Syrischer Flüchtling sieht Deutschland dankbar – aber kritisch

„Wir sind nach wie vor eine Minderheit – wir ändern hier gar nichts“, glaubt der gebürtige Syrer Amer Alsaid. Foto: Knut Vahlensieck / FUNKE Foto Services
„Wir sind nach wie vor eine Minderheit – wir ändern hier gar nichts“, glaubt der gebürtige Syrer Amer Alsaid. Foto: Knut Vahlensieck / FUNKE Foto Services
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Was wir bereits wissen
Amer Alsaid über Deutschland als träge gewordene Komfortzone, über enttäuschte Erwartungen, Fehler bei der Zeltunterbringung und die Veränderungen des Klimas nach der Kölner Silvesternacht.

Essen.. Als er nach seiner Odyssee durch sechs Länder im Spätsommer 2015 in Deutschland ankam, trug Amer Alsaid nicht viel mehr bei sich als seine Shorts und ein T-Shirt. Der Körper gezeichnet von Blutergüssen und einem heftigen Sonnenbrand, fand der 26-jährige gebürtige Syrer Asyl und kam in Essen unter.

Es war das ersehnte Ziel einer Flucht, die den 26-jährigen Syrer bei aller Dankbarkeit gegenüber seinen Helfern keineswegs unkritisch gemacht hat, zumal so manche seiner Erwartungen jäh enttäuscht wurden: Das muss wohl so sein, wenn man vom deutschen Lebensstandard mit Mercedes S-Klasse-Niveau in allen Bereichen träumt und in einem Zeltdorf nahezu ohne echte Privatsphäre aufwacht. Bei verschiedenen Protestaktionen am Rathaus und in den Camps hat Alsaid den hier untergebrachten Flüchtlingen und ihrem Unmut über die organisierte Langeweile und die schleppende Verfahrensdauer eine Stimme gegeben. Ihm fällt das leicht, er spricht – üppigem Videospiel-Konsum sei Dank – neben Arabisch auch hervorragend Englisch, und verfügt dazu über Grundkenntnisse in sieben weiteren Sprachen, darunter Russisch und Persisch. In Deutsch dagegen gibt er sich bislang allenfalls einen von zehn Punkten, eine besondere Ausbildung beim Bfz soll Abhilfe schaffen und ihm hernach den Einstieg in seinen Beruf ermöglichen – Alsaid war in Dubai Betriebsleiter bei einem E-Commerce-Unternehmen.

Am Ende will er sich vielleicht selbstständig machen, an Selbstbewusstsein mangelt es ihm jedenfalls nicht und auch nicht an provokanten Thesen über ignorante Deutsche, die sich auf ihren Lorbeeren von gestern ausruhen.

Herr Alsaid, seit ziemlich genau fünf Jahren herrscht Krieg in ihrer Heimat Syrien. Erinnern Sie sich an den Tag, als Sie zum ersten Mal spürten: In diesem Land habe ich keine Zukunft?

Amer Alsaid: Ja, natürlich, aber ich habe das Land verlassen, bevor dieser Tag kam.

Warum?

Alsaid: In Syrien werden wir in einem bestimmten Alter gezwungen, in die Armee zu gehen. Wir fühlen aber nicht, dass wir dort unserem Staat „dienen“, wir werden dort eher gequält und herabgewürdigt. Also verließ ich Syrien 2008. Da war ich 18.

Nicht Deutschland war zunächst Ihr Ziel, sondern Dubai.

Alsaid: Ja, dort habe ich knapp acht Jahre gearbeitet, mich weitergebildet und war am Ende Betriebsleiter in einer angesehenen Firma für E-Commerce. Das Problem war nur, dass man in Dubai oder eigentlich der gesamten Golf-Region „aus Sicherheitsgründen“ kein Visum bekam.

So gingen sie zunächst in die Türkei.

Alsaid: Nach Istanbul, ja, aber dort zu leben war hart, denn so, wie die Menschen dort behandelt werden, ist das meiner Meinung nach Sklaverei. Ich habe als Bürojunge gearbeitet...

Sauber machen, Kaffee und Tee kochen, Kopien machen, sowas?

