Studenten schreiben immer mehr Online-Klausuren
28.07.2011 | 16:11 Uhr 2011-07-28T16:11:00+0200
Essen.Immer mehr Prüfungen an der Hochschule werden am PC geschrieben. Die Universität Duisburg-Essen hat dafür eins der größten Zentren Deutschlands. Entscheidend aus Hochschulsicht: die Zeit- und Geldersparnis des Online-Verfahrens.
„Darf ich auch keinen Schmierzettel haben?“ Fast bittend steht die junge Frau mit hängenden Schultern vor dem weißen Pult, dreht nervös den Kugelschreiber in ihrer Hand. Selbst den soll sie wieder einpacken: „Brauchen Sie nicht“, versichert Martin Linsner, Dozent im Fachbereich Biologie. „Ihre Prüfung hat eine Kommentarfunktion.“
Studenten der Universität Duisburg-Essen schreiben ihre Klausuren nicht mehr, sie klicken und tippen sie im großen Stil: Anfang 2010 richtete die Hochschule einen Computerraum mit 196 Plätzen ein, in dem die Bildschirme nicht mehr auf, sondern unter den Tischen stehen. Nur durch ein quadratisches Fenster kann man sie sehen. Kein simples Rechenzentrum also, nein, die sogenannte PC-Hall (als englisches Wort ausgesprochen) ist ein Prüfungszentrum. An diesem Morgen legen dort rund 180 zukünftige Lehrer ihre Biologiedidaktik-Klausur ab - digital und online. „Ob ich das hinkriege?“, ist die junge Frau skeptisch.
Die PC-Hall ist nach Universitätsangaben die erste ihrer Art in NRW und immer noch eine der größten in Deutschland. Ein weiteres Testzentrum gibt es an der Universität Münster; die RWTH Aachen hat ebenfalls Interesse an dem System. Zweieinhalb Jahre hat die Planung der PC-Hall in Essen gedauert; gekostet hat sie rund 1,1 Millionen Euro. Finanziert wurde es unter anderem aus Studienbeiträgen.
Seit Anfang 2010 sind dort über 130 Klausuren mit rund 11 000 Teilnehmern geschrieben worden – ökologischer Nebeneffekt: Mehr als eine halbe Tonne Papier hat die Hochschule so eingespart.
Dozent Linser räuspert sich, eh er ins Headset spricht. „Bitte noch die Finger vom PC“, dröhnt seine Warnung über sechs Boxen ins studentische Stimmengewirr. Der erste Computer hat sich bereits heruntergefahren, weil sich jemand voreilig einloggte. Eine junge Frau steht nicht auf der Teilnehmerliste - zwei Klicks, schon wird aus der Studentin im Prüfungsstress eine Benutzerin mit Punktekonto, das es aufzufüllen gilt. Noch ein Klick, die Klausur ist freigeschaltet - und im Nebenraum streikt der Server.
„Ich mag die Online-Klausuren nicht“
„Ich kann mich nicht einloggen“, murmelt jemand in der ersten Reihe. Dahinter schnellen 180 nervöse Hände hoch. „Wenn sich so viele gleichzeitig einloggen, dauert es, bis die Klausur geladen wird“, erklärt Norbert Terzenbach vom Zentrum für universitäre Informations- und Mediendienste (ZIM). Eilig huscht er durch den Raum, tippt hier und da auf die Tastaturen, setzt zwei Frauen um, weil das schneller geht, als ihre Rechner neu hochzufahren. „Deshalb müssen immer ein paar Plätze frei bleiben.“ Verunsicherte Blicke, rote Köpfe - Minuten später einhelliges Klicken.
„Ich mag die Online-Klausuren nicht“, sagt Studentin Sabrina Beem. „Beim letzten Mal ist der Server abgestürzt, wir mussten an einem anderen Tag wiederkommen.“ Genau das hat Student Tobias Roos gut in den Kram gepasst. „Ich war nicht gut vorbereitet.“ Und abgucken geht in der „Hall“ nicht: Die Prüfungsfragen sind je nach Nutzer unterschiedlich gemischt, sogar die Antwortmöglichkeiten tauschen Plätze.
