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Strategieprozess Essen.2030 - die mangelnde Liebe zur Stadt

06.10.2012 | 20:00 Uhr
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Strategieprozess Essen.2030 - die mangelnde Liebe zur Stadt
Essen.2030Foto: Uwe Möller

Essen.  Der von der Stadt angestoßene Strategieprozess „Essen 2030“ ist der rührende Versuch, mit Strukturprozessen nachzuholen, was vielen Akteuren fehlt: Leidenschaft, Selbstwertgefühl, Sinn für Qualität im Detail. Eine Analyse.

Reinhard Wiesemann ist ein Typ, der kein Blatt vor den Mund nimmt: Bei 570 000 Einwohnern und hohem Aufwand der Stadt sei es schon „erstaunlich“, wie wenige Bürger sich am Prozess „Essen 2030“ aktiv beteiligen, bemerkte jüngst der Betreiber des Unperfekthauses. Kaum 200 registrierte Benutzer wies das Portal „www.essen2030.de“ bis Freitag aus, das so etwas wie das zentrale Mitmach-Medium sein soll. Das ist nicht nur erstaunlich, das ist ernüchternd. Die Bürger verstehen offenkundig nicht, was sich hinter der Formel verbirgt, weil die städtischen Vertreter mit dem Oberbürgermeister an der Spitze es bisher nicht schaffen, es ihnen mit einfachen, aber mitreißenden Worten zu erklären.

Nirgendwo wäre solche kommunikative Anstrengung aber nötiger als in einer Ruhrgebietskommune wie Essen, in der sich Bürgersinn und Identifikation mit der eigenen Stadt traditionell deutlich weniger von selbst verstehen als beispielsweise in Münster oder Düsseldorf. „Der Essener ist eben in erster Linie ein Stadtteilmensch“, seufzt der Architekt Axel Koschany, wie Wiesemann einer von fünf „Botschaftern“ des 2030-Prozesses.

Mangelndes Selbstbewusstsein

Diese Stadtteilorientierung hat gewiss auch ihr Gutes. Für den Zusammenhalt nach innen und das Selbstbewusstsein nach außen ist es allerdings nicht gerade ideal, zumal der Stadt-Gedanke in Essen noch von anderer Seite unter Druck kommt. Alle Revierstädte - die kleinen noch mehr als die großen - sind auch gebeutelt von einer verquasten Diskussion, die nun seit Jahrzehnten in die Köpfe zu hämmern versucht: Ihr seid nichts, die Region ist alles. Vom heutigen Bundestagspräsidenten, dem Bochumer Norbert Lammert abwärts haben unzählige Akteure damit faktisch einer Schwächung der Städte das Wort geredet, oft standen durchsichtige organisationspolitische Eigeninteressen Pate, etwa beim aufgeblähten Regionalverband Ruhr.

Eine akademische Betrachtung? Nein, denn sie hat ganz konkrete Folgen. Die Lieblosigkeit, mit der Essen das eigene Stadtbild behandelt, zeugt von mangelndem Selbstbewusstsein und fehlendem Stolz auf das Eigene. Wenn Essener Politiker beim Thema Schwimmbad-Neubau auf dem Thurmfeld mit den Worten zitiert werden, es sei doch nicht so wichtig, wie der Bau von außen aussehe, Hauptsache es sei genügend Wasser in den Becken, zeugt das von einem ignoranten Provinzialismus, der weh tut. Gut, dass einige Bürger - es sind nur zu wenige - solche selbstgenügsame Piefigkeit zurückwiesen.

Fehlender Stadtpatriotismus

Es ist eben nicht egal, wie die bebaute Stadt aussieht, und das nicht nur, damit die einheimischen Bürger sich wohlfühlen. Nur eine Stadt, die sich selbst achtet, wird auch Zuzügler von außen überzeugen können. Und das hat keine Stadt in Deutschland so nötig wie Essen, weil keine andere dieser Größe derart massiv unter Abwanderung litt und weiter leidet. Wegzug hat nicht nur etwas mit harten Fakten wie fehlenden Arbeitsplätzen zu tun, sondern vielleicht mehr noch mit einem Mangel an Gefühl, mit fehlendem Stadtpatriotismus. Es ist alarmierend, wie umstandslos viele Essener Bürger ihrer Stadt den Rücken kehrten.

