Kunst der Entschleunigung – mit Shellackplatten und Melone

Ein Mann mit Charme und Melone: Daniel Zellmer wirkt wie aus der Zeit gefallen.
Ein Mann mit Charme und Melone: Daniel Zellmer wirkt wie aus der Zeit gefallen.
Foto: Funke Foto Services
Was wir bereits wissen
Nostalgiker Daniel Zellmer liebt und lebt den Sound der Zwanziger Jahre. Er tanzt Swing, sammelt Schellackplatten und Grammophone.

Essen-Südviertel.. „Swing tanzen verboten“ steht auf dem weißen Blechschild, doch Daniel Zellmer lässt sich davon nicht beeindrucken. Mit fast zärtlichen Gesten kurbelt er das Laufwerk des Grammophons auf, wechselt die Stahlnadel und setzt den Tonarm mit Schalldose auf die Schellackplatte: „I’ve got a gal in Calamazoo“ singen und swingen die Andrew Sisters, die mit ihrem Hit „Bei mir bist du schoen“ weltbekannt wurden.

„Ich bin eben ein unverbesserlicher Nostalgiker“, sagt der 39-Jährige, der mit seinem gezwirbelten Schnurrbart, den gestreiften Hosenträgern und der steifen Melone wie aus der Zeit gefallen wirkt. Besonders für die Ära der Schellackplatten hat der Zahntechniker ein Faible. „Ich mag den Sound der Zwanziger Jahre, das war eine wilde, atemlose aber auch gefährliche Zeit, in der alles möglich war aber, wie die Geschichte zeigt, auch alles auf dem Spiel stand.“ Und er liebt, so sagt er, das leichte Knistern der Platte. Statt auf die Knöpfe einer Fernbedienung zu drücken, sei das Bedienen eines Grammophons für ihn wie die langsame Zubereitung eines guten Kaffees. „Das ist Genuss durch Entschleunigung.“

Über 100 Jahre alte Aufnahme von Enrico Caruso

Über tausend Schellackplatten stapeln sich in Zellmers Wohnung im Essener Südviertel in den Regalen, darunter viele Klassiker und Raritäten, wie eine über 100 Jahre alte Aufnahme von Enrico Caruso. „Das war eine der ersten Schellackplatten, die je gepresst wurde. Damals gab es nur eine Seite.“

Ausscheidungen der Lackschildlaus Doch nicht nur Musik sammelt Zellmer, auch Grammophone haben es ihm angetan. Sechs Stück hat er inzwischen liebevoll restauriert, vier weitere warten auf eine Auffrischung. Wenn er andere Liebhaber findet, verkauft er sie auch. Sein größtes Schmuckstück ist von Baujahr 1913 und aus Mahagoni, aber auch die drei transportablen Schrankgrammophone, die er im Laden „Zechengold“ seiner Frau Anne ausgestellt hat, haben es ihm angetan. „Die waren zu ihrer Zeit sehr teuer und exklusiv, heute vergleichbar mit einem Sound-System von Bang & Olufsen.“ Für seine Leidenschaft ist er auf allen Flohmärkten in der Umgebung unterwegs, hat sich mit anderen Sammlern vernetzt und sich genug Wissen angeeignet, um die Mechanik zu verstehen. So muss nach jeder Platte die Nadel gewechselt werden.

Swing und Charleston in der Villa Rü

Sein Hobby teilt er mit seiner Partnerin, mit ihr tanzt er auch regelmäßig Swing, Charleston und Shag beim LindyHop in der Villa Rü. „Wir sind eine kleine aber nette Szene von 20, 30 Leuten.“

Zum Thema Entschleunigung passt übrigens auch sein neuestes Projekt: Angetan mit Melone und Cut, mit einem Koffergrammophon und einem Blumenstrauß kann man bei Daniel Zellmer für Geburtstage oder Jubiläen eine SMS buchen - das steht nicht für die Kurznachricht, sondern für einen persönlichen Schellack Melone Service.