt in vielen Fällen gegen die Straßenverkehrsordnung.
Gerade Gehbehinderten würde es wohl den Alltag sehr erleichtern, wenn sie bei einer Taxifahrt direkt bis vor die Haustür gebracht werden dürften. Doch das verstößt in vielen Fällen gegen die Straßenverkehrsordnung.
Foto: WAZ FotoPool
Was wir bereits wissen
Wenn Taxifahrer gebrechliche Fahrgäste transportieren, dürfen sie diese trotzdem nicht direkt in der Fußgängerzone absetzen – das sorgt in der Branche für Unmut

Essen..  Für Wolfgang Schmidt war es schon häufiger eine Gewissensentscheidung: Wenn der Taxifahrer bei Krankenfahrten ältere und körperlich gebrechliche Menschen transportiert, ist er oft hin- und hergerissen, ob er ihnen den Weg erleichtern und sie direkt vor der Tür zur Arztpraxis absetzen sollte, oder ordnungsgemäß nur in Parkbuchten hält, die im Hinblick auf die Verkehrssituation unproblematisch für ihn sind.

Denn wenn er sich in der Vergangenheit hilfsbereit zeigte und etwa außerhalb der offiziellen Anlieferungszeiten von 19 Uhr bis 11 Uhr ein paar Meter in die Fußgängerzone einfuhr, fand er später schnell ein saftiges Knöllchen an seiner Windschutzscheibe. „In so einem Fall habe ich schon mal 60 Euro zahlen müssen“, sagt er. „Da lässt die Stadt nicht mit sich reden.“

Kein Kulanzspielraumfür Politessen

Ähnlich erging es auch Harryette Kathol-Perrier von Taxi Specht. Vor allem ein Fall aus ihrem Berufsalltag als Taxifahrerin ist ihr in bleibender Erinnerung geblieben: „Als wir in Essen einmal einen sehr harten Winter hatten und überall Schneematsch lag, sollte ich eine Dame im Rollstuhl am Limbecker Platz abholen. Ich habe sie dann direkt in der Fußgängerzone abgefangen, weil das für die Frau bei dem Wetter wirklich ein Kraftakt war.“ Doch die Hilfsbereitschaft hatte für die Fahrerin unangenehme Konsequenzen: Eine Politesse des Ordnungsamtes wies sie harsch zurecht. „Als ich versucht habe, ihr die Situation zu erklären, sagte sie nur, das sei ihr egal“, ärgert sich Kathol-Perrier. Eine generelle Ausnahmeregelung für Taxifahrer befürwortet sie zwar, sieht aber auch Probleme in der Umsetzung: „Leider gäbe es wohl immer schwarze Schafe unter den Fahrern, die eine Ausnahmegenehmigung für eigene Zwecke missbrauchen würden“, fürchtet Kathol-Perrier.

Auch Michael Rosmanek, Vorstandsmitglied von Taxi Essen, ist das Problem nicht neu: „Das beschäftigt uns seit Jahren. Leider befinden sich viele Arztpraxen direkt in den Fußgängerzonen wie zum Beispiel das große Ärztehaus auf der Kettwiger Straße. Da ist Halten quasi unmöglich. Wegen solcher Vorfälle haben schon viele Kollegen Klagen angestrengt, die sie aber meistens verloren haben. Das lohnt die Mühe nicht.“ Gleichzeitig verstehe er aber auch die Position der Stadt, dass Ausnahmeregelungen wohl schwer umzusetzen wären, denn: „wo will man da die Grenze ziehen?“

Auch Stadtsprecher Stefan Schulze betont: „Einen Kulanzspielraum für solche Fälle gibt es in dieser Form nicht. Die Mitarbeiter der Ordnungsamtes haben dafür Sorge zu tragen, dass die Regeln der Straßenverkehrsordnung eingehalten werden – und die gelten nun einmal für Taxifahrer ebenso wie für andere Verkehrsteilnehmer.“

Kostenpflichtige Sondergenehmigung

Generell gilt: Auch bei Kunden, die einen Schwerbehindertenausweis mit sich führen, greifen bei Taxifahrten keine Sonderregelungen. Wohl aber gibt es für Fahrgäste die Möglichkeit, eine kostenpflichtige Sondergenehmigung für das Befahren von Fußgängerzonen außerhalb der Lieferzeiten zu beantragen. Für eine bestimmte Ein- und Ausfahrt kostet diese 25 Euro pro Tag – eine Option, die kaum jemand in Anspruch nimmt.

Harryette Kathol-Perrier stimmt das nur bedingt versöhnlich: „Trotz aller Bestimmungen wünsche ich mir gelegentlich ein wenig Nachsicht der Politessen – es gibt Fälle, in denen die Gesundheit der Fahrgäste vorgehen sollte.“