Spielen im Stuhlkreis und später ein Nickerchen

m Stuhlkreis: Pflegekraft Anja Hüllen (unten) ermuntert die Gäste im Aufenthaltsraum des Bertha-Krupp-Hauses  zum Bewegungsspiel mit Schwungtuch und Ball.
m Stuhlkreis: Pflegekraft Anja Hüllen (unten) ermuntert die Gäste im Aufenthaltsraum des Bertha-Krupp-Hauses zum Bewegungsspiel mit Schwungtuch und Ball.
Foto: Funke Foto Services
Was wir bereits wissen
Ein Vormittag in der Tagespflege des Bertha-Krupp-Hauses, das 35 Gäste betreut – darunter auch Senioren mit Demenz. Pflegende Angehörige werden entlastet

Essen.. Zuerst lassen sie den großen violetten Gymnastikball im Kreis kullern, dann ziehen sie mit vereinten Kräften rhythmisch am bunten Schwungtuch, bis der kleine Ball — „huuuiii“ – im hohen Bogen durch die Luft fliegt. Das Bewegungsspiel zaubert einen Glanz auf die Gesichter im Stuhlkreises, auch wenn einigen die Bewegung sichtlich schwer fällt. Sie sind ja auch nicht mehr die Allerjüngsten, einige haben die Achtzig weit überschritten.

„Ich fühle mich sehr wohl hier“, sagt Hannelore Pannach (80) – und die anderen im Stuhlkreis nicken. Hier – das ist die Tagespflege des Bertha-Krupp-Hauses in Bedingrade. Im letzten Herbst eröffnet, zählt das Haus zu den modernsten Einrichtungen der Stadt. „Die Tagespflege entlastet insbesondere die Angehörigen“, sagt Geschäftsführerin Claudia Vrecar. Die Senioren kommen von morgens acht bis nachmittags 17 Uhr und werden in der Regel abgeholt und abends nach Hause gebracht.

„Einige kommen nur einmal pro Woche"

Tagespflege – das ist vom Wochenplan her das Gleiche wie ein Kindergarten. Der gemütliche, lichtdurchflutete Aufenthaltsraum ist der Mittelpunkt der Einrichtung. „Hier wird gefrühstückt und zu Mittag gegessen, hier wird gespielt und gesungen, gebastelt und das Gedächtnis trainiert“, sagt Pflegehelferin Erika Dapper. Die 61-Jährige war früher Chefsekretärin im Uniklinikum und arbeitet nun in Altersteilzeit auf 450-Euro-Basis.

Das neue Haus auf der Frintroper Straße bietet 14 Tagespflegeplätze, die von 35 Senioren genutzt werden. „Einige kommen nur einmal pro Woche, andere fünf mal“, sagt die Geschäftsführerin, die ihre Kunden höflich „Gäste“ nennt und großen Wert darauf legt, dass jede(r) einzelne vom Betreuerteam respektvoll gesiezt wird.

Sinnensgarten als Besonderheit

Etwa die Hälfte der Gäste leidet unter demenziellen Veränderungen. „Das ist ein guter Mix, weil beide Gruppen voneinander profitieren“, findet Vrecar. „Wer ohne Handicap ist, kann den anderen helfen und findet so eine sinnvolle Aufgabe.“ Wie sehr das Wohlbefinden demenzieller Gäste gesteigert werden kann, versetzt selbst die Expertin in Staunen. „Einer erkennt zu Hause seine Ehefrau nicht mehr, aber bei uns jeden Mitarbeiter. Daheim hat er schon vergessen, wo die Toilette ist, aber hier weiß er es.“

Donnerstags steht anstelle der Bewegungsspiele Gärtnern auf dem Wochenplan. Der Sinnensgarten zählt zu den Besonderheiten der Einrichtung. Einige streichen am Hochbeet mit ihrer Hand über den duftenden Lavendel, andere ziehen Tomaten. Wer gärtnert, der bewegt sich auch. So wie Horst Scheller. Wenn die anderen im Ruheraum ein Mittagsschläfchen machen, fährt er mit seinem Rollstuhl gerne hinaus, um gut eine Stunde im Sinnesgarten zu verbringen. Für die Betreuungskräfte ist auch dies Teil der so genannten „Biografie-Arbeit“ und ungemein wichtig. Je mehr sie über die Vorlieben und das Vorleben ihrer Gäste erfahren, desto besser können sie sich auf sie einstellen.

"Motivierte Mitarbeiterinnen" sind die Seele der Einrichtung

Claudia Vrecar weiß die Vorzüge eines modern eingerichteten Hauses zu schätzen. Aber die Seele der Tagespflegeeinrichtung, das seien die „motivierten Mitarbeiterinnen“. „Die meisten machen sich zu Hause nach Feierabend Gedanken, wie sie die Gäste sinnvoll beschäftigen können“, sagt Claudia Vrecar. Sie selbst, eigentlich gelernte Industrieschneiderin, hat den Pflegejob von der Pike auf gelernt. Nach 17 Jahren in der ambulanten Pflege ist sie jetzt zur Chefin aufgestiegen.

Auch Erika Dapper gehört zu denen, die mit viel Idealismus bei der Sache sind. „Ich habe ein Erfolgserlebnis, wenn ich sehe, wie dankbar die Gäste sind, dass ihnen bei uns geholfen wird.“

Eine von elf Tagespflege-Einrichtungen in Essen

Um kurz nach zwölf versammeln sich die zehn Gäste wieder um den großen Tisch im Aufenthaltsraum. Jean Böcklin (87), ein Franzose, der sich in einer Essenerin verliebt hat, freut sich nach so viel Bewegung auf ein stärkendes Mahl. Heute steht Geschnetzeltes auf dem Speiseplan. „Mmmmmh“, schmunzelt er.

Das Bertha-Krupp-Haus ist eine von elf Tagespflege-Einrichtungen in Essen mit zusammen 161 Plätzen. Betreiber ist die katholische Mesanus GmbH, eine Tochter der Nikolaus Groß GmbH und der Katholischen Pflegehilfe Essen.

Beispielrechnung für einen Pflegestufe-2-Gast

Linda Breuing, kommissarische Leiterin des Seniorenreferats der Stadt, hält das Tagespflege-Angebot für ausreichend: „In den letzten anderthalb Jahren sind vier Einrichtungen hinzugekommen“ – Haus Berge, die Tagespflege am Niederfeldsee, St. Ludgeri in Werden sowie das Bertha-Krupp-Haus für Frintrop, Bedingrade und Borbeck. „Die Pflegebedürftigen haben kürzere Anfahrten“, so Linda Breuing.

Durch das Erste Pflegestärkungsgesetz haben seit Jahresanfang mehr Menschen Anspruch auf Tagespflegeleistungen. Hier eine Beispielrechnung für einen Pflegestufe-2-Gast mit demenzieller Veränderung und erheblich eingeschränkter Alltagskompetenz: Wenn der Gast fünf Mal in der Woche ins Bertha-Krupp-Haus geht, belaufen sich die Kosten für Anwesenheit und Transport auf 1370,46 Euro im Monat. Die Pflegekasse übernimmt 1298 Euro, der Gast trägt 72,46 Euro. Hinzu kommen Kosten von 419,16 Euro für Unterkunft und Verpflegung. Davon trägt die Pflegekasse 208 Euro, die restlichen 211,16 Euro sind Eigenanteil. Der Gesamt-Eigenanteil beträgt 283,62 Euro.