Deshalb ist alles zu begrüßen, was in Essen die Qualität hebt. Mit guter Architektur fängt es an, und mit gepflegten Grünanlagen hört es noch lange nicht auf. Der verstorbene OB Joachim Erwin, dem Düsseldorfs Aufstieg aus langer Agonie zu verdanken ist, hat höchstpersönlich seinen Ämtern Beine gemacht, um die städtische Qualität zu heben. Wenn das bei „Essen 2030“ herauskommt - wunderbar. Mehr Leidenschaft der einzelnen städtischen Akteure, mehr Liebe zur Stadt, mehr Kümmern um Details wäre dafür aber noch wichtiger als ein leider ziemlich blutleerer Strukturprozess.

Frank Stenglein

Kommentare
08.10.2012
22:29
Strategieprozess Essen.2030 - die mangelnde Liebe zur Stadt
von Lolarennt | #18

Ich muss Herrn Stenglein Recht geben - es grenzt manchmal schon an mangelnden Lokalpatriotismus, was ich hier auf derwesten.de über meine Heimatstadt lesen muss - von den Weggezogenen, die aus der Ferne ihre alte Heimat schlechtschreiben ganz zu schweigen!

Ich bin sehr froh über die Chance, mich als normaler Bürger an der Zukunftsplanung für meine Stadt beteiligen zu können und nutze diese Chance auch. Ob´s was bringt? Keine Ahnung. Ob man auf mich hören wird? Woher soll ich das wissen! Aber es ist allemal besser, als das Jetzt ständig zu beklagen und hier kluge Sprüche zu klopfen.

Im Jahr 2030 wird mein Sohn 18 Jahre alt werden, dann soll er hier gut leben können, eine Arbeit finden und glücklich werden. Dafür lohnt es sich, sein Gehirnschmalz mal ein wenig in Bewegung zu setzen und sich an Essen.2030 zu beteiligen. Wann wird man schon nach seinen Wünschen gefragt? Nicht nörgeln, mitmachen!

08.10.2012
17:14
Strategieprozess Essen.2030 - die mangelnde Liebe zur Stadt
von peerbeinstueck | #17

Klingt wunderbar. Könnte man eine hervorragende Powerpoint-Präsentation draus machen. (oder ist das schon eine?) Es fehlen nur ein paar Schlagworte wie Nachhaltigkeit oder Synergie-Effekte.....

Aber wo ist denn da jetzt ein Beispiel?
Wer hätte z.B. etwas gegen "bessere Lehre an Schulen"? Sie nicht, ich nicht, aber vermutlich auch niemand der derzeit Verantwortlichen. Also, was sollen wir tun, um das zu erreichen?
Und das, ganz wichtig, ohne dafür Geld auszugeben?

08.10.2012
16:55
Strategieprozess Essen.2030 - die mangelnde Liebe zur Stadt
von damalsinessen | #16

diese u.a. Punkte wären mich Fachleuten (parteiübergreifend) auszuarbeiten und wären Grundstein einer langsamen aber nachhaltigen Entwicklung, die erhebliche Potenziale bis 2030 aufbauen würde.

Keine einfache Aufgabe, jedoch machbar. In Summe aufgrund des Provinzmiefs in der Politik jedoch recht unrealistisch. Deswegen glaube ich dass die Region letztlich in der Bedeutungslosigkeit versinken wird, obwohl ich es mir anders wünschen würde.....

Es fehlen einfach Leute mit Kompetenz und Horizont in Essen...

08.10.2012
16:50
Strategieprozess Essen.2030 - die mangelnde Liebe zur Stadt
von damalsinessen | #15

Volle Zustimmung für das verfahrene Beispiel mit der Messe. Es gibt jedoch andere größere und anfassbare Beispiele...meine Floskeln sollen wiefolgtnur grob folgendermaßen mit Inhalt gefüllt werden, wären als Grundsäulen jedoch auch für die Strategie2030 geeignet.

