Statt Sekt nun Selters
27.09.2009 | 20:10 Uhr 2009-09-27T20:10:00+0200
SPD schiebt Frust, gewinnt aber den Mitte-Süd-Wahlkreis – Arg gedämpfter Jubel bei der CDU – FDP feiert
Vier Wochen ist es erst her, da haben sie hier ihren rauschenden Wahlsieg gefeiert: Wurden stärkste Kraft im Rat und gewannen haushoch die OB-Wahl. Jetzt aber starren die örtlichen Genossen mit versteinerten Mienen auf die flimmernden Fernsehbilder im Fraktionssaal und verfolgen den Absturz ihrer Sozialdemokratischen Partei im Bund. Und Reinhard Paß, der künftige Oberbürgermeister, sagt, was sie alle denken: „Wir haben die Wahl verloren.”
Ihm bleibt, immerhin, der schwache Trost, dass die SPD erneut alle drei Direktmandate holen konnte. Im umkämpften Mitte-Süd-Wahlkreis musste Petra Hinz zwar spürbar Federn lassen, gewinnt aber am Ende mit einem Abstand von 3785 Stimmen oder 2,5 Prozentpunkten vor Matthias Hauer (CDU).
Bitter für die Christdemokraten: Nach dem Ausscheiden von Norbert Königshofen, der 15 Jahre dem Bundestag angehörte und nicht wieder kandidierte, gehört künftig wohl kein Essener Christdemokrat mehr dem Parlament an. Für Jutta Eckenbach erwies sich der früher komfortable Listenplatz 30 als zu schlecht. Für den kurzen Draht nach Berlin könnte nun allenfalls noch der Mülheimer Christdemokrat Andreas Schmidt sorgen, der bis in den späten Abend noch um seinen Einzug über Listenplatz 26 bangen musste.
CDU tapfer: „Das erste
Wahlziel ist erreicht”
Kein Wunder, dass der Jubel bei der CDU an diesem Abend spürbar gedämpft ausfällt: Nun gut, ein kleines bisschen Sektlaune herrscht schon bei den Christdemokraten, wo vor vier Wochen noch blankes Entsetzen war. „Das erste Wahlziel ist erreicht”, beten sie hier ihr Mantra her, Schwarz-Gelb scheint es geschafft zu haben. Aber da glauben sie alle noch an einen möglichen Sieg im Mitte-Süd-Wahlkreis. Vergebens wie sich später zeigt.
Aber der leise Ärger der CDU ist nichts gegen den Katzenjammer der Sozialdemokraten, für die die Niederlage umso schmerzlicher daherkommt, weil sie zuletzt das Gefühl hatten, sich am eigen Schopf aus dem Umfragesumpf gezogen zu haben: Nur 23 Prozent? „An den Infoständen und bei Veranstaltungen fühlte sich das anders an”, sagt Rolf Hempelmann, SPD-Bundestagsabgeordneter aus dem Norden. Jetzt würden, so beklagt er enttäuscht mit Blick auf die mutmaßliche schwarz-gelbe Regierung, „jene belohnt, die die Krise ein Stück mit verursacht haben”.
Auch Essens SPD-Chef Dieter Hilser musste angesichts der mauen Ergebnisse kräftig schlucken: „Ich bin schon sehr enttäuscht. Da tröstet es einen kaum, dass auch die CDU verloren hat.”
In der Tat: Sieger sehen anders aus als an diesem Abend Matthias Hauer, der sich lange Hoffnungen machen kann, Petra Hinz den Mitte-Süd-Wahlkreis abzujagen – und sich dann doch geschlagen geben muss.
FDP hofft auf Rückenwind
bis zur Landtagswahl 2010
Nahezu ungeteilten Jubel gibt es dagegen bei den kleinen Parteien, wenn man denn noch „kleine” sagen darf: FDP-Chef Ralf Witzel etwa zeigt sich „überglücklich”, das beste Ergebnis der Essener FDP-Historie eingefahren zu haben: „Bei diesen hervorragenden Stimmenzuwächsen gewinnt der Begriff des Superwahljahres für uns ganz schnell eine doppelte Bedeutung.” Ein Rückenwind, von dem die Liberalen sich erhoffen, dass er sie „bis zur Landtagswahl 2010 tragen” wird.
Auch die Linken stoßen im Rathaus frühzeitig mit Sekt an – um gleichzeitig vor einem „sozialen Kahlschlag” unter schwarz-gelben Vorzeichen zu warnen, wie Wolfgang Freye es nennt. Und bei den Grünen freute sich nicht nur der wieder ins Parlament eingezogene Kai Gehring über ein „fulminantes” Ergebnis. Dass man den schwarz-gelben Sieg nicht habe verhindern können – nun, das sei das berühmte weinende Auge am Wahltag.
Ein Wahltag im Übrigen, den viele Essenerinnen und Essener gar nicht zu einem machten: Die Beteiligung zwischen Karnap und Kettwig schmolz an diesem warmen Herbsttag auf weniger als 70 Prozent zusammen. Zwischen 12 und 13 Uhr, so weiß Hans-Rainer Burisch, der scheidende Leiter des Wahlamtes, gingen die meisten Essener an die Urne, zwischen 16 und 17 Uhr – womöglich aufgeschreckt durch die Nachricht von der historisch niedrigen Beteiligung – fanden sogar mehr Essener den Weg zum Stimmlokal als vor vier Jahren.
Doch das reichte nicht, um die Beteiligungsdelle wieder glattzubügeln. Am Ende wurde es ein Minusrekord.
21:16
Hauer: Duhast die Haare schön!