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Tag des Handwerks bietet Orientierung

04.09.2011 | 17:34 Uhr
Tag des Handwerks bietet Orientierung
Foto: Torsten Leukert

Essen. Der „Tag des Handwerks“ bot Jugendlichen die Möglichkeit, Ausbildungsberufe praktisch zu erfahren. Dabei durften die Jugendlichen in den geöffneten Werkstätten selbst ausprobieren. Kfz-Mechatroniker und Friseurin sind bleiben die beliebtesten Jobs.

„Bei uns steht das Gütesiegel nicht auf dem Etikett, sondern hinter der Theke“, heißt es am Samstag am Stand der Fleischer-Innung vor dem Haus des Handwerks an der Katzenbruchstraße. Von den Bratwürsten, die Meister und Lehrlinge dort auf dem Grill brutzeln, lenkt die markige Werbebotschaft die Besucher des bundesweit stattfindenden „Tag des Handwerks“ aber nicht ab.

Viel wichtiger ist, was die Auszubildenden jugendlichen Gästen berichten können, die vielleicht noch für 2011 oder für 2012 eine Ausbildung suchen. „Für mich war es die erste Wahl. Ich muss zwar um 5 oder 6 Uhr anfangen, aber habe früh Feierabend“, erzählt Fleischer-Lehrling Daniel. Der 18-Jährige bereut seine Entscheidung nicht. Etwa mit Herstellung, Verkauf, Verpackung oder Schlachten sei die Tätigkeit sehr abwechslungsreich und man könne eigene Ideen einbringen.

Kfz-Mechtroniker und Friseurin bleiben beliebt

Erfahrungsaustausch und Selbstversuch stehen in den geöffneten Werkstätten an dieser Art Tag der offenen Tür im Vordergrund. Andere Innungen, die nicht direkt im Hause sitzen, machen mit Auslagen und Exponaten auf sich aufmerksam, etwa die Steinmetze und -bildhauer. Mit brauner Künstler-Baskenmütze auf dem Haupt erklärt Johann Müller-Goldkuhle steinerne Gesellenstücke, die er mitgebracht hat. „Freude an der Tätigkeit und ein entsprechendes Bildungsniveau in Mathematik, Gestaltung und Sport müssen vorhanden sein“, beschreibt er Anforderungen an künftige Bewerber. Auf die kommen jedoch pro Jahr nur neun offene Ausbildungsstellen in Essen. Probleme, Nachwuchs zu finden, gibt es nicht: „Es ist sehr gefragt, weil es ein gestalterischer Beruf ist.“ Unangefochten belegen aber weiterhin Kfz-Mechatroniker bei den Jungen und Friseurin bei den Mädchen Platz eins in der Liste der beliebtesten Ausbildungsberufe. „Des Deutschen liebstes Kind ist das Auto“, so Ausbilder Andreas Klettke.

Das örtliche Handwerk
Die „Wirtschaftsmacht von nebenan“
Die „Wirtschaftsmacht von nebenan“

Die Kreishandwerkerschaft macht auf lokale Sorgen aufmerksam. 5155 Betriebe zählt sie in der gesamten Stadt.

Passend zum „Tag des Handwerks“ machte die Kreishandwerkerschaft auf ihre Bedeutung als „Wirtschaftsmacht von nebenan“ aufmerksam und präsentierte neueste Zahlen: Nach ihren Erhebungen gibt es in unserer Stadt 5155 Handwerksbetriebe, darunter fallen Meisterbetriebe, zulassungsfreie Handwerke und handwerksähnliche Gewerbe. Im Jahr 2010 haben 30.530 Mitarbeiter in Essen einen Umsatz von rund drei Milliarden Euro erwirtschaftet. Im Durchschnitt besteht ein Betrieb aus sechs Mitarbeitern.

„Gesamt stellt das örtliche Handwerk ein Drittel aller Ausbildungsverträge“, sagt Kreishandwerksmeister Gerd Peters. Für das Jahr 2011 hat der Dachverband der lokalen Innungen bis Ende August bereits 595 neue Verträge in mehr als 50 Lehrberufen gezählt. Er geht davon aus, dass bis Ende Dezember die Vorjahreszahl von 870 neuen Lehrverträgen erreicht wird.

Sorgen macht den Akteuren vor Ort besonders die 2004 erfolgte Novellierung der Handwerksordnung. In einigen Berufen, etwa dem des Fliesenlegers, verschwand der Meisterzwang, um sich selbstständig machen zu können. „Die fünffache Zahl der Betriebe hat sich auf einmal als Fliesenleger geoutet, viele von denen haben es vorher schwarz gemacht“, erklärt Peters. Das Risiko der Insolvenz sei bei diesen Ein-Mann-Betrieben viel höher. Licht- und Schatten gibt es auch im Verhältnis zur Stadt Essen. Die Mitgliedsbetriebe sind laut Kreishandwerkerschaft sehr beunruhigt, was die künftigen Neuregelungen rund um die Umweltzone für sie bedeuten könnten. „Wir haben unsere Stellungnahmen abgegeben und warten jetzt ab“, sagt Hauptgeschäftsführer Ulrich Meier. Als gut, aber ausbaufähig sieht Gerd Peters die städtische Auftragsvergabe ans lokale Handwerk an: „Der Anteil liegt bei 65 bis 70 Prozent.“ Dennoch könne der städtische Kreislauf mehr gestärkt werden.

Schöne, aber essbare Formen kreiert die 20-jährige Ayla. Sie lernt bereits im zweiten Jahr das Metier der Konditorin und knetet Marzipan-Figuren, die die Besucher hungrig bestaunen. Eigentlich wäre sie gern Köchin geworden, „aber als Muslimin mit Schweinefleisch zu arbeiten, das gehe nicht.“ Und türkische Restaurants bildeten kaum aus. Anstatt den Kopf in den Sand zu stecken, fand sie eine Alternative, die ihr sichtlich Spaß macht.

Flexibel sein und sich nicht bloß auf einen Wunschberuf versteifen, das rät dagegen Andrea Demler von der Arbeitsagentur nicht ohne Grund: „Anforderungen, Qualifikation und ,soft skills’ passen nicht immer zusammen. Dann muss man anhand der jetzigen Fähigkeiten bewerten, was es für Alternativen gibt.“ Die Kreishandwerkerschaft bemängelt in diesem Fall auch, dass zu viele Unentschlossene lieber noch ein Jahr weiter zur Schule gehen, um ihre Qualifikation aufzuwerten. „Das endet aber oft damit, dass sich die Bewerber verschlechtern und im Wettbewerb ein Jahr später den Kürzeren ziehen“, sagt Hauptgeschäftsführer Ulrich Meier.

Offene Stellen
Letzte Chance für 2011

Gemeldet waren für das Ausbildungsjahr 2011 laut Andrea Demler von der Essener Arbeitsagentur am Freitagmorgen noch rund 200 offene Lehrstellen, davon 59 im Handwerk, etwa bei Friseuren, Fleischern, Elektronikern, Malern oder Gebäudereinigern. Sie geht von rund 750 unversorgten Bewerbern in der Stadt aus. Die Zahlen änderten sich jedoch stündlich.

Die Unterstützung des Elternhauses ist ihm wichtig. Umso mehr freut es ihn, dass viele Jugendliche am Samstag mit Vater und Mutter kommen, so auch der 14-jährige Leon. Für 2011 suche er nicht, sondern fürs nächstes Jahr. „Ich wollte mir erstmal alles angucken“, sagt er. Diese Antwort hört man von vielen, die am Samstag erstmalig suchen – und zwar nach Orientierung.

Tim Walther

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2011-09-04 17:34
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