Leitbild Essens - Essen.Immer einen Schritt voraus -

1.Wirtschaftsstrategie/ Kooperationen - Entwicklung trategischer Punkte zur Schaffung langfristigen Wachstums und Sanierung der Stadtfinanzen. Aufbau von Kooperationen in der ansässigen Wirtschaft/ Netzwerken mit wirtschaftsstarken Regionen und deren Unternehmen

2. Bildungsstrategie/ Förderung von regionaler Forschung/ bessere Lehre an Schulen/ Kinderbetreuung

3. Stadtentwicklung/ Kooperationen/ Sichtbarkeit - Förderng der Attraktivität Essens durch eine Aufwertung der Stadtstrukturen (ja, auch vorerst ohne Kosten machbar!)

4. Große Verwaltungsreform - Bspw. MH, E, BO als erster Schritt nach Pkt. 3 zur Sichtbarmachung des Ballungsraumes und strukturellen Straffung...

08.10.2012
16:26
Fortsetzung
von peerbeinstueck | #14

Sobald für die Messererweiterung ein Baum gefällt werden muss, hat man den Zorn der Bürger gegen sich.

Also bliebe als Alternative, die Messe zu verlegen.
Alternativgelände waren ja schon in der Diskussion. Muss man aber nicht weiter verfolgen, da das Messegelände ja im Rahmen der Croos-Border-Geschäfte längst an Übersee verkauft ist und die Verträge die Weiterführung der Messe zwingend vorschreiben.

Aus dem gleichen Grund ist auch die populistische Forderung, die Messe ganz aufzugeben, nicht praktikabel.

Also hat man sich für die kleine Lösung entschieden, ein bisschen investieren, ein bisschen verbessern.

Das wird die grundsätzlichen Probleme aber nicht lösen, es wird den Laden nur irgendwie am Laufen halten.

Aber was soll man machen? Und welcher Experte könnte das Dilemma lösen?

Und es ist, wie gesagt, nur eins von vielen Beispielen.

P.S: Sorry an alle für die Überlänge, aber das ist alles zu kompliziert für einen Dreizeiler....

08.10.2012
16:20
damalsinessen | #12
von peerbeinstueck | #13

"...dass die Herren in der Stadtspitze in sich gehen und insbesondere langfristige Wege aus der Krise suchen, insbesondere aber konzipieren."

Sorry, wenn ich mich wiederhole, aber das sind eben Floskeln.

Was sagt das denn konkret?

Tatsache ist, dass es in de rPolitik fast nie die Entscheidung zwischen der guten und der schlechten Lösung gibt.
Dann wäre es einfach.

Mittlerweile haben sich aber gleich mehrere probleme angehäuft, für die es eigentlcih überhaupt keine Lösung gibt.

Nur als Beispiel Messe Essen.

Für das Image der Stadt ist es sicher vorteilhaft, eine eigene Messe zu haben. Leider entsprechen die Bedingungen da mittlerweile schon lange nicht mehr den Standards. So wird es immer schwieriger, attraktive Ausstellungen in Essen zu halten, von neuen ganz zu schweigen.

Also müsste man massiv investieren. Doch woher das Geld nehmen? Und den Platz? da kommt nur der Grugapark in Frage, da darf man aber nicht ran.
Fortsetzung folgt

08.10.2012
14:56
Lieber Mitschreiber peerbeinstueck | #11
von damalsinessen | #12

Floskelsammlung sei mal dahingestellt. Ich beteilige mich im Gegensatz am sog. Strategieprozess Essen" sogar als Ehemaliger und mittlerweile Außenstehender.
Schaue schon seit ca. 10 Jahren der traurigen Entwicklung in meiner alten Heimat Essen zu.
Im Gegensatz zu früher habe ich zudem das Thema Rückkehr nach Essen von meinen Zielen gestrichen.

