Sturm „Ela“ als Warnung und Chance

Der Himmel färbte sich pechschwarz. Starkregen prasselte auf Häuser und Straßen nieder. Bei Tagesanbruch wurde das Ausmaß der Schäden sichtbar. Entlang der Straßen lagen entwurzelte Bäume. Diese Bilder wird ein Großteil der Essener Bürger nie mehr vergessen.

Am Pfingstmontag 2014 wütete Sturm „Ela“ im Westen der Bundesrepublik. Essen war besonders betroffen. Das Sturmtief schädigte 20 000 Bäume außerhalb der Wälder. Die eine Hälfte musste gefällt werden, die andere stark beschnitten. Der finanzielle Schaden betrug insgesamt 61 Millionen Euro, davon entfielen allein 53 Millionen auf die Grüngebiete der Stadt.

„Ela“ überraschte die Essener Delegation im vergangenen Jahr kurz vor der Abreise zum „Grüne Hauptstadt“-Finale. Umweltdezernentin Simone Raskob nennt den Sturm ein sehr einschneidendes Ereignis. „Wir konnten ,Ela’ nicht mehr so kurzfristig in unsere Präsentation einbauen“, erklärte sie im Rückblick auf den Auftritt vor der Final-Jury.

Der Rest ist bekannt: Essen zog im Rennen um den „Grüne Hauptstadt“-Titel den Kürzeren – obwohl der Ausgang nicht an den Sturmschäden festgemacht worden war. Ljubljana sicherte sich die EU-Auszeichnung. Im zweiten Anlauf klappte es jetzt für die Ruhrgebietsstadt. Die Jury in Bristol kürte sie zur „Grünen Hauptstadt 2017“ – exakt 374 Tage nach „Ela“.

Das „Grüne Hauptstadt“-Team der Stadt Essen begriff das Naturereignis mit den verheerenden Schäden als Warnung und Chance gleichermaßen. Meteorologen bezeichneten das Sturmtief als eine Folge des Klimawandels. „Solche Ereignisse werden immer wieder auftreten, wenn man den Klimaprognosen vertraut“, sagte Simone Raskob. Immerhin zeigte sich nach Ela, dass der städtische Krisenstab funktionierte. Nach fünf Tagen war das Straßennetz wieder weitgehend intakt, der öffentliche Nahverkehr rollte wieder, Schulen und Kitas konnten wieder öffnen. Raskob sprach in diesem Zusammenhang von einer Meisterleistung.

Nach Ela zeigte sich auch, dass Essens Bürger da sind, wenn sie dringend gebraucht werden. Der Sturm hatte sich gerade gelegt, da gründete sich auch schon die Facebook-Initiative „Essen packt an“. Innerhalb weniger Stunden zählte sie bereits 4000 Mitglieder. Im Internet verabredeten sich die Menschen zu gemeinsamen Aufräum-Aktionen.

Auch die Aktion „WAZ pflanzt Bäume“ führte zu einem Erfolg. Gemeinsam mit dem Naturschutzbund gab es einen Spendenaufruf, dem 1700 Leser folgten – darunter auch Prominente wie Ex-Fußballprofi Christoph Metzelder, Thyssen-Krupp-Vorstandschef Heinrich Hiesinger und Schauspieler Henning Baum. Bei der Aktion kamen rund 200 000 Euro zusammen. Ein guter Teil der Summe kam Projekten in Essen zugute. Spenden finanzierten eine teilweise Wiederherstellung der Grünanlagen im Kaiser-Wilhelm-Park, Segerothpark und Gervinuspark.

Neuverpflanzungen im Herbst

Wenn Simone Raskob heute im Rückblick das Bürgerengagement lobt, denkt sie auch an die Aktion „Mein Baum für Essen“. Die Initiatoren Grün und Gruga (GGE) sowie der Stiftungsverein Grugapark machten rund ein Jahr nach Ela einen Kassensturz: Insgesamt 720 000 Euro an Spenden waren bei ihnen eingegangen. Das Land Nordrhein-Westfalen steuerte noch mal 110 000 Euro hinzu. Bislang konnten durch diese Aktion 370 Bäume neuverpflanzt werden. Im Herbst geht es richtig los. 1800 weitere Neupflanzungen sind geplant. Grün und Gruga hatt sich damit bewusst etwas Zeit gelassen. „Bei Trockenheit und Hitze hätten die jungen Bäume im Sommer keine Chance“, erklärte GGE-Sprecher Eckhard Spengler.

Überhaupt hat Essen künftig den Klimawandel verstärkt im Kopf, wenn es um neue Baumbestände geht. „Wir haben gelernt, dass wir mehr auf klimagerechte Baumarten zurückgreifen müssen“, betonte Simone Raskob im Vorfeld der Titelvergabe. Widerstandsfähigkeit soll bei der Baumwahl ein großes Kriterium sein. Für die Beseitigung der Sturmschäden hat die Stadt bislang 19 Millionen Euro ausgeben, ab 2016 sollen nur noch 600 000 Euro pro Jahr zu Verfügung stehen. Das – so ist die einhellige Meinung im Rathaus – reicht nicht. Mit dem Titel „Grüne Hauptstadt“ könnte der Zugriff zu Fördergelder aber leichter fallen und der Baumbestand dadurch schneller wachsen.