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Hinterhof-Geschichten

Ungewöhnliche Nachbarschaft „wie in der Lindenstraße“

26.12.2012 | 17:01 Uhr
Ungewöhnliche Nachbarschaft „wie in der Lindenstraße“
Christine Becker und Michael Josten vom Reisebüro "Flugpol" mit Nachbar und Malermeister Thorsten Christians.Foto: Sinan Sat

Essen-Rüttenscheid.   Das Reisebüro Flugpol und der traditionsreiche Malerbetrieb Christians teilen sich den Hinterhof an der Annastraße. Ihre Geschichte erzählt von mutigen Neuanfängen, heftigem Reisefieber und ganz enger Nachbarschaft.

Recht traurig hängt die Plastik-Sonnenblume in den blätterlosen Efeu-Ranken an der Anna­straße 28. Wo zurzeit tristes Grau das Bild bestimmt, bekommt der Begriff Nachbarschaft im Sommer eine ganz neue Bedeutung. Es ist eine ungewöhnliche Truppe, die in dem großzügigen Hinterhof Wohnen und Arbeiten verbindet.

Da sind die „jung gebliebenen Wilden“ Michael Josten und Christine Becker, die gemeinsam mit Franz-Josef Paus seit zehn Jahren durch ihre Reiseagentur „Flugpol“ den Draht in die ganze Welt vermitteln. Und da ist Thorsten Christians, der den 124 Jahre alten Malerbetrieb seines Urgroßvaters in vierter Generation betreibt und sich von der Insolvenz im Jahr 2002 nicht unterkriegen ließ.

Von Essen aus in alle Welt

Zur Serie Hinterhof-Geschichten

Obwohl sie meistens im Verborgenen liegen, haben sie eine Menge zu bieten und sind oft Zeichen des Strukturwandels: Wir nehmen in dieser Serie Hinterhöfe und vor allem die Menschen, die dort leben, unter die Lupe.

Dabei sind wir immer auf der Suche nach neuen, spannenden Höfen. Melden Sie sich gern bei uns, wenn Sie einen Hinterhof kennen, der einen Besuch wert ist:  804 1720 oder per E-Mail an redaktion. stadtteile-essen@waz.de.

Er vermietete seine Büroräume damals an die Flugpol-Crew, die sich trotz versteckter Lage in Sachen Reisen mittlerweile einen Namen gemacht hat. So bucht etwa die Essener Stadtverwaltung bei ihnen, Josten und sein Team übernahmen beispielsweise die Organisation der Reisen in Partnerstädte wie Tampere, Lyon, Nischni Nowgorod und jüngst Tel Aviv sowie den Trip von Oberbürgermeister Reinhard Paß ins mongolische Ulan Bator. Warum das in Zeiten, in denen theoretisch jeder Zehnjährige einen Flug über das Internet buchen kann, funktioniert? „Wir reisen mit unseren Kunden mit. Gerade eben erst rief ein Paar an, das bei seiner Weltreise in Griechenland gestrandet ist und wegen eines Streiks nicht weiß, ob die Fähre nach Ancona ablegt“, sagt Christine Becker, die jetzt schon seit einer ganzen Weile in der Warteschleife der griechischen Reisegesellschaft hängt.

Dabei sitzen ihre Kunden nicht nur in Essen, sondern in der ganzen Welt. Ein Richter des Europäischen Gerichtshofs in Luxemburg gehört ebenso zum Kundenkreis wie die Tänzer der Folkwang-Uni, deutsche Auswanderer in Australien und Aussteiger, die ein Jahr lang mit dem Rucksack um den Globus reisen. Michael Josten kann das Fernweh der Menschen verstehen wie wohl kaum ein Anderer in der Stadt: ein Jahr in New York, längere Aufenthalte in Jamaika, Indien, Hawaii, Japan, Peru, Chile und natürlich im gesamten europäischen Ausland - der 52-Jährige ist schon gut herumgekommen. Auch, wenn ihn und Partnerin Christine Becker immer mal wieder das Reisefieber packt, so wollen beide das Ruhrgebiet und vor allem „ihren Hinterhof“ nicht mehr missen. „Im Sommer ist man hier nie allein. Irgendwer grillt immer. Unsere Nachbarschaft hat schon mal jemand mit der Lindenstraße verglichen - nur ohne Skandale“, sagt Michael Josten und lacht.

Das kann Malermeister Thorsten Christians nur bestätigen. Unter seinem Carport werden bei größeren Fußballereignissen wie der Europameisterschaft gerne Beamer und Leinwand installiert, die Nachbarn fiebern dann zusammen mit der deutschen Elf.

Harte Zeiten für das Maler-Handwerk

Dabei verschweigt der 51-Jährige nicht, dass die Zeiten nicht immer rosig waren. 1994 übernahm er den Traditions-Betrieb mit 54 Mitarbeitern von seinem Vater. Ob die gesamten Malerarbeiten im RWE-Turm, das Konzerthaus in Dortmund, viele Häuser von Krupp oder die Vorstandsetage der Hochtief-Verwaltung: „Wir waren damals ein Großbetrieb für Industrieanstrich. Mein Großvater hat noch in Zechen und Stahlwerken gestrichen“, sagt Christians. Ende der Neunziger kam dann der Einbruch, der erhöhte Konkurrenzdruck durch Preis-Dumping und eine schlechte Auftragslage zwangen Christians, sich kleiner zu setzen. Schließlich musste er Insolvenz anmelden.

Heute konzentriert er sich auf Privatkunden, beschäftigt noch zwei Mitarbeiter. „Das Leben ist heute etwas entschleunigter, auf mir lastet wesentlich weniger Druck“, sagt Christians. Es sei schön, wieder selbst zur Farbrolle zu greifen, wo er früher vor allem mit den Mühlen der Bürokratie zu kämpfen hatte.

Geblieben ist in all den turbulenten Jahren der charmante Hinterhof, der sich baulich kaum verändert habe, wie Thorsten Christians sagt. Für ihn ist er die Mitte, in der alles zusammenläuft: „Hier im Sommer in Ruhe ein Buch zu lesen, ist fast unmöglich. Das ist aber auch gut so.“

Von Jennifer Schumacher

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