Alsaid: Auch, ja. 13 Stunden am Tag. Für einen Monat hätte ich 650 türkische Lira bekommen, davon kann man in Istanbul nicht leben. Also musste ich wieder weg. Meine Familie war inzwischen auf abenteuerliche Weise nach Köln gekommen und sagte: Versuch’ doch nachzukommen. Also ging die Reise los, ausgerechnet an meinem Geburtstag.

"Die Deutschen sind nicht so aufgeschlossen wie ich dachte"

Warum entscheiden sich wie Sie so viele Syrer für Deutschland als Ziel?

Alsaid: Syrien ist ein Dritte-Welt-Land, und das Bild, das die Syrer von Europa insgesamt und Deutschland vor allem haben, ist: Wow! Die sind dort an der Spitze der Technologie, Spitze bei Innovationen.

Es heißt, viele Syrer fühlten sich von der deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel regelrecht eingeladen. Haben Sie das auch so verstanden?

Alsaid: Eigentlich nicht. Aus meiner Sicht – also ich hätte Belgien gewählt. Die Deutschen sind nette Leute und innovativ und so, aber ich habe den Eindruck, dass viele Deutsche den Gedanken im Hinterkopf haben, dass Syrer oder die Flüchtlinge allgemein hinter ihren Sachen, ihrem Wohlstand her sind. Da sage ich: welcher Wohlstand? Ich komme aus Dubai. Es gibt hier für mich kein Angebot, das so einzigartig ist, dass man unbedingt hier bleiben müsste. Es gibt doch mittlerweile schon Flüchtlinge, die wieder aus Deutschland wegziehen, jetzt, wo sie die hässliche Seite kennengelernt haben.

Was enttäuscht Sie an Deutschland? Dass man hier im Zelt wohnen muss? Dass man hier keine Arbeit hat?

Alsaid: Dass die Deutschen leider nicht so aufgeschlossen sind, wie ich dachte.

Wir Deutschen sind nicht alle gleich.

Alsaid: Ja, das stimmt natürlich. Aber viele, die ich getroffen habe, empfand ich als ignorant.

Gegenüber Ihrem Schicksal?

Alsaid: Nein, gegenüber dem Leben, das uns und Euch alle umgibt. Sie leben in ihrem eigenen kleinen Rahmen. Ich hatte viel höhere Erwartungen. Als ich noch in Dubai lebte, ging ich manchmal in einen Kaffeeladen und dachte: Mein Gott, dieser Kaffee ist fantastisch. Aber dann kam ich hier ins Camp und dachte der Kaffee ist...

Hm. Wie finden Sie unseren Redaktions-Kaffee?

Alsaid: (lacht) Nicht so toll wie in Dubai...

Na gut, wir arbeiten dran. Aber gehen Sie nicht zu hart ins Gericht?

"Meine Erwartungen waren in der Tat unglaublich"

Alsaid: Ich weiß nicht. Meine Erwartungen waren in der Tat unglaublich. Nehmen sie zum Beispiel Gillette: Sie nehmen diese Klinge und rasieren sich einen vollen Monat, und sie ist danach immer noch so gut wie neu.

Also erwarteten Sie Mercedes-S-Klasse-Niveau an jeder Ecke?

Alsaid: Ja!

Tja, Pech, da müssen wir Sie wirklich enttäuschen. So ist es nicht.

Alsaid: Aber das ist, was viele Flüchtlinge erwarten. Ich hab’ die Deutschen immer gerühmt. Sie waren für mich echte Idole.

Verstehe, und jetzt entpuppen wir uns als so eine Art Scheinriese wie in einem alten deutschen Kinderbuch: Je näher man uns kommt, desto eher erreichen wir Normalgröße. Was glauben Sie, woran das liegt?

Alsaid: Ganz ehrlich? Weil Sie zuhause sitzen, in Ihrer eigenen Komfortzone. Der Grund, warum die Deutschen so viel Erfolg hatten, lag doch darin begründet, dass das Land nach dem Zweiten Weltkrieg völlig zerstört war. Und wenn man nichts mehr hat, muss man hart dafür arbeiten.

