Spielabbruch in der E-Jugend – Erwachsene als Spielverderber

Das Archivbild zeigt ein E-Jugendspiel bei einer Stadtmeisterschaft, aber keines der Teams, die beim Abbruch in Essen-Karnap beteiligt waren. Auch Kinder und Jugendliche kämpfen um jeden Ball  – vor den Augen parteiischer Eltern.
Das Archivbild zeigt ein E-Jugendspiel bei einer Stadtmeisterschaft, aber keines der Teams, die beim Abbruch in Essen-Karnap beteiligt waren. Auch Kinder und Jugendliche kämpfen um jeden Ball – vor den Augen parteiischer Eltern.
Foto: WAZ FotoPool
Was wir bereits wissen
Nach dem Spielabbruch zwischen Junioren des FC Karnap und der DJK Dellwig schildern Betreuer ihre Sicht. Jugend-Sportgericht: mehr üble Beleidigungen.

Essen.. Nach dem Abbruch des Fußballspiels zwischen den E-Jugend-Mannschaften des FC Karnap 07/27 und der DJK Dellwig 1910 waren sich Verantwortliche beider Vereine am Montag trotz aller Meinungsverschiedenheiten in zwei Punkten einig. Erstens: Dass Zehn- und Elfjährige auf dem Platz zuschlagen, dass sich Eltern und Verwandte auf dem Feld fluchend und drohend vor weinenden Kindern gegenüberstehen – das haben Dennis Bruhnke (seit acht Jahren Jugendleiter des FC) und Andreas Ewert (Spielervater und seit sieben Jahren Trainer der Dellwiger Mannschaft) „noch nie erlebt“. Zweitens: Das darf nicht sein! Beide Vereine werden die Unsportlichkeiten mit Nachwuchskickern und Eltern aufarbeiten – final bei einem Freundschaftsspiel mit Pizzaessen.

Wer andere übel beleidigt, darf drei Monate nicht mitspielen

Was genau am Samstagmittag zehn Minuten vor Spielende beim Stand von 4:2 für Karnap geschehen ist, wird am Montag ein Sportgericht beschäftigen: Die Spruchjugendkammer (KJSK) des Fußballkreises Essen Nord/West „hat Vereinsvertreter für 18.45 Uhr vorgeladen“, berichtet der Vorsitzende der Kammer, Thomas Weiz. Das Schiedsgericht sperre jährlich etwa 20, 25 Jugendspieler – „die meisten wegen Beleidigungen. Wer auf dem Platz massiv beleidigt, darf drei Monate nicht mitspielen“, versichert Weiz.

Dieses Strafmaß gilt überall im Fußballverband Niederrhein (siehe unten). Die Höchststrafe im Jugendfußball, eine einjährige Sperre, musste Weiz während seiner dreijährigen Amtszeit noch nie verhängen. Ein Gewaltproblem sieht der 49-Jährige, selbst Schiedsrichter, auch deshalb im Essener Jugendfußball nicht.

Ausnahmen bestätigen diese Regel: Im Dezember sperrte die KJSK eine 15-Jährige für acht Monate, weil sie ihre Gegenspielerin beim Verabschiedungsritual mit der Faust niederstreckte.

„Die Hemmschwelle ist gesunken“

Was Weiz aber vor allem zu denken gibt: „Die Hemmschwelle, den Gegner ehrverletzend mit Beschimpfungen unter der Gürtellinie zu beleidigen, ist deutlich gesunken.“ Eine weitere Beobachtung: Viele Trainer und Eltern brächten von der Seitenlinie aus eine neue verbale Aggressivität ins Spiel. „Bei 80 Prozent ist es gesunde Verbissenheit, 20 Prozent übertreiben.“ Weiz hat schon Väter erlebt, die ihre Söhne zur Blutgrätsche auffordern („Hau ihn um!“) und einen Spielervater, der ein Gegentor per Fußabwehr verhindert: „Es gibt viel zu häufig einen Trainer und elf Co-Trainer, die alles besser wissen.“

Zurück nach Karnap am Samstag. Einen Schiedsrichter gab es nicht, ein Mitglied des FC Karnap half als Spielleiter aus. Das ist üblich so. Gäste-Trainer Andreas Ewert spricht von „einem harten Spiel mit strittigen Szenen“. Einen Heißsporn habe er wegen dessen nicht geahndeten Foulspiels vom Platz genommen: „Uns ist Fairplay ebenso wichtig wie der Spaß am Spiel“, versichert Ewert.