Viel wichtiger aus Hochschulsicht: die Zeit- und Geldersparnis des Online-Verfahrens. Denn die Anzahl der Studenten steigt seit Jahren und wird weiter steigen; das verschulte Bachelor- und Mastersystem sieht zudem mehr Klausuren vor als der bisherige Magister. „Die Masse an Korrekturen wäre zeitlich nicht zu schultern“, sagt Dozent Linsner. 200 Papier-Klausuren zu benoten, damit seien drei Dozenten zwei Wochen beschäftigt. „Online schaff’ ich das allein in zwei Tagen.“
Das geht so schnell, weil im Online-Verfahren hauptsächlich Multiple-Choice-Fragen gestellt werden, die sich mit einem Mausklick von allein korrigieren. Andere Fragen sind in kurzen Sätzen zu beantworten. „Es gibt Videosequenzen, oder man muss Grafiken verschieben. Das ist ein bisschen wie ein PC-Spiel“, sagt Tobias Roos.
In vielen Fächern gibt es zudem bereits einen Fragenkatalog, aus dem Dozenten auswählen. Eine Klausur entsteht so innerhalb von zwei Tagen. Ältere Lehrende bleiben trotzdem beim Gedruckten, sagt Terzenbach. Auch die Geisteswissenschaftler nutzen die Online-Variante wegen langer Texte seltener. „Lange Texte schreibe ich lieber mit der Hand“, gesteht Lisa-Sophie Leo. Sie schiebt sich durch die Menschentraube, die sich nach der Klausur um Martin Linser scharrt. Als er sich einen Moment unbeobachtet fühlte, rief er am Rechner die Teilnehmerliste auf - neben jedem Namen steht ein Prozentwert. Meist ist er größer als 51, der Mindestanzahl für eine bestandene Prüfung - „Also habe ich’s geschafft?“, fragt der erste. Linsner schließt die Ansicht schnell: „Das ist ein vorläufiger Wert. Das Ergebnis kommt in zwei Wochen.“
12:10
Die Zeit läuft für jeden Studenten individuell ab und erst ab dem Moment, wenn man NACH dem Einloggen die Klausur geöffnet hat.
Woran man sich gewöhnen muss, ist das beständige Tippgeräusch um einen herum. Am Anfang kann einen das beim Nachdenken schon rappelig machen. Am Ende blendet man es dann aus.
Wenn es denn eine Multiple-Choice-Klausur sein muss, halte ich die Online-Klausuren in der PC-Hall für die studentenfreundliche Variante.
Wenngleich ich es immer noch sinnlos finde, sich die Antworten auf einen Fragenkatalog stupide in den Kopf zu hämmern, damit man sie zur Klausur runterrasseln kann und eine Woche danach schon wieder vergessen hat.
Lernt man so wirklich fürs Berufsleben?
09:16
Die Aussage zu dem Mehr an Klausuren im Bachelor-Master-System mag objektiv stimmen. Notwendig ist das Mehr aber nicht. Es gibt keine Regel, die das fordert. Die PC-Hall unterstützt die Dozenten in ihrer ablehnenden Haltung, vernünfigt modularisierte Curricula zu planen mit wenigen guten Prüfungen.
06:04
Mich amüsiert, wie hier peinlich darauf geachtet wird, dass keiner der Studenten auch nur wenige Sekunden zu früh die Tastatur berührt, während das Einloggen die Chancengleichheit schon mal bis zu mehreren Minuten verschiebt. Dabei wäre es doch ein Einfaches, den Probanten mal die Zeit zuzugestehen, die man bei guter Vorbereitung zu Löse der Aufgaben tatsächlich braucht.
03:07
Arme Kinder, Twitter und Facebooke aber perfekt beherrschen,, so ein Graus...
19:15
Also wenn von null auf eine Klausur mehr bedeutet, dann habe ich bereits um 100% mehr Klausuren mit dem PC seit Eröffnung dort geschrieben. :-) Okay, es ging um Excel und wir mussten die Ergebnisse auf Papier eintragen, aber hey, es war am PC (Master BWL). :-)
Und die Fragenkataloge und MC-Fragen hört sich für mich nach Lehramt oder USA an, möglichst wenig Aufwand, möglichst wenig Wissen abfordern, aber viele Klausuren geschafft haben. :-)
Aber passt zum ganzen Bachelor-Master-System, wenig hinterfragen, irgendwie durchboxen, sinnlose Prüfungsordnungen, Bulimie-Lernen und danach mit anderen sozial-inkompetenten Jungsprösslingen um unterbezahlte Jobs kämpfen... Hurra! :-)