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Stadtgeschichte

Straßennamen - die Gnade der späten Erkenntnis zwischen Karnap und Kettwig in Essen

16.06.2012 | 12:00 Uhr
Straßennamen - die Gnade der späten Erkenntnis zwischen Karnap und Kettwig in Essen
Wo geht’s lang in der Namensdebatte? Können wir mit unliebsamen Personen auf dem Schild leben oder nicht?

Essen.   Von wegen, Namen sind Schall und Rauch: Der Streit um die Straßenbenennungen in Rüttenscheid zeigt, dass die Adresse mehr ist als eine Ortsbezeichnung – immer schon. Eine Betrachtung über Straßen-Widmungen für Kommunisten, Kriegsveteranen und den „Diether-Krebs-Platz“.

Von wegen, Namen sind Schall und Rauch: Der Streit um die Straßenbenennungen in Rüttenscheid zeigt, dass die Adresse mehr Schön grün ist es hier im Schatten des Huttroper Wasserturms, wenn auch für eine echte Idylle wohl eine Spur zu laut. Kein Wunder, die Steeler Straße und die Autobahn A 40 liegen ja gleich neben diesem kleinen Platz am Ostpark, oder nein, pardon: neben dem „Diether-Krebs-Platz“, so heißt er ja jetzt.

Ein gutes Jahr trägt der zuvor unter der Arbeitsbezeichnung „E33“ geführte Ort diesen neuen Namen. Er erinnert – jungen Hüpfern muss man das erst noch mal verklickern – an den 1947 in Essen geborenen und 2000 verstorbenen Schauspieler, Kabarettisten und „Ekel Alfred“-Sohn, über den eine ganze Generation hat lachen können, und wenn man Karla Brennecke-Roos, der Fachfrau fürs Gutgemeinte in der sozialdemokratischen Ratsfraktion, Glauben schenken will, beschreitet man den Platz seit jenen Umbenennungstagen anno 2011 just deshalb „mit einem Schmunzeln im Gesicht“.

Begeisterung hielt sich in Grenzen

Was wiederum die Frage aufwirft, welches Gesicht jemand zieht, der die Wieprechtstraße in Katernberg entlang schlendert. Die wurde 1954 nach dem Essener Arbeiterdichter Christoph Wieprecht (1875 bis 1942) benannt, der unter anderem die panzerbrechenden „eisernen Grüße aus Essen“ von 1914 gepriesen hatte und Adolf Hitler in einem Vers als „großer Genius“ anschmachtete, „den unsere Zeit gebar“: „Wir wollen uns in deine Seele betten, denn sie ist Liebe, Schlachtfeld und Altar.“

Dem grünen Ratsherrn Walter Wandtke und nicht nur ihm wird bei solchen Sätzen ganz blümerant. Weshalb er schon vor sechs Jahren die Umbenennung forderte. Beim örtlichen Siedlerring „Glückauf“ hielt sich die Begeisterung in Grenzen: Man fühle sich mit dem Namen sehr wohl, ließ der verlauten, und „sollte sich Christoph Wieprecht kriegsverherrlichend geäußert haben – so distanzieren wir uns davon.“

Die Gnade der späten Erkenntnis

Meine Straße, (nicht) mein Problem? Was Wieprecht für Katernberg sind in diesen Tagen Hans von Seeckt oder Karl von Einem für Rüttenscheid: Umstrittene Namenspatronen, die es für die einen vom Schild zu tilgen gilt, historische Reminiszenzen, die den anderen als Beweis einer wechselvollen deutschen Geschichte dienen. Ist man gleich Militarist und Demokratiefeind, wenn man sich nicht viel um seine Privatadresse „von-Seeckt-Straße“ schert? Muss sich jemand, den’s stört, vorwerfen lassen, einer rechthaberischen politischen Korrektheit nachzuhängen? „Wir müssen“, so schrieb Erwin Dickhoff einst im Vorwort seines Essener Straßennamen-Lexikons „die Namen so nehmen wie sie sind: als Zeugnisse ihrer Zeit, wobei wir uns nur wünschen können, dass die Benennungen der Gegenwart Gnade vor den Augen späterer Generationen finden werden“.

Dabei zeigt ein Blick in die Geschichte der Straßenbenennungen zwischen Karnap und Kettwig: Die Gnade der späten Erkenntnis, eine doch eher unglückliche Namenswahl getroffen zu haben, ist so alt wie die Geschichte der amtlichen Benennungen selbst.

Umbenennungen auch vor dem Krieg

Die begann in Essen erst vor ziemlich genau 150 Jahren, genauer: 1861, als im Stadtkern die offizielle Hausnummerierung nach Straßen eingeführt wurde. 50 Jahre zuvor reichte es bei rund 4000 Essenern noch, die Gebäude zwischen Steeler Tor und Burgstraße von 1 bis 719 durchzunummerieren, unabhängig von der Straßenbezeichnung.

