Tausende Kilometer reisen für eine Diagnose

Die Leitenden Ärzte Christoph Naber (links) und Oliver Bruder gewähren Einblick in das hochmoderne Herzkathederlabor im Herz- und Gefäßzentrum „Bodyguard“, das zum Elisabeth-Krankenhaus der Contilia gehört.
Die Leitenden Ärzte Christoph Naber (links) und Oliver Bruder gewähren Einblick in das hochmoderne Herzkathederlabor im Herz- und Gefäßzentrum „Bodyguard“, das zum Elisabeth-Krankenhaus der Contilia gehört.
Foto: Funke Foto Services
Was wir bereits wissen
Essen zählt zu den wichtigsten Gesundheitsstandorten Deutschlands. Dennoch hinkt man im Vergleich mit anderen Städten hinterher, wenn es um die Behandlung ausländischer Patienten geht. Dies soll sich ändern

Essen.. In Düsseldorf gehört es längst zum Straßenbild, wenn in weiß gewandete Scheichs auf der Kö entlang flanieren. Oft treiben besondere medizinische Angebote sie in die Rheinstadt, wo sie sich von den besten ihres Faches behandeln lassen können. Gerne verbindet man dann das Angenehme mit dem Nützlichen und bleibt ein paar Tage für einen Kurzurlaub in Nordrhein-Westfalen. Das Prinzip Medizintourismus rechnet sich mittlerweile in vielen deutschen Städten, doch wie sieht es in Essen aus, wo die Gesundheitswirtschaft mit gut 45.000 Jobs als größter Arbeitgeber der Stadt gilt?

Ein Ratsbeschluss soll in dieser Frage bis September Klarheit bringen – darin fordern die beteiligten Fraktionen SPD, CDU, FDP, Grüne, EBB und die Partei-Piraten die Essener Wirtschaftsförderungsgesellschaft (EWG) auf, in Kooperation mit dem Netzwerk „Essen forscht und heilt“ ein Konzept zu erstellen, um Essen als Medizinstandort für ausländische Patienten und Kranke aus anderen Regionen Deutschlands attraktiver zu machen. So soll es etwa eine zentrale Anlaufstelle für Besucher geben, wo sie von Übernachtungsmöglichkeiten über Betreuungs- und Dolmetscherangebote bis hin zur Freizeitgestaltung alle Informationen erhalten, die sie benötigen.

„Noch viel ungenutztes Potenzial“

Der CDU-Fraktionsvorsitzende Thomas Kufen zumindest sieht keinen Grund, im Hinblick auf die medizinische Kompetenz Essens Licht unter den Scheffel zu stellen: „Zwar besuchen uns eher Russen und Gäste aus den Benelux-Staaten, während die Araber traditionell nach Düsseldorf kommen. Aber was die Expertendichte und das Know-how in den Bereichen Kardiologie, Onkologie oder Organtransplantation betrifft, kann Essen da locker mithalten.“ Man wolle nicht andere Städte kopieren, sondern die eigenen Stärken mehr in den Fokus rücken. Dazu gehöre etwa, auf die Bedürfnisse mitreisender Angehöriger einzugehen. Ein Patentrezept habe er dafür indes nicht, gibt Kufen offen zu, vielmehr gehe es darum, „die richtigen Leute an einen Tisch zu bringen“.

An diesem sitzt sicherlich auch Winfried Book, Geschäftsführer von „Essen forscht und heilt“: „Ein Trumpf, den wir ausspielen können, ist der hohe Spezialisierungsgrad der medizinischen Angebote. Dieser Prozess hat vor etwa 15 Jahren begonnen und sich hervorragend entwickelt“, sagt er und bescheinigt den Kliniken großes Engagement in ihrem internationalen Denken und Handeln. Vor allem in der Diagnostik ist Essen stark und bleibt dabei für den breiten Mittelstand bezahlbar – so die Expertenmeinung. Auch die Zahlen stimmen optimistisch: Circa 750.000 Patienten lassen sich in Essen behandeln – gut zehn Prozent von ihnen kommen von Auswärts. Tendenz steigend.

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„Unsere Städtepartnerschaft mit Nishnij Nowgorod trägt sicherlich dazu bei, dass so viele russische Patienten sich hier behandeln lassen“, vermutet Book. Ein über die Jahre gewachsenes Vertrauensverhältnis, das sich rentieren dürfte, wenn man es richtig anstellt: „Ausländische Klienten werden größtenteils wie Privatpatienten abgerechnet, was natürlich die Wertschöpfung steigert.“ Die Mehreinnahmen flössen wiederum in die Infrastruktur, um ausländische Gäste vor Ort gut betreuen zu können.

Authentisches Selbstverständnis der Kliniken

Burkhard Büscher, Sprecher des Uniklinikums, warnt dennoch davor, sich falsche Illusionen zu machen: „Wir erhalten zwar viele Anfragen aus dem Ausland, haben aber kaum ausreichend Kapazitäten, um dem gerecht zu werden“, stellt er klar. „Zu uns kommt weniger der Oligarch mit dicker Brieftasche, sondern eher Menschen aus Osteuropa, die wir vornehmlich aus humanitären Gründen hier behandeln.“ Zu oft bleibe man auf den Kosten sitzen. „Wir können nicht die ganze Welt mit Gesundheit versorgen.“

So begnügt man sich im Herz- und Gefäßzentrum „Bodyguard“ im Elisabeth-Krankenhaus fürs Erste mit einem Teil der Welt. Hier funktioniert schon recht gut, was in anderen Kliniken noch Zukunftsmusik ist. Eine Philosophie ruhrgebietstypischer Bodenständigkeit trägt für Direktor Oliver Bruder dabei entscheidend zum Erfolg bei: „Wir wollen uns nicht an Düsseldorf oder München orientieren, sondern einfach mit unseren medizinischen Leistungen überzeugen. Ein Plüschpalast mit Schickimicki-Ambiente – das wäre in Essen einfach nicht authentisch. Unser Ansatz basiert auf Nachhaltigkeit.“ Was nicht bedeutet, dass man im Bodyguard weniger Wert auf eine angenehme Atmosphäre legen würde. Die Räume sind stilvoll eingerichtet, doch kommt man an der Huttropstraße ohne Marmor und goldene Wasserhähne aus. Viele Patienten kommen, um sich einem sogenannten Tages-Checkup zu unterziehen: EKG, Blutabnahme, Ultraschall – das volle Programm.

Vertrauen in deutsche Technik

Bei der Behandlung von ausländischen Patienten spielen mithin auch Sprachbarrieren und Mentalitätsunterschiede eine Rolle. So gleicht die Arbeit des Teams oft einer kleinen Sozialstudie: „Die russischen Gäste begeistern sich stark für unsere deutsche Technik und die Geräte“, sagt Bruder. „Die Kommunikation gestaltet sich relativ unkompliziert.“ Schwieriger sei es zuweilen mit arabischen Besuchern, die einem völlig anderen Kulturkreis entstammen: „Dort fällt oft ein mangelndes Gesundheitsbewusstsein auf“, stellt der Arzt fest. „Die meinen, sie müssten nur eine Pille einwerfen und das Problem ist gelöst.“

Ein Argument, das Skeptiker gern anführen, will derweil Thomas Budde, Chefarzt für Innere Medizin am Alfried-Krupp-Krankenhaus, gleich entkräften: „Ausländische Patienten nehmen den einheimischen nicht die Plätze weg, da sie außerhalb des Budgets verrechnet werden. Wenn man in Häusern mit den entsprechenden Kapazitäten zusätzliche Betten schafft, können alle davon profitieren.“