Kirchliche Trauung nach 35 Jahren Ehe

Kerstin und Manfred Popall sind seit 35 Jahren standesamtlich verheiratet.
Kerstin und Manfred Popall sind seit 35 Jahren standesamtlich verheiratet.
Foto: FUNKE Foto Services
Was wir bereits wissen
Um eine Wohnung zu bekommen, heirateten Kerstin und Manfred Popall 1980 ziemlich überstürzt nur standesamtlich.

Essen-Margarethenhöhe..  Im Mai ging für Kerstin Popall (60) ein Lebenstraum in Erfüllung: Sie und ihr Mann Manfred (61) heirateten kirchlich im ev. Gustav-Adolf-Haus – 35 Jahre nach ihrer standesamtlichen Trauung im Rellinghauser Rathaus. „Damals ging alles ganz schnell. Wir wollten zusammenziehen, hatten eine 80-Quadratmeter-Sozialwohnung in Aussicht, mussten dafür aber verheiratet sein“, erinnert sich Kerstin Popall.

Innerhalb weniger Tage hing das Aufgebot, das Standesamt hatte montags einen Termin frei. „Wir haben kurz die Eltern gefragt, ob sie Zeit haben, haben uns ein bisschen schick gemacht, schnell ein paar Blumen besorgt, Rosen zwar, aber halt Montagsblumen, die vom Wochenende übrig geblieben waren. In zehn Minuten war das Ganze vorbei“, schildert Kerstin Popall ihre wenig romantische Hochzeit. Nach der Trauung ging es zum Essen. Das war’s. Keine Party, keine Geschenke. „Abends sind wir noch spontan ins Casino nach Aachen gefahren, damit der Tag überhaupt noch etwas Besonderes hatte.“

Kennengelernt hatten sich Kerstin und Manfred Popall 1972 ganz klassisch in der Tanzschule Thielemann. Für beide war und ist es bis heute die große Liebe. „Wir wollten die kirchliche Hochzeit irgendwann nachholen. Das war besonders mein Wunsch“, so Kerstin Popall, die erst als Sekretärin und später als Tagesmutter arbeitete. Ihr Mann studierte Elektrotechnik und war beruflich oft im Ausland. Jetzt hat für ihn die passive Phase der Altersteilzeit begonnen.

Irgendwie habe es immer an Zeit und Gelegenheit für eine „richtige“ Hochzeit gemangelt. 1985 und 1988 kamen die beiden Söhne zur Welt. „Mein ältester Sohn war es auch, der uns fragte, welche Träume wir noch verwirklichen wollen, jetzt, wo mein Mann nicht mehr arbeitet“, sagt Kerstin Popall. Und prompt tauchte er wieder auf, der Traum von der kirchlichen Hochzeit.

Geheiratet wurde jetzt in der evangelischen Gemeinde Margarethenhöhe. Dort fühlen sich die Popalls zu Hause, auch wenn Kerstin Popall selbst katholisch ist. Pfarrerin Henny Dirks-Blatt, die das Paar traute, bestärkte die beiden in ihrem Wunsch nach dem späten kirchlichen Segen. Und dieses Mal war es tatsächlich ein großes Fest, mit feierlichem Gottesdienst, mit mehr als 60 Gästen, langem rotem Kleid, Brautstrauß, Torte und neuen Eheringen. „Meine erwachsenen Söhne haben mich zum Altar geführt“, schildert Kerstin Popall die Szenerie. „Genau so hatte ich es mir gewünscht. Und das Schöne ist: Wenn man 35 Jahre verheiratet ist, fällt die Aufregung weg, ob das denn der Richtige fürs ganze Leben ist“, sagt Kerstin Popall und strahlt ihren Mann an. Sie würde jeden bestärken, solche Träume auch nach vielen Jahren noch umzusetzen.

Von der Hochzeitsreise ist das Ehepaar gerade zurückgekommen. Von Berlin aus, wo Manfred Popall die letzten vier Berufsjahre verbrachte, sind sie nach Essen gefahren – mit dem Fahrrad, 700 Kilometer in zwei Wochen.

Späte kirchliche Trauungen gibt es immer mal wieder, wie Stefan Koppelmann, Sprecher der evangelischen Kirche in Essen, in einer spontanen Umfrage unter den Gemeinden herausgefunden hat. Die Gründe sind vielfältig, oft verbergen sich interessante Lebensgeschichten dahinter. Kein Geld für eine Feier, andere Prioritäten in der Familienphase – manche heirateten erst im Seniorenheim kirchlich. Die Spätaussiedler, die in Russland geheiratet hatten und angesichts der schweren Krankheit des Mannes um Gottes Segen baten; Paare, die verschiedenen Konfessionen angehören, bei denen die kirchliche Trauung damals am Widerstand der Familien scheiterte; der Mann, der spät aus Liebe zu seiner Frau seine Skepsis gegenüber der Kirche überwand – all diese Fälle habe es schon gegeben.