So hat Essen den EU-Titel Grüne Hauptstadt 2017 gewonnen

Erleichterung nach dem Auftritt vor der Finaljury: Erst mussten die Essener Team-Mitglieder 45 Minuten lang die Stadt vorstellen, dann wurden sie von den Juroren mit Fragen gelöchert. Auch kritische Themen kamen aufs Tableau, etwa die aktuelle Spardebatte und Kürzungen im Nahverkehr.
Erleichterung nach dem Auftritt vor der Finaljury: Erst mussten die Essener Team-Mitglieder 45 Minuten lang die Stadt vorstellen, dann wurden sie von den Juroren mit Fragen gelöchert. Auch kritische Themen kamen aufs Tableau, etwa die aktuelle Spardebatte und Kürzungen im Nahverkehr.
Foto: Marcus Schymiczek / WAZ
Was wir bereits wissen
Essen hat sich im Finale um den Titel „Grüne Hauptstadt 2017“ durchgesetzt. In der Endrunde am Mittwoch überzeugte das Essener Team die Jury.

Essen.. Beim Finale in der Stadt Bristol im Südwesten von England ging es um alles. Der Auftritt vor der Jury entschied mit darüber, dass Essen 2017 den Titel „Grüne Hauptstadt“ trägt.

Um 11 Uhr Ortszeit wurde es ernst für das Essener Team. Es waren für die Mitglieder der Delegation 90 lange Minuten, in denen sie erst eine Dreiviertelstunde lang das Konzept für das „Grüne Hauptstadt“-Jahr 2017 vorstellten und sich dann den Fragen der Jury stellen mussten. „Die haben uns gegrillt“, berichteten Teilnehmer nach der Fragerunde.

Um den Auftritt optimal vorzubereiten, hatte sich das Team professionelle Hilfe ins Boot geholt: Hans-Dietrich Schmidt, Professor für Schauspiel an der Folkwang-Uni, hatte der Dramaturgie des Auftritts den letzten Schliff verpasst. Und weil es galt, ernste Inhalte unterhaltsam zu verpacken, holte sich die Stadt auch Rat bei der Essener Agentur „TAS – Emotional Marketing“.

Erste Vorbereitungen im Herbst

Bereits im Herbst begannen bei der Agentur die ersten Vorbereitungen. „Unsere Aufgabe war es, die 260 Seiten starke Bewerbung so aufzubereiten, dass die Inhalte in 45 Minuten rübergebracht werden können“, sagt Sandra Stubbe, Mitglied der TAS-Geschäftsleitung. Das Motto dabei: „Eine Geschichte erzählen, nicht nur Fakten vorbringen.“ Ein ewiges Ringen sei das im Vorfeld gewesen, heißt es: Wie viele Informationen kommen in die Präsentation rein, was fliegt über Bord?

Finalsieg Das Ergebnis präsentierte das Essener Team dann der Jury – die Akteure spielten sich geschickt die Bälle zu und rangen den Entscheidern ein ums andere Mal ein anerkennendes Lächeln ab. Der rote Faden: Jeder Redner stellt einen Tour-Guide dar und nimmt die Jury mit auf eine Reise durch die Stadt.

Den Auftakt machte Oberbürgermeister Reinhard Paß, der den Strukturwandel der Stadt betonte und zeigte, dass sie damit als Blaupause für andere Städte im Wandel dienen kann, es folgte Umweltdezernentin Simone Raskob – die sich auch den Spaß erlaubte, den Jury-Vorsitzenden zum Baden im Baldeneysee einzuladen.

Sympathiepunkte fürs Radfahren

Es folgte Martina Oldengott von der Emschergenossenschaft. Sie sprach über das Großprojekt „Emscherumbau“. Dann stellte Landschaftsarchitekt Andreas Kipar das Programm „Neue Wege zum Wasser“ vor, und Nils Hoffmann, Leiter der Unternehmenskommunikation bei der Evag, berichtete über Busse und Bahnen – und gewann Sympathie-Punkte, weil er mit dem Fahrrad nach Bristol strampelte.

