Siemens zieht hunderte Arbeitsplätze aus Essen ab

Das Reparaturwerk in Vogelheim an der Econova Allee mit 350 Mitarbeitern wird geschlossen und das Geschäft mit den Arbeitsplätzen in den kommenden zwei bis drei Jahren nach Mülheim verlagert.
Das Reparaturwerk in Vogelheim an der Econova Allee mit 350 Mitarbeitern wird geschlossen und das Geschäft mit den Arbeitsplätzen in den kommenden zwei bis drei Jahren nach Mülheim verlagert.
Foto: FUNKE Foto Services
Was wir bereits wissen
Das Reparaturwerk für Dampfturbinen in Vogelheim soll geschlossen werden und nach Mülheim umziehen. Die Elektronikwerkstatt wird wohl abgewickelt.

Essen.. So nah liegen manchmal Erfolge und Niederlagen beieinander. Vergangene Woche feierte Essen noch die Nachricht, dass der Mülheimer Chemie-Händler Brenntag mit 500 Mitarbeitern nach Essen ziehen wird. Gestern nun der Tiefschlag bei Siemens: Das Reparaturwerk in Vogelheim an der Econova Allee mit 350 Mitarbeitern wird geschlossen und das Geschäft mit den Arbeitsplätzen in den kommenden zwei bis drei Jahren nach Mülheim verlagert. Unabhängig davon sollen bis dahin 60 Stellen in Essen gestrichen werden.

Wenn Siemens parallel im Mülheimer Werk die geplanten 950 Jobs abgebaut hat, dann ist dort genügend Platz für ein Service- und Reparatur-Zentrum. Zumutbar wäre ein Umzug für die Essener Mitarbeiter sicherlich. Dennoch läuten beim Betriebsratsvorsitzenden Dieter Kupferschmidt die Alarmglocken: „Wir haben schon viel in den vergangenen Jahren erlebt.“ Immer wenn Geschäfte bei Siemens konsolidiert und zusammengezogen wurden, folgte ein schleichender Jobabbau, sagt er. „Die gleiche Angst habe ich auch, wenn wir nach Mülheim umziehen.“ In der Nachbarstadt werden große Dampfturbinen gefertigt, doch das Geschäft leidet unter der Energiewende. Energieversorger nehmen moderne Gaskraftwerke reihenweise vom Netz, neue werden nicht gebaut. Das macht besonders der Siemens-Sparte „Power and Gas“ zu schaffen, zu der auch Essen zählt und die jetzt saniert werden soll. In Essen werden jedoch deutlich kleinere Turbinen gewartet und repariert. „Das ist ein ganz anderes Geschäft als in Mülheim“, sagt Kupferschmidt. Er befürchtet, dass die Essener langfristig in Mülheim unter die Räder kommen und das Reparatur-Geschäft langsam ausblutet.

Eine Perspektive für mindestens zehn Jahre

Betriebsratschef Kupferschmidt will die Standortschließung nicht einfach so hinnehmen, schließt auch Protestaktionen der Mitarbeiter nicht aus. Wenigstens aber fordert er ein Konzept, das den Mitarbeitern in Mülheim eine Perspektive für mindestens zehn Jahre sichert. Die IG Metall kündigte gestern ebenfalls an, alle Pläne des Konzerns auf den Prüfstand zu stellen. Die Gewerkschaft pocht vor allem auf eine Vereinbarung, dass betriebsbedingte Kündigungen ausgeschlossen sind.

Das Standort-Aus in Vogelheim könnte indes nicht die einzige Hiobsbotschaft für Essen sein. Die IG Metall befürchtet auch, dass der Konzern kommende Woche die Schließung der Elektronik-Werkstatt verkünden könnte, die an der Hafenstraße sitzt. Dort arbeiten noch 58 Beschäftigte. Sie sind am Dienstag zur Mitarbeiterversammlung geladen. Tagesordnungspunkte: 1. Informationen zur aktuellen Situation. 2. Informationen des Betriebsrates. „Das verheißt nichts Gutes“, meint IG-Metall-Sekretär Alfons Rüther. Er fühlt sich an ein gleiches Vorgehen Ende 2012 in Hannover erinnert, als den Mitarbeitern dort das Aus verkündet wurde. Die Arbeiten aus Hannover verlagerte Siemens damals nach Fürth. Gleiches droht nach Ansicht der IG Metall nun für die Essener Aufträge, die ohnehin wohl nur noch für zwei Kunden arbeiten. „Wir haben schon vor Jahren angemahnt, neue Vertriebswege für Essen zu suchen.“ Passiert sei nichts.

„Wir sterben hier so schleichend aus“, kommentierte gestern ein Siemens-Betriebsrat die Entwicklung in Essen.