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Taucher sagen Müll in der Ruhr den Kampf an

24.05.2011 | 04:00 Uhr
Taucher sagen Müll in der Ruhr den Kampf an
Holen den Schweren Sack Müll aus dem Wasser: Heiko Wirths, Oliver Detje und Justin Knigge.

Steele.Rund 30 Taucher haben rings um das Steeler Freibad das Flussbett der Ruhr auf Vordermann gebracht. Kein ganz ungefährliches Unterfangen: Schließlich liegen neben jeder Menge Unrat auch Überreste aus dem Zweiten Weltkrieg in dem Fluss.

Wenn Taucher sich zum „Ruhrputz“ treffen, stellen sie sich einer Herausforderung, die nicht ganz ungefährlich ist. Schließlich machen sie sauber in einer Umgebung, in der ein Mensch ohne technische Hilfe nicht überleben kann. Sie beseitigen Dreck, der „unsichtbar“ ist – weil er unter Wassermassen verborgen liegt. Und auf dem Grund der Ruhr liegt davon eine ganze Menge. Das wurde am Wochenende sichtbar, als sich mehr als 30 Unterwassersportler in die Fluten wagten, um das Flussbett rings um das Steeler Freibad zu putzen.

Erfahrungsbericht
Beinahe-Explosion im Fluss

Langsam schwebe ich in 1,80 Metern Tiefe durch das grüne Wasser. Meine Tauchpartner habe ich schon nach den ersten drei Flossenschlägen aus den Augen verloren. Die Sicht ist trübe, kaum sieht man die Hand vor Augen. Ich könnte an einem versunkenen Kleinwagen vorbeitreiben, sehen würde ich ihn nicht.

Plötzlich taucht ein seltsamer Gegenstand in meinem eingeschränkten Blickfeld auf. Der Müllsack, den ich in der rechten Hand halte, war bislang noch erstaunlich leer, jetzt wittere ich den „Hauptgewinn“. Mit so einem großen Objekt im Beutel, denke ich, werden die anderen Taucher große Augen machen bei meiner Rückkehr.

Ich greife das seltsame Objekt. Merke, dass es ganz schön schwer ist. Mir schießt ein erschreckender Gedanke durch den Kopf: Das, was ich gerade in Händen halte, ist bestimmt irgendeine Hinterlassenschaft aus dem Krieg. Womöglich sogar noch scharf?

Reflexartig lasse ich das Ding fallen. Langsam sinkt es gen Boden. Ich schnappe danach, greife aber ins Leere. Instinktiv drehe ich mich weg, erwarte die Explosion.

Der Gegenstand schlägt gegen einen Stein. Ich höre ein metallisches „Klong“, denke, jetzt ist alles aus – und es passiert: Nichts. Durchatmen. Es ist noch einmal gutgegangen.

Von nun an bin ich vorsichtiger, achte auf Zivilisationsmüll. Weniger spannend, aber deutlich sicherer.

Organisiert wurde die Aktion von der Rellinghauser Tauchschule „Dive in Essen“. Eine Sondergenehmigung erlaubt den Tauchern seit Jahren, dass sie den Fluss als Trainingsgewässer nutzen. „Das Ziel unserer Ruhrputz-Aktion ist, ein Bewusstsein für den Umweltschutz zu wecken“, sagt Initiator Holger Cremer (42). „Den Leuten soll klar werden, dass sie nicht alles in den Fluss schmeißen können.“ Oft schüttelt Cremer nur noch mit dem Kopf, wenn er bei seinen Tauchgängen sieht, was in der Ruhr alles auf Entdeckung wartet. Als Beispiele nennt er Fahrräder, Fernsehgeräte, Kühlschränke oder etwa alte Autoreifen.

Sichtweite unter Wasser sehr schlecht

Für den Ruhrputz werden die Taucher in Vierer-Gruppen eingeteilt. „Unter Wasser müssen diese Teams unbedingt nah beieinander bleiben“, sagt Cremer bei der Erklärung der Spielregeln. Leicht könne man sich nämlich aus den Augen verlieren, da die Sichtweite wegen der jahreszeitbedingten Algenblüte sehr schlecht sei. „Vermutlich werden wir mit der Nase auf dem Grund liegen, damit wir überhaupt etwas sehen.“

Auch Sicherheitsaspekte spricht Cremer an. Glasscherben seien eine mögliche Gefahr. Die Taucher sollen daher stets Handschuhe tragen. Auch Angelschnüre könnten zu einem Problem werden. Wer ein Tauchermesser hat, soll es daher einstecken. Und – das stellt Cremer mit Nachdruck hervor – es könnte sein, dass die Taucher bei der Unterwasser-Erkundung auf Hinterlassenschaften aus vergangenen Kriegen stoßen. „Wenn Ihr irgendetwas entdeckt, das nach Munitionsresten aussieht – Fasst es auf gar keinen Fall an“, warnt Cremer.

900 Liter Müll

Nach und nach springen die Taucher mit ihrer schweren Ausrüstung ins Wasser. Jeder hält einen schwarzen Müllsack in der Hand. Sie verschwinden unter der Wasseroberfläche, zu sehen sind plötzlich nur noch Blubberblasen, die sich langsam vom Ufer entfernen. Ihre Suche beginnt.

Nach 30 Minuten kehren die ersten Taucher zurück. In Siegerpose recken sie die inzwischen gefüllten Müllsäcke in die Höhe. Eine erste Inventur fördert Erstaunliches zutage: eine alte Wasserwaage, Werkzeuge, Flaschen, jede Menge Glasscherben, eine Leiter, eine Eisenbahnschiene, Regenschirme, Plastikmüll... das alles wandert in einen Container, den die Entsorgungsbetriebe ans Ufer gestellt haben. „Insgesamt haben wir rund 900 Liter Müll aus dem Fluss geborgen“, bilanziert Cremer. Hinzu kommen dutzende Säcke, die Mitglieder des „SV Steele 1911“ mit Unrat aus den Uferzonen befüllt haben.

Tobias Appelt

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