Letzte Mieterin an der Baumstraße verzweifelt

Viele Häuser an der Baumstraße sind verwaist. Dort soll ein Neubauprojekt entstehen.
Viele Häuser an der Baumstraße sind verwaist. Dort soll ein Neubauprojekt entstehen.
Foto: FUNKE Foto Services
Was wir bereits wissen
Eine 55-Jährige lebt seit anderthalb Jahren allein in einem der Häuser der Stadtwerke. Die führen indes erste Gespräche mit dem Allbau.

Essen-Süd.. Schon der Hausflur wirkt gespenstisch menschenleer. Nirgends stehen Schuhe vor der Wohnungstür, zeugt kein Kinderwagen von etwas Leben in der Bude. Nur die gemütliche Wohnung von Angelika M. (*) bildet eine Ausnahme.

Seit Oktober 2013 ist die 55-Jährige die letzte Mieterin in einem der Stadtwerke-Häuser an der Baumstraße. „Natürlich ist das unheimlich“, sagt die 55-Jährige, die nach eigenen Angaben bei einer vergleichbaren Alternative schon ausgezogen wäre. „Nur gibt es die im Umkreis nicht. Zumindest nicht zu einer Miete, die ich mir leisten könnte“, beteuert die alleinstehende Frau. 420 Euro Warmmiete zahlt sie für 54 Quadratmeter und einen Balkon, zog 2003 in die Wohnung im ersten Stock. Da gab es die neue, 30 Millionen Euro teure Firmenzentrale der Stadtwerke noch nicht, die 2010 bezogen wurde. Angelika M. hat die Jalousien im Wohnzimmer zugezogen, „sonst können die mir ja hier herein schauen“, sagt sie.

Leerstand zieht ungebetene Gäste an

Ursprünglich hatte der städtische Energieversorger die Häuser abreißen und die Fläche für einen Erweiterungsbau nutzen wollen. Die Pläne änderten sich jedoch, die Stadtwerke wollen das Areal nun verkaufen. „Dazu fanden nun erste Gespräche mit dem Allbau und weiteren Interessenten statt“, wie Stadtwerke-Sprecher Dirk Pomplun gestern bestätigte. Für eine Weiterentwicklung des Areals müssten aber einige offene Punkte geklärt werden – wie u.a. der Auszug der letzten Mieterin .

Related content Vor neun Monaten erhielt sie die Wohnungskündigung. Nun wurde ihr bis zum 31. Januar eine letzte Frist gesetzt, eine Ausgleichssumme und den Auszug bis 1. Mai zu akzeptieren. Willigt sie nicht ein, behalten sich die Stadtwerke juristische Schritte vor – wenngleich man weiter an einer gütlichen Einigung interessiert sei und nun gemeinsam mit dem Allbau behilflich sein wolle. „Wir haben bei der Mieterin alle Register gezogen, ihr zuletzt eine große Summe im niedrigen fünfstelligen Bereich angeboten und auch die Übernahme der Umzugskosten. Außerdem haben wir mehrere alternative Wohnungen vorgelegt“, so Dirk Pomplun.

Auf Wohnung im ersten Stock angewiesen

Ein Stapel Briefe im Wohnzimmer von Angelika M. zeugt von der Korrespondenz mit den Stadtwerken. „Meinen Fall kann man nicht einfach mit dem der anderen Mieter vergleichen“, findet die 55-Jährige und legt einige Alternativen vor, die man ihr schickte. Darunter sind Wohnungen an Hauptverkehrsstraßen wie der Bismarck- oder Savignystraße ebenso wie Mietangebote im zweiten oder dritten Stock. „Aus gesundheitlichen Gründen bin ich auf den ersten Stock angewiesen“, sagt sie.

Da Angelika M. ihre kranke Mutter pflegt, kommt auch kein Stadtteil weiter außerhalb in Frage: „Alles im Bereich Rüttenscheid, Holsterhausen oder Süd ist grundsätzlich denkbar“, sagt sie und berichtet von vielen Wohnungsbesichtigungen in den vergangenen Monaten: „Ich habe auch schon selbst Inserate geschaltet. Bislang leider ohne Erfolg. Und wenn ich eine Wohnung finde, kann ich sie meist nicht bezahlen.“ Selbst eine Mehrmiete von 50 Euro sei für sie schwer zu stemmen, da reiche auch das Angebot zum Mietausgleich der Stadtwerke kaum aus. Angelika M. sucht sich nun erneut juristische Unterstützung. Viel länger wohnen bleiben möchte sie an der Baumstraße ohnehin nicht. Der Leerstand ziehe Sprayer und Wildpinkler geradezu magisch an. „Mit Menschlichkeit“, sagt sie, „hat die ganze Geschichte wenig zu tun.“ (*) Name von der Redaktion geändert