So wie Sie?

Alsaid: Genau. Sie haben dieses enorme Niveau erreicht, die besten Züge, die besten Autos, die beste Industrie – und jetzt setzen Sie sich hin und ruhen sich aus. Warum? Machen Sie doch weiter!

"Wir nehmen doch niemandem was weg!"

Den Wohlstand sehen viele Deutsche als Frucht ihrer Arbeit – und sorgen sich womöglich, davon etwas zu verlieren.

Alsaid: Ja, dabei haben Sie hier eine großartige Gelegenheit: Die Migranten, die herkommen, wollen nur ein neues Zuhause finden, wollen arbeiten und ihr Leben leben. Wir nehmen doch niemandem was weg! In der Türkei haben wir 13 Stunden am Tag wie Sklaven geschuftet. Hier machen wir das freiwillig, und wir werden sehr produktiv sein. Ich lese immer was davon, dass 80 Prozent der syrischen Flüchtlinge ungelernte Arbeiter wären. Was glauben denn Sie, was wir in Syrien machen? Was glauben Sie, warum die Universitäten voll sind mit Antragstellern, die ihr Studium fortsetzen wollen? Wir sind gut ausgebildet, wir haben Fähigkeiten. Bevor dieser Krieg startete, waren wir in vielen Ländern, auch Deutschland, um zu arbeiten. Hier ist unsere Expertise, unsere Ingenieure, unsere Ärzte.

Es gibt aber auch viele Ungelernte. Aber egal, wer kommt, sein Alltag in Essen beginnt im Heim oder gar im Zelt. Sie haben es erlebt. Wie war’s?

Alsaid: Welches Bild soll ein syrischer Flüchtling in einem Zelt von Deutschland schon mitnehmen? Das k a n n überhaupt nicht gut sein.

Die Stadt sagt: Es kamen zu viele in zu kurzer Zeit, es ging nicht anders.

"Entweder sie bringen sich um, oder sie lernen, miteinander zu leben"

Alsaid: Aber die Unterbringung in den Heimen ist blöd gelöst, man hat hüben alle Syrer zusammengepackt und drüben alle Ägypter und dort sonst wen – und dadurch eine stereotype Gemeinschaft geschaffen. Mischt sie doch einfach zusammen. Entweder sie bringen sich gegenseitig um, oder sie lernen, miteinander zu leben.

Sehr witzig. Die Idee zu sortieren, kam auch deshalb auf, w e i l manche aufeinander losgegangen s i n d.

Alsaid: Aber ich finde, Sie haben damit ein Problem gelöst und ein größeres geschaffen. Und wenn es Übergriffe gibt, muss man diese eben ahnden.

Leicht gesagt. Sie wissen, was in der Silvesternacht am Kölner Hauptbahnhof geschehen ist?

Alsaid: Ja, wenn solche Dinge passieren, müssen die Leute ins Gefängnis und diese Vorgänge publik gemacht werden. Niemand sollte sie verschweigen, niemand sie für seine Zwecke missbrauchen, nur weil auch Flüchtlinge darunter waren. Es gibt gute genauso wie schlechte Syrer.

In jener Nacht, scheint’s, ist bei vielen die Stimmung gegenüber Flüchtlingen gekippt. Spüren Sie das?

Alsaid: Nicht persönlich, weil ich nicht wie ein typischer syrischer Flüchtling aussehe. Aber mehrere meiner Freunde haben Feindseligkeit erlebt. Da wird man sofort irgendwo einsortiert, das schmerzt einen persönlich.

Rechtspopulistische Parteien bekommen Zulauf, weil das Unwohlsein in der Flüchtlingskrise wächst. Merken Sie eigentlich selbst, wie sehr Sie als Flüchtlinge diese deutsche Gesellschaft verändern?

Alsaid: Ja, obwohl: Nicht wir haben diese Gesellschaft verändert, wir waren nur die Entschuldigung dafür, dass sich diese Gesellschaft geändert hat. Wie kann man darauf kommen, dass ein Prozent Flüchtlinge eine Gesellschaft ändern kann? Wir sind nach wie vor eine Minderheit, wir ändern hier gar nichts.