Die Schäden durch Sturm „Ela“ standen im Zentrum der Präsentation von Umweltamtsleiter Matthias Sinn. Die Botschaft: Wir wissen, wie man mit Krisen umgehen muss. Und der Essener EU-Politiker Jens Geier zeigte der Jury dann noch, was bereits in Essen mit Hilfe der Europäischen Union realisiert wurde.

Dass das Miteinander in Europa wichtig ist, betonte die Leiterin der Stabsstelle Internationale Beziehungen, Petra Thetard. Sie sprach über Essens Partnerstädte und das Projekt „Europa-Schulen“.

Ohne die Bürger geht gar nichts

Ohne die Bürger, so lautete stets die Botschaft, geht bei alldem aber gar nichts. Das war das Thema von Julia Trippler. Sie ist bei Grün und Gruga für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig. Sie sprach darüber, dass jährlich 45 000 Kinder im Biologischen Bildungszentrum „Schule Natur“ etwas über die Umwelt lernen. Anhand des Beispiels „essen-pico-bello“ zeigte sie der Jury, dass Sauberkeit ein Anliegen ist, um das sich die gesamte städtische Gesellschaft bemüht.

Nach dem Auftritt war Erleichterung zu spüren. „Geschafft! 90 spannende Minuten sind vorbei, das Training hat sich ausgezahlt“, schrieb die Stadt per Facebook an die Daheimgebliebenen. „Das Team geht zuversichtlich in die Preisverleihung.“

Die Zuversicht war berechtigt. Irgendwie ahnten die Team-Mitglieder schon, dass es am nächsten Tag heißen sollte: Essen ist „Grüne Hauptstadt Europas 2017“.

Erste Reaktionen: Das erwarten Essener Politiker nach dem Finalsieg

Wolfgang Freye (OB-Kandidat der Linken) sieht noch Handlungsbedarf:

„Ich freue mich riesig, dass Essen den Titel ,Grüne Hauptstadt Europas’ gewonnen hat. Das ist ein toller Erfolg für eine ehemalige Hochburg von Kohle und Stahl. Für uns ist die Nominierung eine Chance, trotz Haushaltskrise die Lebensqualität für alle zu verbessern. Dazu gehört ein leistungsfähiger und preiswerter Personennahverkehr. Der Zusammenschluss der Verkehrsverbünde in via muss endlich voll umgesetzt werden, wir brauchen alternative und sozial gerechte Finanzierungskonzepte wie eine Umlagefinanzierung. Und statt Grünflächen für Neubebauungen zu zerstören, müssen mehr Brachen aufbereitet werden.“

Gönül Eğlence (OB-Kandidatin der Grünen) möchte nun „grüne“ Taten sehen:

„Die Auszeichnung ist eine tolle Anerkennung der Umweltschutzerfolge in Essen. Es dokumentiert Essens Wandel vom ,Kohlenpott’ zur lebenswerten Stadt im Grünen. Damit rückt grüne Politik noch mehr in den Fokus. Fördermittel lassen sich noch besser erschließen. Die internationale Wahrnehmung von Essen als grüner Stadt hilft aber auch der Wirtschaft und erhöht die Attraktivität für Menschen, die zu uns ziehen wollen. Nun gilt es, der Auszeichnung möglichst viele ,grüne’ Taten folgen zu lassen.“

Christian Stratmann (OB-Kandidat der FDP) fordert Konzentration auf Fakten:

„Die Prämierung hilft, ein facettenreiches Bild von einer lebenswerten Stadt zu transportieren. Den Bürgern wird so verdeutlicht, welche Qualitäten Essen außerdem zu bieten hat. Entscheidend ist aber bei aller Freude, dass die harten Standortfaktoren nicht aus dem Blick geraten. Essen darf notwendige Investitionen für Infrastruktur und Industrieansiedlungen jetzt nicht unterlassen, da nur diese Wohlstand und Arbeitsplätze bringen. Neue grüne Verbote und Lebensstilvorgaben dürfen keinesfalls die Folge für die Bürger sein.“