Straßenschäden im Ruhrgebiet werden kaum repariert

Straßenschäden im Essener Stadtgebiet: Weil die finanziellen Mittel fehlen, kann in vielen Fällen nur notdürftig geflickt werden.
Straßenschäden im Essener Stadtgebiet: Weil die finanziellen Mittel fehlen, kann in vielen Fällen nur notdürftig geflickt werden.
Foto: Udo Milbret
Straßenschäden und Brückensperrungen belasten den Verkehr im Ruhrgebiet zunehmend. Doch wegen Geldmangels werden nur die nötigsten Schäden repariert.

Essen.. Es gibt eine Menge Asphalt im Stadtgebiet, über den sind schon zu Zeiten Gustav Heinemanns die Autos gerollt. Zur Erinnerung: Der spätere Bundespräsident war hier von 1945 bis 1949 Oberbürgermeister. Mehr als ein Viertel des städtischen Straßennetzes ist älter als 60 Jahre, 86 Prozent der Straßen haben mindestens 30 Jahre auf dem Buckel. Der Investitionsstau ist gewaltig, Sanierungen dringend nötig. Jedes Jahr wendet die Stadt sechs Millionen Euro bloß für die Hauptstraßen auf – nur um dort die „Verkehrssicherheit“ aufrechtzuerhalten, wie es so schön in der Amtssprache heißt.

Viel mehr ist meistens nicht drin. „Aufgrund der begrenzten finanziellen Mittel können überhaupt nur die größten Missstände beseitigt werden und es bleibt oft bei notdürftigen Reparaturen“, sagt Michael Schreckenberg, Physiker und Verkehrforscher an der Universität Duisburg-Essen. Immerhin: Weil der Winter recht mild war, hielten sich wenigstens die Frostschäden in Grenzen.

Für Sanierung der Straßen sind Milliarden Euro nötig

Essen steht in Nordrhein-Westfalen mit seiner maroden Verkehrsinfrastruktur gewiss nicht alleine dar. Mit der Leverkusener Brücke der A1 und dem A-40-Rheinübergang bei Duisburg-Neuenkamp sind derzeit zwei der wichtigsten Autobahnabschnitte im Land nur eingeschränkt befahrbar und für Lastwagen ab 3,5 Tonnen komplett gesperrt. Das Verkehrsministerium in Düsseldorf schätzt, dass in den nächsten zehn Jahren allein für die Erneuerung von Brücken auf Autobahnen und Bundesstraßen 4,5 Milliarden Euro nötig sind – mindestens.

Angesichts dieser Zahl wirkt der Essener Finanzbedarf beinahe winzig: In das 1552 Kilometer lange städtische Straßennetz müssen nach Angaben der Stadt in den nächsten fünf Jahren 49 Millionen Euro investiert werden. Hinzu kommen 28,7 Millionen Euro für Brücken, die im Schnitt noch älter sind als die Straßen. Oftmals weisen die Bauwerke massive Konstruktions- und umfangreiche Oberflächenschäden auf.

Die maroden Straßen und Brücken stören nicht nur den Privatmann, sondern auch die Wirtschaft. „Die Infrastruktur wurde in den vergangenen Jahren auf Verschleiß gefahren“, beklagt Jan Borkenstein, Verkehrsexperte der Industrie- und Handelskammer (IHK) Essen. Zwar sei es in Zeiten leerer Kassen nachvollziehbar, dass nicht von heute auf morgen alles runderneuert werden könnte, doch Borkenstein betont: „Eine vernünftige Verkehrsinfrastruktur ist die Voraussetzung für eine funktionierende Wirtschaft.“ Bereits vor zwei Jahren führte die IHK in ihrem Bezirk bei den Unternehmen eine Umfrage zum Thema durch, Tenor: Über 90 Prozent waren der Ansicht, dass in den vergangenen beiden Jahrzehnten nicht ausreichend in die Verkehrsinfrastruktur investiert wurde.

Logistikunternehmen leiden unter Brückensperrungen

Unmittelbar betroffen von Baustellen und Brückensperrungen sind die Logistikunternehmen. Die Spedition von Marcus Sander hat mehrere Fahrer, die täglich von Essen nach Duisburg unterwegs sind und auf ihrer Route eigentlich über die Neuenkämper Brücke müssten. „Der Umweg bedeutet mindestens eine halbe Stunde Zeitverlust“, sagt Sander und weil in seiner Branche ganz besonders auf Kante gerechnet wird, ist Zeit eben gleich Geld. Die Wege werden für Sanders Fahrer zwar länger, die Preise kann er aber aufgrund des Konkurrenzdruckes nicht so einfach erhöhen.

Über den Zustand der städtischen Straßen klagt der Unternehmer nicht weniger, spricht von „Flickschusterei“ und kritisiert, dass viele Baustellen zu lange brauchen. „Im Süden gibt es reinste Schlaglochfelder“, meint Sanders zudem. „Der Reifenverschleiß ist in den vergangenen Jahren merklich angestiegen.“ Auch das gehe an den Umsatz, sechs neue Reifen für einen Sprinter kosten 2500 Euro. Ob der Verschleiß ausschließlich mit Löchern im Asphalt zusammenhängt, will der Spediteur aber nicht beschwören. Es gebe auch Fahrer, die gerne mal den hohen Bordsteinrand mitnehmen.

Gesperrt ist für den Verkehr in Essen derzeit keine Brücke, lediglich die Kampmannbrücke zwischen Heisingen und Kupferdreh ist wegen des schlechten baulichen Zustandes nur eingeschränkt befahrbar. Ein Neubau ist dringend notwendig und schon länger geplant – wurde jedoch erst im Februar erneut um rund ein Jahr verschoben. Der Grund: wie immer das liebe Geld. Das Angebot nach der ersten Ausschreibung war für die Stadt schlichtweg zu teuer.