Streik – bitte lächeln!

Mittlerweile sind verwaiste Gleise wohl schon ein gewohnter Anblick. Die Lokführer streiken noch bis heute Abend, 21 Uhr.
Mittlerweile sind verwaiste Gleise wohl schon ein gewohnter Anblick. Die Lokführer streiken noch bis heute Abend, 21 Uhr.
Foto: WAZ
Was wir bereits wissen
Zum nunmehr siebten Mal befinden sich die angestellten Lokführer im Arbeitskampf. Bahnkunden sind vorbereitet und reagieren größtenteils mit Gelassenheit

Essen.. In geschliffenem Englisch erläutert Christiane Beuth einer kanadischen Reisegruppe, wie sie jetzt vom Essener Hauptbahnhof am besten nach Amsterdam kommt. Heute sind bei der Service-Mitarbeiterin der Deutschen Bahn starke Nerven gefragt, denn der Tarifstreit zwischen der Gewerkschaft Deutscher Lokführer (GDL) und ihrem Arbeitgeber geht in eine neue Runde. Die Touristen sind hier gestrandet – dass sie wegen eines Streiks in Deutschland ihre Reise nicht wie geplant fortsetzen können, damit haben sie nicht gerechnet. Ein paar freundliche Worte, ein Kopfnicken und die Kanadier wissen zumindest, wann und wie die Fahrt für sie weitergeht.

So geht das den ganzen Tag. Trotz des Streiks herrscht in der Bahnhofshalle rege Betriebsamkeit, „Es klingt merkwürdig, aber wir haben für den Streikfall schon eine gewisse Routine entwickelt. Man hat sich beinahe daran gewöhnt“, sagt Beuth, die mit stoischer Gelassenheit die immer gleichen Fragen beantwortet. Überwiegend bleiben die Bahn-Kunden dabei freundlich, sagt sie. „Es kommt selten vor, dass jemand wirklich ausfallend wird. Es gibt sogar noch immer viel Solidarität mit den Lokführern.“

Charmeoffensive bei der Bahn

So haben sich die Fahrgäste in den meisten Fällen auf den Streik vorbereitet und im Internet entsprechend informiert. Vollkommen ahnungslos wendet sich kaum jemand an die Mitarbeiter, denn die Pendler im Ruhrgebiet sind leidgeprüft. Im Zweifel genügt ein Knopfdruck an einer der Info-Stälen, um sich auf den neuesten Stand zu bringen. „Die Kunden können den Ersatzverkehr laufend über unsere Live-Auskunft und eine App abrufen – beides wird auch gut angenommen“, sagt Bahn-Sprecherin Annika Neumann. Man habe die Situation im Griff, bei Pfingststurm Ela im vergangenen Jahr sei es um einiges schwieriger gewesen. „Da haut uns das auch nicht mehr um.“ Während der Streiktage habe die Bahn außerdem den Service-Bereich personell verstärkt. Statt sonst acht sind heute elf Mitarbeiter pro Schicht im Einsatz. Die Bahn übt sich derweil in Schadensbegrenzung, indem man versucht, die Auswirkungen des Arbeitskampfes für die Kunden so gering wie möglich zu halten, das Unternehmen geht in die Charme-Offensive. In der Bahnhofsmission gibt es für die Wartenden dann schon mal einen Kaffee umsonst.

Doch hier und da hat das Verständnis der Kunden eben auch Grenzen. Anneliese Ludwig* (*Name geändert) zum Beispiel hat die Faxen dicke. Auf den Streik angesprochen bricht die 73-Jährige gar in Tränen aus, denn für sie hat die Situation einen ernsten Hintergrund: „Mein Sohn ist lange arbeitslos gewesen und hat gerade eine neue Stelle angetreten. Wenn er nicht pünktlich zur Arbeit erscheint, wird er den Job wahrscheinlich wieder verlieren. Aber das ist den Herren von der Gewerkschaft wohl egal“, ärgert sich die Rentnerin.

Zwischen Solidarität und Unverständnis

Mehr Verständnis zeigt da Sinem Günay, obwohl auch sie heute improvisieren musste. „Ich musste von Duisburg nach Essen zum Bewerbungsgespräch. Da ist man ja sowieso schon nervös, und es wird nicht einfacher, wenn man nicht mal weiß, ob man überhaupt pünktlich zum Gespräch erscheinen kann.“ Grundsätzlich könne sie aber verstehen, dass die Lokführer für Rechte kämpfen müssten, nur „sollte es langsam mal zu einer Einigung kommen.“ Immerhin hatte die 25-Jährige Glück im Unglück: Sie fand noch eine Verbindung – und bekam den Job. Wenigstens etwas.

Und auch hier ist der Stresspegel heute leicht erhöht: In der Schaltzentrale der Bahn im Hauptbahnhof laufen alle Informationen über Verspätungen und Ausfälle zusammen. Johann Oelscher richtet seinen Blick starr auf den Bildschirm. Er koordiniert die Ansagen für die Fahrten von und nach Recklinghausen. Selbst zum Mikrofon greifen muss er heute nicht mehr, vielmehr gibt er den Ansagetext in ein Programm ein, der dann automatisch über die Lautsprecher ertönt. Einen Satz kann er heute Abend wohl schon im Schlaf mitsprechen: „Aufgrund von Streiks der GDL ist der Zugverkehr beeinträchtigt.“