Stadt Essen investiert acht Millionen Euro in Notunterkunft

Deutlich in die Jahre gekommen sind die alten Unterkünfte aus den 1960er Jahren. Dieser Block fällt am Schluss.
Deutlich in die Jahre gekommen sind die alten Unterkünfte aus den 1960er Jahren. Dieser Block fällt am Schluss.
Foto: FUNKE Foto Services
Was wir bereits wissen
Rund acht Millionen Euro investiert die Stadt in den Neubau der Notunterkunft. Hier landen auch Familien, denen das Dach über dem Kopf abgebrannt ist.

Essen-Überruhr.. Wohin mit der Familie, wenn das Dach über dem Kopf abgebrannt ist oder die Räumung der eigenen Wohnung droht? An der Liebrecht-straße in Hinsel wächst derzeit der erste von drei neuen Häuserblöcken der letzten Notunterkunft in Essen in die Höhe. Mitte 2017 soll die Anlage für insgesamt 120 Personen stehen.

„Im Zuge der Diskussionen um Sanierung oder Neubau der Liebrechtstraße sind wir natürlich gefragt worden, ob man überhaupt noch eine Notunterkunft benötigt. Wir standen und stehen auf dem Standpunkt: auf jeden Fall“, stellt Hartmut Peltz, Leiter des Essener Sozialamtes, fest. Vor wenigen Wochen noch hatte er zusammen mit OB Reinhard Paß und seinem Dezernenten Peter Renzel den Grundstein gelegt für den ersten Neubau an der Liebrechtstraße, der zum Ende 2015 beziehbar sein soll – wenn alles glatt geht. Sind die Bewohner der Häuserreihen 7-11 und 13-17 in die neuen Räumlichkeiten gezogen, sollen Abbruch und Neubau im Rückraum des Areals folgen. Die benachbarte Kita des Vereins für Kinder- und Jugendarbeit (VKJ) strahlt schon länger in neuem Glanz.

Fertigstellung Mitte 2017

Sind auch die restlichen beiden Unterkunfts-Gebäude Mitte 2017 fertig, fällt der gegenüber liegende Längsblock 8-12. Die Fläche soll vermarktet werden, Genaueres weiß man noch nicht. Knapp acht Millionen Euro lässt sich die Stadt die dringend nötige Beseitigung der alten Häuser aus den 1960er Jahren und die Neubauten kosten.

Eine hohe Summe für ein Auslaufmodell? Die Zahlen sprechen eigentlich für diese Annahme. Lebten 1970 noch 6340 Menschen in städtischen Obdachlosensiedlungen, waren es 1990 nur noch 954 Personen. Und die heute noch verbliebenen 76 Bewohner der Liebrechtstraße sind die letzten, die in Essen noch zentral untergebracht werden.

„Das hängt einerseits mit den Privatwohnungen zusammen, in die die Menschen vermittelt werden. Zum anderen betreute die Fachstelle zur Verhinderung von Wohnungslosigkeit 2014 insgesamt 2300 Fälle, in denen mit und ohne finanzielle Unterstützung der Stadt eine Einigung mit dem Vermieter erzielt werden konnte“, erklärt Hartmut Peltz. Droht eine Räumungsklage in Essen, so wird sein Amt vorher informiert.

Treffen kann es viele

Doch sei dies nur die eine Seite der Medaille. „Wir haben immer 30 bis 40 Härtefälle im Jahr, bei denen es sehr schnell gehen muss oder eine private Unterbringung zunächst nicht funktioniert“, schildert Peltz. Dabei muss man sich lösen vom Bild des „Tippelbruders“, der in eine Notunterkunft vermittelt wird. „Die klassischen Obdachlosen von der Straße werden von der Diakonie an der Maxstraße betreut und an der Lichtstraße untergebracht“, erläutert der Sozialamtsleiter. Die Bewohner der Liebrechtstraße sind dagegen zumeist Menschen, die aus vergleichweise sicheren Verhältnissen auf die Straße gepurzelt sind.

Unterkunftsverwalter Andy Kivessaar kennt seine „Schäfchen“ gut. Im Büro ist er immer ansprechbar, auch für die Nachbarschaft: „Wir haben derzeit einen Handwerksmeister hier, hatten auch Eigenheimbesitzer“, berichtet Kivessaar. Hartmut Peltz ergänzt: „Das kann schneller passieren als man denkt. Viele Menschen, die wir unterbringen müssen, hätten damit selbst nicht gerechnet.“ Trennung, Jobverlust, Alkoholismus: Die Abwärtsspiralen ähneln sich oft. Und treffen kann es viele. Gut, wenn es dann eine Notunterkunft gibt.