Organist Wolfgang Keßler – kaum ein Tag ohne die Königin

Organist Wolfgang Keßler an seinem ehemaligen Arbeitsplatz in der Andreaskirche, den er noch immer häufig besucht, um zu spielen.
Organist Wolfgang Keßler an seinem ehemaligen Arbeitsplatz in der Andreaskirche, den er noch immer häufig besucht, um zu spielen.
Foto: Funke Foto Services
Was wir bereits wissen
38 Jahre spielte Wolfgang Keßler in der Andreaskirche, wo er nun ein Konzert gibt. Er bedauert, dass immer weniger Menschen das Orgelspiel lernen.

Essen-Rüttenscheid..  „Das Interesse für ernste Musik nimmt ab“, bedauert Wolfgang Keßler. Dabei schaut dem Organisten auch mit fast 70 Jahren noch der Schelm aus den Augen, lassen ausgeprägte Lachfalten um Augen und Mund auf eine deutliche Diskrepanz zwischen Lebenseinstellung und Musikgeschmack schließen. „Herr Rheinberger“ nennen sie ihn immer noch, weil er die Werke des Liechtensteiner Komponisten so sehr liebt – besonders den „Stern von Bethlehem“, den er unzählige Male aufführte.

Dabei spielt er Rheinbergers Orgelkonzerte nicht nur, sondern arrangiert sie auch um. Seine beiden Orgelkonzerte wurden mehr als 20 Mal gespielt, darunter auch in der Heimat Rheinbergers, der Kathedrale Ste. Andrè in Bordeaux. Von dieser Virtuosität möchte Keßler einmal mehr am Samstag überzeugen, wenn er zu seinem 70. Geburtstag ein Konzert in der Andreaskirche gibt (siehe Info).

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Fast täglich nimmt er bis heute an der Orgel Platz, wohnt direkt gegenüber der Kirche. Obwohl er 2009 nach 38 Jahren als Kirchenmusiker der Rüttenscheider Gemeinde in den Ruhestand verabschiedet wurde, lässt ihm die Musik eben keine Ruhe. „Das ist ja kein Beruf, den man hinter sich lässt. Musiker können nicht in Rente gehen“, sagt Kessler, der noch immer einige Gottesdienste in den vier Gemeinden der Lambertus-Pfarrei spielt.

Seine Leidenschaft für das opulente Instrument begann dabei schon im Kindesalter. Als Junge spielte er auf eben jener Orgel, mit der er später eng verbunden sein sollte. „Die Orgel stand früher in der Stiftskirche in Freckenhorst. Während eines Gedenkgottesdienstes für meinen Vater spielte ich dort. 1964 wurde ein Großteil eben dieser Orgel nach Essen verkauft. Schon verrückt, oder?“, fragt Kessler. Ersten Orgelunterricht nahm er als Jugendlicher bei Heinrich Stockhorst, Domorganist zu Münster, ehe ihn weitere Stationen nach Köln und zum Studium der Kirchenmusik nach Essen und auch nach Berlin führten. In der Hauptstadt widmete er sich seinem Studium allerdings nicht allzu intensiv, wie er mit einem vielsagenden Lächeln erzählt. Dafür lernte er dort in der Matthiaskirche Jean Guillou kennen – bis heute einer der einflussreichsten Organisten weltweit. „Das war 1967, ich habe ihm 14 Nächte lang bei den Proben assistiert“, erinnert sich Keßler, den bis heute eine Freundschaft mit dem 85-jährigen Franzosen verbindet. „Eigentlich wollte er ebenfalls beim Konzert am Sonntag spielen. Da das aus Zeitgründen leider nicht geklappt hat, treffen wir uns im August zum Mittagessen in Paris. Das machen wir regelmäßig – ich steige dann frühmorgens hier in den Zug und komme abends zurück“, erzählt Keßler.

Was er sich zum Geburtstag wünscht? Vermutlich, dass die Kirchenmusik irgendwann einmal eine Renaissance feiert. „Dass der Studiengang an der Folkwang-Universität abgeschafft wurde, ist ein echter kultureller Verlust“, sagt Keßler. Seine Liebe zur Orgel, der Königin der Instrumente, wird ein Leben lang halten, so viel ist jedenfalls sicher.