Sturmfolgen: Pendler stranden am Essener Hauptbahnhof

Die große Anzeigetafel im Essener Hauptbahnhof: keine Züge, dafür ein Satz des Bedauerns.
Die große Anzeigetafel im Essener Hauptbahnhof: keine Züge, dafür ein Satz des Bedauerns.
Foto: FUNKE Foto Services
Was wir bereits wissen
Gestrandet am Essener Hauptbahnhof: Als am Dienstag nach 11 Uhr (fast) nichts mehr ging bei der Bahn, mussten Reisende nach Alternativen suchen.

Essen.. An der Südseite des Essener Hauptbahnhofs zeigt sich „Niklas“ von seiner grimmigen Seite. Das rot-weiße Flatterband lässt er wütend knattern – mit einem Lärm, so ohrenbetäubend wie der von zehn Presslufthämmern. Auf dem Boden, genau dort, wo sonst Obdachlose kampieren, liegen scharfkantige Teile der Plexiglasverkleidung, die der Sturm gegen Mittag vom Vordach des Evag-Kundencenters gerissen hat.

Drinnen in der großen Bahnhofshalle wollen die langen Warteschlangen am Servicepoint der Deutschen Bahn den ganzen Tag nicht abreißen. Deprimierend der Blick auf die große Anzeigetafel, wo sonst Dutzende Zugverbindungen angeschlagen sind. Sie ist jetzt dunkelblau, nur ein Satz des Bedauerns ist zu lesen: „Aufgrund von Sturmschäden ist der Zugverkehr der DB AG bis auf Weiteres in NRW komplett eingestellt.“

„Der Taxifahrer hier verlangt 140 Euro“

Auf den Treppenstufen zur oberen Ladenpassage hockt gestrandetes Volk. Unten wartet Michael Kochs. „Ich habe am Montag meinen kranken Vetter in Witten besucht und möchte jetzt zurück nach Augsburg.“ Seit einer Viertelstunde sollte er eigentlich schon an Bord von ICE 519 sitzen. „Keine Ahnung, ob ich heute noch zurückkomme.“ Trotzdem trägt der Augsburger den unfreiwilligen Stopp in Essen mit Fassung. „Schicksal.“

Sturm Pendlerin Brigitte Schiffer aus Mönchengladbach, die dienstags immer nur halbtags in Essen arbeiten muss, wollte eigentlich um 12.46 Uhr mit dem RE 11 heimfahren. Und nun? „Der Taxifahrer hier verlangt 140 Euro, deshalb habe ich meine Taxifirma in Gladbach angerufen, die nimmt nur 95 Euro.“ So mancher spricht von Abzocke.

Nach Pfingststurm „Ela“ hatte die Bahn noch Taxischeine verteilt, doch diesmal müssen die Reisenden in Vorleistung treten, die Bahn erstattet später. „Es heißt, die Bahn würde für Taxifahrten bis 80 Euro aufkommen“, sagt Brigitte Schiffer. Es dauert nicht lange, da hat sie eine Taxi-Fahrgemeinschaft mit zwei weiteren Reisenden gebildet.

Ein halbes Dutzend Bahn-Service-Mitarbeiter in roten Westen stehen den Reisenden geduldig Rede und Antwort. „Niemand reagiert aggressiv“, sagt Heike Glashörster erleichtert. „Fährt die S 6 nach Düsseldorf?“, fragt sie jemand ungeduldig. „Nein“, erwidert die Bahn-Frau.

Neben „dm“ hat die Bahnhofsmission ihr bewährtes „Krisen-Café“ aufgebaut. Bei einer Tasse Kaffee geben die Helfer nützliche Tipps – zum Beispiel, welche mannigfachen Alternativen der Nahverkehr bietet, wenn auf der Schiene nichts mehr geht.

Manchmal kommen Züge an, die es eigentlich gar nicht mehr geben sollte

Gähnende Leere oben auf den Bahnsteigen. Nur manchmal – wie aus heiterem Himmel – kommen Züge an, die es eigentlich gar nicht mehr geben sollte. Wie der RE 6 auf Gleis 2. Zwei Stunden lang hatte Beate Betting aus Duisburg, die mit ihren Söhnen Luca (1) und Fabio (4) in der Uniklinik war, gewartet. „Super, dass wir wegkönnen, die Kinder haben schon gequengelt.“ Auch der privatbetriebene „Borkener“ (RE 14) und die RE 40 (Ziel Hagen) steuern den Essener Hauptbahnhof an.

Mit dem Handy am Ohr steht Rebecca Ostermann am Busbahnhofs. Sie telefoniert mit „meinfernbus.de“ – und ist nervös. „Ich will heute noch von Frankfurt nach Sansibar fliegen und habe spontan auf einen Fernbus umgebucht.“ Es wird eine Zitterpartie: Der Bus wird erst um 18.50 Uhr in Frankfurt ankommen, die Maschine Richtung Indischer Ozean hebt aber schon um 20 Uhr ab. „Hoffentlich klappt’s“ sagt sie. Und streicht die Strähnen aus ihrem Gesicht, die der freche „Niklas“ gleich aufs Neue wieder hineinpustet.