„Sollen wir schon T-Shirts drucken?“

Beim Bahn-Konkurrenten Abellio war er im Führerstand, an vergleichbaren Ambitionen für die Stadt fehlt es dem einstigen Evag- und EVV-Vorstand nicht. Doch Wolfgang Meyer hat sich noch nicht entschieden.
Beim Bahn-Konkurrenten Abellio war er im Führerstand, an vergleichbaren Ambitionen für die Stadt fehlt es dem einstigen Evag- und EVV-Vorstand nicht. Doch Wolfgang Meyer hat sich noch nicht entschieden.
Foto: NRZ
Was wir bereits wissen
Ob er in letzter Minute auf den Kandidaten-Zug zur OB-Wahl springt oder es bleiben lässt – Wolfgang Meyer weiß es nicht genau. Aber in ihm rumort es gewaltig

Essen.. Wenn es mal wieder ganz dicke kommt, führt er diese Selbstgespräche: „Reg‘ Dich nicht auf“, sagt er sich dann, „misch‘ Dich nicht ein“.

Aber das sagt sich so leicht. Wahr ist ja, dass Wolfgang Meyer sich immer gern eingemischt hat, und weiß Gott nicht stets zur Begeisterung seiner Gegenüber. Das liegt einerseits in der Natur der Sache, wenn einer 14 Jahre lang die – längst in „Verdi“ aufgegangene – Gewerkschaft ÖTV mobil gemacht hat. Wenn man als Vorstand neun Jahre die Evag auf ein neues Spar-Gleis gehievt, als Abellio-Chef die Deutsche Bahn angegriffen, als Berater den Wettbewerb befördert hat. Denn Wettbewerb bedeutet Ärger für die jeweiligen Platzhirsche.

Womit Wolfgang Meyer schon mitten im Thema ist. Denn diesmal geht es um Essens politischen Platzhirsch Nummer 1, es geht um Reinhard Paß, den OB. Über den hat er sich mehr als einmal aufgeregt, hat über dessen Politik den Kopf geschüttelt und sich öfter bei dem Gedanken erwischt, der am Stammtisch, in munterer Diskussionsrunde oder beim Abendbrot in der Familie womöglich vielen schon rausgerutscht ist: „Das hättest Du besser hingekriegt.“

Heute lässt sich für Meyer nicht mehr recht nachvollziehen, wann aus dieser vorüberhuschenden Idee ein regelrechtes Mantra geworden ist, eines, das ihn seit Wochen über der Frage grübeln lässt, ob er den wohlfeilen Worten nicht auch Taten folgen lassen sollte. „Ich habe nach wie vor den Drang, was zu bewegen“, sagt Meyer, „ich kann überzeugen, ich kann gestalten, ich kann Interessen ausgleichen.“ Und wenn’s sein muss: „Ich kann auch polarisieren.“

Viel gewagt und viel gewonnen

Er weiß, dass mancher ihm das als ziemlich schweren Fall von Arroganz auslegen wird. Drauf gepfiffen: „Ja, ich bin so arrogant zu glauben, dass ich es besser machen würde“, sagt Meyer da unverblümt, und wenn einer wie er diesem Gedanken erstmal Platz gibt, dann lässt ihn der nicht mehr so leicht los. Vielleicht auch, weil es für Meyer in den vergangenen Jahren einfach zu oft zu gut lief: Die Arbeit bei Abellio war für ihn zwar eine „Mördermühle“, die ihm höchsten Stress und drei Stents gegen einen drohenden Herzinfarkt einbrachte, sie hat ihn aber auch wirtschaftlich auf die Sonnenseite des Lebens katapultiert. Der Gewerkschafter von einst hatte viel gewagt und viel gewonnen, hatte sein Privathaus sechsstellig beliehen, weil Finanzinvestor StarCapital damals eine Beteiligung des Managements einforderte – und war mit goldenem Handschlag verabschiedet worden, als die Niederländische Staatsbank sich von ihm trennen wollte.

Andere setzen sich nach solchen Erfahrungen und mit dem Wissen um ein auskömmliches Dasein zur Ruhe, aber so einer ist Meyer nicht. Mit seiner Linearis Beratungs-GmbH berät er mittlerweile im sechsten Jahr Unternehmen aus der Mobilitäts- und Logistik-Branche, sucht Personal, entwickelt Konzepte, auch und gerade international – und ist nach dem Kauf eines Bus-Unternehmens mit 30 Millionen Euro Umsatz wieder drauf und dran, an einer neuen Wachstums-Story zu schrauben.

Der kalte Atem von Willi Nowack

Die könnte ihm durchaus gelingen, aber sie würde wohl diese innere Stimme nicht verstummen lassen, die ihm seufzend sagt, auf welch oberflächlicher Basis manche Entscheidungen in Essen fallen. Und was man, was er als OB in Angriff nehmen müsste.

Wenn man ihn nur ließe.

Das über die SPD einzustielen, jener Partei, der er seit Jahrzehnten angehört (das „noch“ formuliert er dabei ohne besondere Betonung) hat sich Meyer erspart – überzeugt davon, dass in den Korsettstangen des Parteibetriebs einer wie er ruck-zuck zerrieben würde. Nicht, dass er immer ein Ja und Amen braucht, davon ist er auch als einstige Standesbeamter in Delmenhorst weit entfernt. Aber „schon wer den Anschein erregt, nicht stromlinienförmig zu denken und zu arbeiten, kommt in die vorgefertigte Schublade. Wir sind nicht mehr in der Lage, ein objektives Bild zu erzeugen.“ Und klar erahnt er die auf ihn gemünzten Sprüche à la „Das ist der kalte Atem von Willi Nowack.“

Der Zug endet hier

Meyer schüttelt den Kopf: Nein, auf diese Weise zerrieben zu werden, darauf hat er keine Lust. Kandidat kann man nämlich auch viel einfacher werden: 450 Unterstützer müssten sich stadtweit für eine Bewerbung finden, dann wäre der Weg frei. Und Meyer allerdings auch sein SPD-Parteibuch los, weil die Sozialdemokraten sich ein solches Ausscheren selbstredend nicht gefallen lassen würden.

Es sieht nicht so aus, als würde diese Aussicht den 59-Jährigen sonderlich umtreiben. Eher schon die Frage, ob man sich – bei aller vorhandenen Energie – was vormacht. Gibt es eine realistische Chance, in die Stichwahl zu kommen? Dazu müsste Meyer am 13. September entweder den SPD-Bewerber oder CDU-Kandidat Thomas Kufen stimmenmäßig überholen. Und was wird dann mit seinem Unternehmen? Was mit den Mitarbeitern? „Wäre ich nicht in dieser Unternehmer-Verantwortung, dann wäre die Entscheidung schon gefallen.“

Unterstützer jedenfalls haben sich schon gemeldet: „Sollen wir schon T-Shirts drucken?“, fragen die ersten. Gemach. Erst mal will Meyer die SPD-interne Kür abwarten, aber dann muss er sich entscheiden. Aufspringen oder feststellen: Der Zug endet hier.