Mein Kommentar "Arbeitet selbt...." heisst ganz nüchtern, dass die Herren in der Stadtspitze in sich gehen und insbesondere langfristige Wege aus der Krise suchen, insbesondere aber konzipieren. Mit externer Hilfe wird zwar ein erster Versuch einer Lageverbesserung unternommen, die Politik hat jedoch (egal welcher Partei!) aus meiner Sicht in vielen wichtigen Fachbereichen keine Kompetenz für eine nachhaltige Trendwende.
In Summe gilt es hier ein schwieriges Jahrhundertprojekt zu stemmen!

Eine Technokraten-Stadtspitze (s. mit Hrn Düdden in der Wirtschaftsförderung)
wäre bspw. ein guter Weg,mit Fachkompetenz die Dinge zum Positiven zu drehen.

08.10.2012
14:18
damalsinessen | #10
von peerbeinstueck | #11

Ich stehe dieser Aktion ja auch durchaus skeptisch gegenüber. Aber Ihre Floskelsammlung ist auch nicht besser. "Arbeitet selbst und baut schnellstens eine Zukunft für Eure Stadt!" Ja, was heißt das denn?

Wir haben in Essen ja jede Menge verschiedene Regierungen ausprobiert, nach SPD die CDU und jetzt ein Kombination aus SPD-Bürgermeister und einer anderen Mehrheit im Rat.

Da lassen sich die Problem kaum noch auf eine bestimmte Partei abschieben, wie das hier einige immer noch tun. (von beiden Seiten)

Also müsste man folglich davon ausgehen, dass ALLEN Politikern die Stadt quasi egal ist und sie nach Herzenslust Entscheidungen fällen, die Essen schaden.

Das kann nicht sein. Ich unterstelle mal, dass jeder, der hier versucht Politik zu machen, dabei das Beste für unsere Stadt will. Aber die Probleme scheinen so nicht lösbar zu sein. Haben Sie eine Lösung? Ach nein, nicht zuständig.

08.10.2012
08:18
Strategieprozess Essen.2030 - die mangelnde Liebe zur Stadt
von damalsinessen | #10

Stimme dem Autor - einer der wenigen mit klarem Blick für das Wesentliche - voll zu.
Der Strategieprozess ist ein Versuch der Essener Provinzpolitik, eine gewisse Bürgerbeteiligung an einem Projekt zu schaffen, für das sie eigentlich selbst verantwortlich ist.
Ich sehe es als ureigenste Aufgabe der Stadtpolitik(sie sind schließlich Angestellte der Stadt) an, an der Zukunftstruktur und Strategie ihrer Stadt zu arbeiten und nicht Hilfe bei den Bürgern zu suchen. Da helfen viele bunte Kärtchen sowie Lieblingsorte ohne wesentlichen roten Faden nicht viel weiter. Und da die Quote der Bürgerlichen Essens ohnehin immer weiter schwindet, dürfte aus dem Kreis der Normalbürger kaum jedmand in der Lage sein das Wort Strategie in seinen wesentlichen Zielen zu verstehen.
Somit ist bereits jetzt absehbar, das Roland Berger ein schönes Honorar einstreicht, ohne dass es zu fundamental brauchbaren Ergebnissen kommt. Stadtpolitiker: Arbeitet selbst und baut schnellstens eine Zukunft für Eure Stadt!

07.10.2012
20:28
Strategieprozess Essen.2030 - die mangelnde Liebe zur Stadt
von waveman | #9

Viele Bürger fragen. Was ist das? Was soll das? Bunt bedruckte Postkarten auf einem buntbedruckten Pappwürfel und ein bunt beklebtes Campingmobil. Ausschliessliche Onlineteilnahme. Wo steht wann der Dialogbus? Wurden die Institutionen, wie zum Beispiel Schulen frühzeitig informiert und eingebunden? Die ganze Aktion bleibt unterhalb der Wahrnehmungsschwelle der Essener. Kommt plötzlich aus dem Keller, winkt mit den Füssen auf der Treppe und ist schon wieder weg. Schade.

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