FC-Jugendleiter Dennis Bruhnke nennt die Partie „überhart“ und „hitzig“ – auch wegen der erwachsenen Zuschauer: (Fortsetzung auf Seite 2)

Beide Seiten sollen Spieler aufgestachelt und Spielleiter bearbeitet haben

FC-Jugendleiter Dennis Bruhnke nennt die Partie „überhart“ und „hitzig“ – auch wegen der erwachsenen Zuschauer: „Es gab viele Zwischenrufe und gegenseitige Beleidigungen.“ Beide Seiten hätten die Kicker aufgestachelt und versucht, den Spielleiter zu beeinflussen.

Fußball Nach einem Foul und einer „Schubserei“, so Bruhnke, habe ein DJK-Spieler seinem Kontrahenten „mit der Faust ins Gesicht geschlagen“. Einige Minuten später habe ein Karnaper erneut „einen Schlag kassiert“. DJK-Betreuer Ewert nennt es „eine Backpfeife im Affekt. Das gehört sich nicht, ich hätte den Jungen vom Feld genommen.“

„Das war ein Schock für die“

Dazu kam er nicht mehr: Ein junger Verwandter des geschlagenen FC-Kickers, geschätzte 18, 19 Jahre alt, sei wütend Richtung Dellwig-Spieler gerannt. „Drei Väter aus Karnap mussten ihn zurückhalten, und mein Co-Trainer hat sich zwischen ihn und das Kind gestellt“, sagt Andreas Ewert. „Die Jungs waren völlig verstört.“

Auch in den Reihen des FC Karnap seien Tränen geflossen, ergänzt Bruhnke: „Das war ein Schock für die. Als sich vier Männer zwei gegen zwei auf dem Platz gegenüberstanden, bin ich dazwischen gegangen.“

So blieb es beim Gebrüll und beim Tohuwabohu. Beide Trainer, so Bruhnke, entschieden dann gemeinsam, das Spiel zu beenden – „zur Sicherheit der Kinder.“ Dem jungen Mann, der als erster Erwachsener aufs Feld gestürmt war, will der FC Karnap ein Platzverbot erteilen.

Nach dem Vorfall haben wir mit Michael Kurtz, Vorsitzender im Jugendausschuss des Fußballverbandes Niederrhein (FVN), kurz über ehrgeizige Erwachsene und Druck im Jugendfußball gesprochen. Das Kurzinterview lesen Sie auf Seite 3 des Artikels:

Druck und Verbissenheit in allen Altersklassen – vor allem durch Trainer und Eltern

Michael Kurtz ist Vorsitzender im Jugendausschuss des Fußballverbandes Niederrhein, dem auch die beiden Essener Fußballkreises angehören. Wir haben ihn nach den Vorfällen in Karnap befragt. Ein Kurzinterview.

Kinder, die zuschlagen, erwachsene Zuschauer, die sich auf dem Platz aggressiv gegenüberstehen. Ist das Alltag in den Jugendligen?

Michael Kurtz: Das ist eine sehr traurige und sehr seltene Ausnahme. Aber es gibt auch im Kinder- und Jugendfußball Druck und Verbissenheit in allen Altersklassen – vor allem durch Trainer und Eltern.

Wie reagiert der Verband?

Kurtz: Bei den Kleinsten gibt es keine Tabellen, keine Meisterschaft, um Ergebnisdruck zu vermeiden. Wir spielen bei Bambinis und in der F-Jugend nach Regeln der „FairPlayLiga“: Die Zuschauer sollen 15 Meter Abstand vom Spielfeld halten, die Teams regeln das Spiel ohne Schiri selbst. Die Kleinen sind ja ehrlich unterwegs. Trainer sollen keine Kommandos reinrufen

Warum nicht?

Kurtz: Dieses „Steuern“ bringt höchstens kurzfristig Erfolg, aber die Kinder sind abgelenkt und können nicht befreit Fußball spielen.