Spurensuche führte nach Sao Paulo

Immer wieder sind sie Anlass zu Streit: Jene Stolpersteine, die der Künstler Gunter Demnig in über 500 deutschen Städten verlegt hat:Die Messingtafeln, die jeweils vor dem letzten selbst gewählten Wohnsitz in den Bürgersteig eingelassen werden, sollen an die Opfer des NS-Regimes erinnern. So trete man das Andenken mit Füßen, sagen Demnigs Gegner. Doch bei Stolperstein-Verlegungen geht es nicht nur um die Erinnerung an die Toten, sie setzen oft Gespräche mit Überlebenden und Nachfahren in Gang.

Wie bewegend das sein kann, erleben gerade die Organisatoren der aktuellen Stolperstein-Verlegungen am kommenden Dienstag: Da findet sich in Steele die verborgene Geschichte einer unerwarteten Rettung (Text oben), da telefonieren die Aktivisten aus Rüttenscheid dieser Tage mit einer Brasilianerin, die fließend Deutsch spricht, obwohl sie das Land nie kennengelernt hat.

Diese Susanne Caspary ist Tochter von Grete Callmann, geb. Oppenheimer. Und die jüdische Familie Oppenheimer lebte einst an der Von-Einem-Straße 36 in Rüttenscheid, auch an sie werden bald Stolpersteine erinnern. Grete Callmann und ihrem Ehemann Max gelang mit Hilfe einer brasilianischen Botschaftsangehörigen 1938 die Ausreise nach Sao Paulo. Wenn sie im Krieg Briefe aus Deutschland erhielt, zitterte sie so sehr, dass sie diese nicht lesen konnte: Ihre Eltern waren im Konzentrationslager, und sie wusste, dass eines Tages keine Briefe mehr kommen würden. Umso überraschender ist es, dass Grete Callmann „darauf Wert legte, dass ihre Tochter Susanne bis zum dritten Lebensjahr ausschließlich Deutsch sprach“, erzählt Melanie Rudolph von der Rüttenscheider Bürgerinitiative, die nicht nur diese Geschichte in der Broschüre „Stolpersteine in der Von-Einem-Straße und der Von-Seeckt-Straße in Essen-Süd“ erzählt.

Ausfindig gemacht haben sie Susanne Caspary über einen brasilianischen Artikel, der die mutige Botschaftsmitarbeiterin würdigte. Am Ende einer langwierigen Suche sprachen sie per Bildtelefon (Skype) mit einander – auf Deutsch. Sie erfuhren, dass Susanne Caspary bereits überlegt hatte, nach Deutschland zu reisen; auf den Spuren ihrer Mutter, die 2011 hochbetagt gestorben war. Und so stiften Melanie Rudolph und ihre Mitstreiter nicht nur die Gedenktafeln, sondern laden das Ehepaar Caspary aus Sao Paulo ein: Kommende Woche werden die beiden Essens Vergangenheit und Gegenwart kennenlernen.