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Der Weberbrunnen

Städteplanerische Glanzleistung

12.05.2011 | 15:57 Uhr
Städteplanerische Glanzleistung
Der Weberbrunnen von Wolfgang Liesen (Bild) gehört zum Skulpurenpark Kettwig, der am 21. Mai 25-jähriges Bestehen feiert.

Essen-Kettwig. Wirkungsmacht. Wer am Fuße der Kirchtreppe steht und den Blick über jenen zentralen, nicht sonderlich imposanten Platz schweifen lässt, wird kaum über dieses Wort nachdenken. Doch genau das ist angebracht. Was hier auf Initiative von Arnhard Scheidt entstand, darf als städteplanerische Glanzleistung gelten. Zu verdanken ist sie in erster Linie dem Kettwiger Wolfgang Liesen. Der wusste zunächst vor allem, was er nicht wollte: „Keine Nostalgie, keine Rekonstruktion, keinen Pott als Brunnenbecken!“

Seit 1992 erinnert der Weberbrunnen an eine Epoche, die Handwerk, Industrie und Handel Kettwigs über Jahrhunderte entscheidend prägte, mit der Schließung der Scheidtschen Kammgarnspinnerei 1975 aber unwiederbringlich endete.

Der 1936 in Gelsenkirchen geborene Künstler erspürte den Raum, den seine Skulptur einmal prägen sollte, mit Inbrunst. Ursprünglich war für den Brunnen nur eine kleine Nische vorgesehen. „Das wäre mit mir nicht zu machen gewesen“, sagt er noch heute gleichermaßen überzeugt wie überzeugend.

Als Alternative präsentierte Liesen schließlich einen kompletten Raumentwurf, der Fachwerkfassaden und historisches Pflaster als Bühne für eine abstrakte, vielseitig interpretierbare Bronzeplastik beschrieb. Der Hauptakteur wiederum durfte in der Vorstellungswelt des „Umformers“ Liesen kein Abbild eines frühneuzeitlichen Produktionsmittels sein. Integraler Bestandteil seines Gestaltungsverständnisses ist die Aufforderung zur geistigen Auseinandersetzung. Da sich kein Ort ohne Geschichte denken lässt, muss sich seine künstlerische Formung der Herausforderung unterwerfen, Vergangenes, Gegenwärtiges und Zukünftiges nicht als Abfolge, sondern als Gesamteindruck wahrnehmen zu können. Ziel der Umformung ist, im inszenierten Raum neue Sichtweisen zu ermöglichen, den Ort in eine neue Ordnung zu überführen. „Dies zerstört nicht überlieferte und bewährte Ordnungsprinzipien“, sagt Marianne Kühn, Initiatorin des Skulpturenparks in ihrer Beschreibung des Weberbrunnens. Das Kuratorium des Museums Folkwang über die Pläne: „Liesens Entwurf erfüllt die Bedingungen, die man an ein Denkmal stellen muss, das in gültiger Form dem geschichtlichen Hintergrund gerecht wird.“

Dabei stimmt nichts an diesem „Webstuhl“. Die Konstruktion ist völlig ungeeignet für das Zusammenfügen von Textilien. Schließlich will es nicht von Vergangenem erzählen, sondern Arbeit, Einfallsreichtum, Mühsal und Fleiß versinnbildlichen. Dazu geriet der Brunnen berückend schön. Und auf die Gefahr, dass bereits Dutzende Male auf den Effekt hingewiesen wurde: Den puren Genuss erhält, wer sich mit dem Rücken an die Mauer des Kirchbergs stellt und durch die Wasserfäden dem Verlauf der gegenüberliegenden Fachwerkbalken nachspürt.

Liesen formte seinen Webstuhl aus unbehandelter Bronze und fasste das Brunnenbecken in Ruhrsandstein ein. Der anderswo verwendete Edelstahl kam seiner Ansicht nach nie in Betracht. „Stahl wäre ein Fremdkörper und hätte meine Vorstellungen konterkariert“, erläutert er. Die Patina, die die Bronze ansetzt, nimmt im Zusammenspiel mit der schlichten Formensprache Farbe und Strukturen des umgebenden Materials auf, freilich nicht ohne sie zu variieren. Dieses Wechselspiel zwischen Monumentalem und Kleinteiligem verdankt der Tuchmacherplatz Liesens Akribie. Perfektionismus und Kompromisslosigkeit bringt er auf die Formel: „Der Künstler ist kein Dienstleister. Er darf nur eine Form der Beeinflussung zulassen, die eigene Vorstellungskraft.“

Der Skulptur begegnet ihr Schöpfer ambivalent. Ingenieurskunst, Arbeitsmoral, geprägt durch protestantische Ethik, lässt er in der Gestalt des Stuhles auf ein Herrschaftssymbol prallen. Figuren, gar Menschen waren nie vorgesehen. „Sie wären zu eindeutig interpretierbar“, sagt Wolfgang Liesen. Auch das hat er einfach nicht gewollt.

Henrik Stan

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