Statt in Rente geht’s auf die Rollerblades

Im Leben und auf der Bühne ein eingespieltes Paar:  Herbert Herrmann und Nora von Collande sind gern zu Gast im Rathaus-Theater.Foto:STEFAN AREND
Im Leben und auf der Bühne ein eingespieltes Paar: Herbert Herrmann und Nora von Collande sind gern zu Gast im Rathaus-Theater.Foto:STEFAN AREND
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Was wir bereits wissen
Nora von Collande und Herbert Herrmann sind die Publikums-Lieblinge im Rathaus-Theater. Vor der Vorstellung kurvt das Paar gern um den Baldeneysee

Essen.. Wenn zwei sich streiten, freut sich das Publikum. Zumindest wenn die zwei Nora von Collande und Herbert Herrmann heißen. Die beiden Schauspieler, auf der Bühne und im Privatleben seit Jahren ein eingespieltes Team, sind die Publikums-Lieblinge im Rathaus-Theater. Ihr neues Stück „Anderthalb Stunden zu spät“, mit dem sie bis zum 8. März in Essen gastieren, ist schon jetzt fast komplett ausverkauft. Da spielen sie ein Paar in den besten Jahren, das eines Abends ins Grübeln kommt: Die Kinder sind aus dem Haus, die Firma ist verkauft. Und was kommt jetzt? Sie will diskutieren, er will die Essenseinladung bei Freunden nicht verpassen. Sie will über neue Lebensinhalte sprechen, er will irgendwann in Ruhe alt und rund werden.

Und spätestens an dem Punkt wird dann klar, dass Kunst und Leben hier doch einen ganz gewaltigen Unterschied machen. Sich gehen lassen und irgendwann nichts mehr tun? Undenkbar für das agile Paar, das sich bei den Gastspielen in Essen vor allem auf eines freut: „Einmal mit den Rollerblades rund um den Baldeneysee. Und danach Apfelpfannkuchen essen“, strahlt Nora von Collande. Wer so regelmäßig wie die Herrmanns auf der Rathaus-Bühne zu Gast ist, der hat längst seine Lieblingsplätze und Lieblingslokale. „Und das dichte Kulturangebot im Ruhrgebiet ist doch phänomenal“, schwärmt Herbert Herrmann. Die Unternehmungslust ist ihnen trotz der vielen Tourneetheater-Jahre nicht abhanden gekommen. „Es gibt in jeder Stadt so viel zu entdecken, man muss sich nur ein bisschen vorbereiten“, sagt Nora von Collande. „Und wenn wir mal nicht selber auf der Bühne stehen, rennen wir abends sofort in andere Theater.“

Die Unternehmungslust ist groß

In Paris machen sie das genauso. Dort haben sie auch ihr neues Stück entdeckt, das sie nun als deutschsprachige Erstaufführung zeigen. Mit einem etwas abgewandelten Ende, denn Herrmann wollte den Figuren Laurence und Pierre eine Entwicklung zugestehen, am Ende finden sie zumindest auf Deutsch einen Weg aus der Seins-Krise.„Die Leute sollen doch was mitnehmen aus der Vorstellung. Das Stück soll Mut machen, auch im Alter durchzustarten“, sagt der 73-jährige Schauspieler, der immer noch bedenkenlos den vierten Oberhemdenknopf offen lassen kann. Eigentlich müsste der Mann mit dem dichten, schwarzgrau-melierten Schopf jeden Morgen die guten Gene preisen. „Aber er preist nicht nur, er tut auch was dafür“, lacht seine 57-jährige Bühnen- und Lebenspartnerin, der man den regelmäßigen Sport nicht minder ansieht. Vor in paar Jahren haben sie das Rauchen aufgegeben, dann auch das Schlückchen Rotwein nach der Vorstellung. Sie wollen nun wahrlich nicht als Asketen durchgehen, „aber für die Kondition ist das fantastisch“, versichert Nora von Collande.

Auch künstlerisch sind sie Langstreckenläufer, bereiten sich ein Jahr auf jede Premiere vor. Schließlich trägt jedes Stück fast komplett die künstlerische Handschrift des Schauspieler-Paares. Herrmann führt Regie, Nora von Collande entwirft die Kostüme. Sogar bei Bühnenbild und Plakat dürfen die beiden mitreden. „Solange die Zuschauer mitgehen, wollen wir den Weg weiter beschreiten“, sagt Hermann. Umgehend kommt ein Zuschauer ins Theater, der sich noch gut an die legendäre 1970er-Jahre-Serie „Drei sind einer zuviel“ erinnert, und bittet um ein Trost-Autogramm: „Es gibt ja leider keine Karten mehr!“ „Ich komm’ mal mit zur Kassen“, sagt von Collande. Umgehend ist ein Klappsitz organisiert. Als Publikumsliebling muss man auch Organisationsgenie sein.