Stadt Essen muss Flüchtlinge in drei Turnhallen unterbringen

Feuerwehrleute tragen am Freitag Matratzen in die Sporthalle an der Prinz-Friedrich-Straße in Essen.
Feuerwehrleute tragen am Freitag Matratzen in die Sporthalle an der Prinz-Friedrich-Straße in Essen.
Was wir bereits wissen
Erstmals muss die Stadt Essen nun Sporthallen für die Unterbringung von Flüchtlingen nutzen. Dies teilte der Ordnungsdezernent am Freitag mit.

Essen.. Lange hat es die Essener Stadtverwaltung geschafft, dass der Alltag der Bürger durch die steigenden Flüchtlingszahlen allenfalls indirekt beeinträchtigt wurde. Damit ist es nun vorbei. Seit Freitag Nachmittag sind zwei Turnhallen in Bredeney (Ruschenstraße) und Kupferdreh (Prinz-Friedrich-Straße) gesperrt und werden für die Unterbringung von Flüchtlingen hergerichtet, nächste Woche wird eine dritte der großen, Dreifach-Turnhallen im Stadtteil Überruhr (Klapperstraße) hinzukommen. Möglich sei, dass weitere Hallen folgen.

Grund ist nach Angaben der Stadt die außerplanmäßige Ankunft von Flüchtlingen, die die Bezirksregierung Düsseldorf im Land verteilt. Essen muss 300 von ihnen unterbringen – „zusätzlich zu den im Schnitt 35 Flüchtlingen, die pro Tag in Essen ankommen“, betont Sozialdezernent Peter Renzel. In den Hallen sei „bis mindestens Ende Januar“ kein Schul- und Vereinssport möglich.

Essener Sozialdezernent bemängelte ungerechte Verteilung

Geschlossen werden in Essen ab Montag auch sechs Bürgerämter in den Stadtteilen, die wohnortnah die Regelung von Meldeangelegenheiten aller Art ermöglichen. Die Stadt braucht das dort tätige Personal aber für die Registrierung von Flüchtlingen, mit der man stark im Rückstand sei. Weil dazu mit anderen Städten und Behörden kommuniziert werden muss, handele es sich um eine komplexe Materie, die verwaltungstechnisches Fachwissen erfordere. Die Bürgerämter bleiben bis Ende des Jahres geschlossen. Den Bürgern steht das zentrale Bürgeramt in der Innenstadt zur Verfügung.

Sozialdezernent Renzel bemängelte die ungerechte Verteilung der Flüchtlinge in Deutschland, aber auch innerhalb von NRW. „Die großen Städte, gerade im Ruhrgebiet, sind überbelastet, anderen können mehr tun!“, forderte Renzel. Der Verteilungsschlüssel gehöre ausgesetzt. Er vermisse eine große, gemeinsame nationale Kraftanstrengung, die beispielsweise auch das vorübergehende Aussetzen bürokratischer Normen umfassen müsse. „Wenn wir als Stadt einen Investor beauftragen, eine Flüchtlingsunterkunft auf einer leeren Fläche zu bauen, dann müssen wir das Projekt europaweit ausschreiben.“ Dies führe zu Zeitverlusten von bis zu einem halben Jahr.

Die Abschiebepraxis in sichere Drittstaaten müsse in NRW „generalstabsmäßig“ ausgebaut werden, damit die Städte Platz für Kriegsopfer hätten. „Man muss natürlich auch abschieben wollen – siehe die Grünen“, so Renzel unter Anspielung auf Widerstände in der Regierung.

Sportvereine sind irritiert und Schulsport fällt teilweise aus

Vorbereitet hat die Stadt Essen die Belegung von Turnhallen schon vor Wochen, doch als dies nun am Freitag Realität wurde, gab es wegen der Kurzfristigkeit doch Irritationen bei den angestammten Nutzern. Neun Sportvereine sind nach Kenntnis von Ordnungsdezernent Christian Kromberg vom Entzug der zwei Turnhallen am Goethe-Gymnasium in Bredeney und an der Prinz-Friedrich-Straße in Kupferdreh betroffen. Und für die Belegung der Sporthalle an der Klapperstraße in Überruhr, die nächste Woche folgen soll, müssen allein 23 Handballmannschaften der SG Überruhr weichen. Wolfgang Rohrberg, Geschäftsführer des Essener Sportbundes, hat per Telefon den Geschäftsführer des Handballverbandes informiert. Der sei aus allen Wolken gefallen. „Bei allem Respekt“, so Rohrberg, „aber man kann die Leute doch nicht einfach vor die Tür setzen.“

Doch genau so ist. So sehr sich die Stadtverwaltung mühte – eine außerplanmäßige Zuweisung von 300 Asylbewerbern sei durch den Bau von Zeltdörfern und anderen „regulären“ Unterkünften nicht mehr zu stemmen. „Die Regelzuweisung in Essen mit im Schnitt 35 Flüchtlingen pro Tag schaffen wir vorläufig“, so Kromberg, wobei der Puffer auch da keineswegs groß sei: „Wir sind nur eine Woche voraus, da darf nichts schiefgehen.“

Hallen bis mindestens Ende Januar für Sport gesperrt

Das bedeutet: Die Plätze, die heute fertig sind, werden nächsten Samstag für Flüchtlinge zwingend benötigt. Ewig gehe das allerdings nicht so weiter: „Es wird immer schwieriger, überhaupt noch geeignete Standorte zu finden. Die Verwaltung hat mittlerweile zwei leerstehende Bürogebäude angemietet, bei zwei weiteren laufen Verhandlungen. Zwischen 150 und 250 Asylbewerber haben dort jeweils Platz.

Das ändert aber nichts daran, dass nun zunächst drei der insgesamt 13 Essener Großturnhallen dran sind. Kromberg zufolge wurden die Vereine informiert, die Nutzer der bereits am Freitag gesperrten Hallen sind. Grundsätzlich gebe es Verständnis.

Im Goethe-Gymnasium muss der Schulsport teilweise ausfallen oder nach draußen verlagert werden. „Die freie Natur bietet ja viele Möglichkeiten, sich sportlich zu betätigen“, meinte Kromberg, motiviert womöglich durch das am Freitag strahlende Herbstwetter. Da die Hallen allerdings mindestens bis Ende Januar nicht zur Verfügung stehen, kann es im Winter dann schon schwieriger werden.

Lösung für den Sport-Leistungskurs

Ein Problem ist auch der Sport-Leistungskurs des Gymnasiums, der auf Abiturprüfungen vorbereitet. Kromberg: „Die Schulleiterin ist informiert, wir haben eine Lösung für eine Ersatzhalle gefunden.“ Er habe die Direktorin auch gebeten, den Eltern mitzuteilen, dass die Schule nun mindestens für einige Monate neue Nachbarn hat.

Kromberg zufolge hat die Stadt an der Raumerstraße in Frohnhausen nun noch eine Turnhalle in Reserve, für die Betten und anderes Mobiliar vorrätig ist. Das war es dann allerdings. Müssten weitere Hallen requiriert werden, bliebe den Flüchtlingen dort als Schlafstelle nur der Boden. „Das ist natürlich eine Situation, die wir nicht wollen.“ Ob sie sich vermeiden lässt, ist angesichts des weiter großen Zustroms unklar.