„Integration wollen und dann wegrennen – das wird nicht klappen“

Eine Million Flüchtlinge kamen allein 2015 nach Deutschland, 6400 nach Essen. Viele empfinden das als viel.

Alsaid: Deutschland nimmt eine Million Menschen auf und schreit auf. Als der Libanon angegriffen wurde, hat Syrien über Nacht 200.000 Flüchtlinge aufgenommen. Wir haben uns darüber nie beklagt. Syrien war der Nummer 1-Unterstützer für Flüchtlinge, besonders in unserer Region: Palästinenser, Libanesen, Irakis. Wir haben jedem Schutz geboten, niemand blieb hungrig, niemand schlief in den Straßen. Die Immobilienpreise schossen in die Höhe, und ich erinnere mich, wie ich mal ein Kilo Tomaten für 100 Lira kaufte, obwohl es die normalerweise für zehn Lira gibt.

Aber wir haben in Essen bereits einen großen Anteil Zuwanderer, besonders in Stadtteilen des Nordens. Daher die Sorge, die man ja nicht teilen muss. Aber ernst nehmen.

Alsaid: Richtig, aber viele von den Migranten von einst sind längst Deutsche, hier geboren, hier aufgewachsen. Sie sind nicht mehr wirklich türkisch. Ich meine, ich war acht Jahre in Dubai. Was würde wohl passieren, wenn ich nach Syrien zurückgehe? Im Camp lachen sie mich manchmal aus, wegen meines Akzents.

"So eine Katastrophe sollte uns alle zusammenbringen"

Sie dürfen hier bleiben, bekommen Asyl, eine Ausbildung, viel Hilfe.

Alsaid: Darüber bin ich auch froh. Ich spüre, dass die Menschlichkeit wiederhergestellt wird. Aber organisieren Sie das doch m i t den Flüchtlingen.

Wie meinen Sie das?

Alsaid: Ich höre oft: Wir kümmern uns um die Flüchtlinge, geben denen dies, und geben denen das. Ich bin darüber glücklich – und enttäuscht zugleich, denn wo sind die Flüchtlinge in solchen Runden? Reden Sie mit ihnen. Wir wollen doch nicht wer weiß was für Dinge. Wir wollen, dass sie mal vorbeikommen, guten Tag sagen, mal auf einen Kaffee einladen, mehr muss doch gar nicht sein.

Schade, dass Sie diese Erfahrungen nicht gemacht haben.

Alsaid: Ich schon, aber sicher nicht die Mehrheit der Flüchtlinge. Wenn Sie deren Integration wollen, aber dann wegrennen, wird das nicht klappen. So eine Katastrophe sollte uns alle zusammenbringen, aber anscheinend trennen uns solche Ereignisse mehr – und bringen uns weiter weg von der Menschlichkeit und hin zu materiellen Überlegungen.

Wir lernen alle. Auch in Essen. Nebenbei: Wie finden Sie die Stadt?

Alsaid: Ehrlich, die Stadt ist nett. Und sie hat Geschichte. Aber...

Aber?

Alsaid: Eine gute Infrastruktur, aber sie ist in die Jahre gekommen. Was ist passiert in den vergangenen 30 Jahren?

Wir sind eine Stadt im Wandel, immer noch. Weg von Kohle und Stahl. Viele Arbeitslose, ein maroder Etat. Dennoch: Wollen Sie bleiben?

Alsaid: Anfangs nicht, weil ich mit meiner Familie zusammensein wollte. Aber ironischerweise stand mir die Bürokratie im Weg, und jetzt habe ich entschieden, hier zu bleiben. Ich lerne langsam die Stadt kennen, neue Leute, ich werde hier Wurzeln schlagen.

Es gibt eine Frage, die taucht in nahezu jedem deutschen Bewerbungsgespräch auf: Wo sehen Sie sich...

Alsaid: ...in fünf Jahren, aaah, ich liebe diese Frage. An der Spitze der Pyramide! Ach nein, ein Scherz. So ein Typ will ich nicht sein. Ich will einen guten Fußabdruck in der Gesellschaft hinterlassen.