Die explosionsartig wachsende Bevölkerung ließ das nicht mehr zu: Es wurde gebaut wie verrückt und mit den Bauten entstanden immer neue Adressen. Allein in der Stadtverordnetenversammlung im Januar 1868 wurden 64 neue Straßennamen eingeführt. Ob diese der Obrigkeit genehm waren, darüber wachte das preußische Ministerium des Inneren und der Polizei. Zur reinen Frage der Selbstverwaltung wurde das Benennungsrecht erst nach dem Zweiten Weltkrieg: Nun entschied der Rat auf Vorschlag des Bauausschusses – nicht aber, ohne zuvor den örtlich zuständigen Bürgerausschuss anzuhören.

Umbenennungen waren schon vor dem Krieg an der Tagesordnung, schließlich musste man im Zuge der zahlreichen Eingemeindungen doppelt genutzte Straßennamen ausmerzen. Hunderte Straßen wurden daraufhin umgetauft, ein wahres Tummelfeld des Gedenkens – von alten Hof- und Flurnamen über Flüsse bis zu Bäumen und Vögeln, von Zechen und Flözen über landwirtschaftliche Geräte bis zu den alphabetisch gestaffelten Vornamen in Rüttenscheid: rechts der Chaussee die männlichen, links die weiblichen...

Dem modernen Patriotismus Tribut zollen

Und Prominenz kam natürlich auch aufs Schild, obwohl – was heißt schon Prominenz? Manch einer lieh einer Straße nur deshalb den Namen, weil die neu gebaute Trasse über sein Grundstück führte. Essens Straßennamen-Experte Erwin Dickhoff schien etwas enttäuscht, als er „feststellen musste, auf welchen Zufälligkeiten oft die Benennung von Straßen nach Essener Persönlichkeiten beruhte.“

Und es gab eben auch Streit: Schon 1899 fragte die örtliche Presse, ob man gut beraten war, „dem modernen Patriotismus pflichtgemäßen Tribut zu zollen.“ Gemeint waren Straßen, die etwa nach dem preußischen Generalfeldmarschall Edwin Freiherr von Manteuffel, nach dem Führer einer Kavallerie-Brigade im deutsch-französischen Krieg, Adalbert von Bredow, oder nach dem preußischen Oberst Maximilian Graf von Schmettau benannt wurden. Sie alle gibt es noch.

Entnazifizierung nach dem 2. Weltkrieg

Andere wurden aus gegebenem Anlass zügig getilgt: Die schöne Redewendung, nach der in Essen die Freiheit dort beginnt, wo die Adolf-Hitler-Straße aufhört, erinnert daran, dass die Nationalsozialisten zu „Führers Geburtstag“ 1933 die zentrale Nord-Süd-Achse durch die Innenstadt, also Kettwiger und Viehofer (damals Burg-) Straße genauso wie den Burgplatz nach Hitler benannt hatten. Schon wenige Tage nach Kriegsende,am 15. Mai 1945, wurden die Benennungen korrigiert und im Zuge der Entnazifizierung 47 weitere Straßen umbenannt: Schluss mit Göring, die Rüttenscheider kam wieder aufs Schild.

Mit gehörigem Abstand wurden auch andere Straßennamen korrigiert, die des Afrikaforschers und Kolonialpolitikers Karl Peters etwa, der in Gerschede 2003 Bischof Franz Wolf Platz machte. Peters stand übrigens auf einer 1992 von der Stadtverwaltung angefertigten Liste mit 67 anderen Namen, „die möglicherweise nicht mehr den heutigen Auffassungen entsprechen könnten“. Welche das sind, darüber mehr in der nächsten Folge. Aber man ahnt es: Von-Einem- und Von-Seeckt-Straße stehen auch drauf...

Wolfgang Kintscher



Kommentare
21.01.2013
20:43
Straßennamen - die Gnade der späten Erkenntnis zwischen Karnap und Kettwig in Essen
von schloppke | #3

Besser späte Erkenntnis als gar keine.

16.06.2012
20:58
Keine Gnade?!
von BauerKleppe | #2

Die in meinen Augen bessere (und für Alle billigere) Lösung:
Im Rahmen der geschichtlichen Betrachtung Gedenk- oder besser Geschichts- Tafeln in den Straßen aufhängen, die sich mit den fraglichen Personen kritisch auseinandersetzen.

16.06.2012
20:48
Keine Gnade?!
von An77 | #1

Wie wäre es, Namen ganz zu streichen. Die moderne Geschichtsforschung merkt ja recht gut, daß so ziemlich jeder seine Leichen im Keller hatte. Und wenn nicht, stört sich jemand eben an einer anderen Sache.

Mal ist der Namesgeben ein Katolischer Priester, mal ein Moslem, für die einen ist es unerträglich war er denn ein alter Kriegsheld, für sie anderen kommt es nicht in Frage eine Straße nach einen zu benennen, der mal sein Zimmer mit einen Komunisten teilte.
Und wehe, der Name, der einer Straße hier ist nicht Deutsch! Dann sind eben die braunen Sportsfreunde von NPD und PRO-NRW die eine demokratische Umwandlung des Namens verlangen..(ob wohl beide Parteien ja nicht viel von Demokratie halten)

Also: Straßen am besten nach Bäumen bennen. Obwohl: der eine mag keine Äpfel, der andere sieht Birken als Wildkraut an.

Also doch: es bleibt wie es ist und wenn einmal ein Spiesgeselle mit veruchendem Ruf eine Straße ziehrt, dann besinnen wir uns an seine Fehler und lernen daraus.

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