Sieben Wochen ohne ...

Nelson Müller, Sternekoch: „Ich halte die Fastenzeit zwar nicht immer ganz streng ein, aber ich versuche schon, mich bei einigen Genussmitteln etwas zurückzuhalten, dazu gehört zum Beispiel Alkohol. Außerdem bemühe ich mich, in diesen Wochen etwas bewusster zu leben und mich aufs Wesentliche zu besinnen. Religiöse Gründe hat das bei mir weniger, aber ich spüre einfach, wie gut mir das tut.
Nelson Müller, Sternekoch: „Ich halte die Fastenzeit zwar nicht immer ganz streng ein, aber ich versuche schon, mich bei einigen Genussmitteln etwas zurückzuhalten, dazu gehört zum Beispiel Alkohol. Außerdem bemühe ich mich, in diesen Wochen etwas bewusster zu leben und mich aufs Wesentliche zu besinnen. Religiöse Gründe hat das bei mir weniger, aber ich spüre einfach, wie gut mir das tut.
Foto: Jakob Studnar
Was wir bereits wissen
Süßigkeiten, fetthaltige Speisen, Alkohol oder Facebook. Die Essener entscheiden ganz individuell, auf was sie in der Fastenzeit verzichten möchten. Quälen sollte man sich aber nicht, raten die Kirchen.

Essen.. Für waschechte Narren ist es der vielleicht schwärzeste Tag des Jahres: Mit dem Aschermittwoch beginnt heute die Fastenzeit und für viele damit einige Wochen des Verzichts auf liebgewonnene Konsumgüter wie Süßigkeiten, Schnitzel oder Zigaretten. Auch viele Essener nehmen die Fastenzeit zum Anlass, manche Dinge in den Wochen bis Ostern aus ihrem Alltag zu streichen. Ihre Motive sind dabei durchaus unterschiedlich und nicht immer religiöser Natur: Für die einen ist der Beginn der Fastenzeit eine willkommene Motivation, endlich ein paar Kilo abzuspecken, die anderen möchten einfach wieder ihre Aufmerksamkeit auf das Wesentliche im Leben lenken.

Zur letzteren Kategorie gehört auch der Essener Sternekoch Nelson Müller: Zwar zaubert der Berufsgourmet seinen Gästen jeden Tag erlesene Köstlichkeiten auf den Tisch, er selbst will in der Fastenzeit aber etwas kürzer treten – vor allem beim Genuss von Hochprozentigem: „Zwar halte ich die Fastenzeit nicht immer so streng ein, wie es sein sollte, aber ich versuche schon, mich bei einigen Dingen zurückzuhalten, zum Beispiel Alkohol.“ Quälen wolle er sich mit dem Verzicht aber nicht, sondern „ich spüre einfach, wie gut mir das tut.“

Doch das Fasten hat noch andere Facetten als nur den Verzicht auf Süßigkeiten oder Alkohol, wie das Beispiel von Caritas-Direktor Björn Enno Hermanns zeigt: „Im vergangenen Jahr habe ich komplett auf soziale Medien verzichtet und meinen Facebook-Account mal links liegen gelassen. Ich war erstaunt, wie viel freie Zeit ich plötzlich für andere Dinge zur Verfügung hatte.“

Fasten als Startschuss für eine Diät

Wenn man sich bei den Essenern so umhört, fällt auf, dass es gerade die jungen Leute mit dem Verzicht nicht so eng sehen: „Ich habe schon als Kind nicht gefastet, wieso soll ich heute damit anfangen?“, sagt etwa Sarah Bönn. Auch ihr Freund Felix Tetampel tut sich mit dem Gedanken, 40 Tage enthaltsam zu leben, schwer und möchte es daher gar nicht erst versuchen. Ursula Häffner hingegen ist hoch motiviert, ihr Ziel zu erreichen. „Ich mache das nicht aus religiösen Gründen. Ich sehe das als Chance an, zehn Kilo abzunehmen. Meine Knie werden es mir danken. Wenn nur die Bonbons nicht wären.“

Melanie Nerger und Jamal Berwanger lehnen den Verzicht auf Süßigkeiten, Burger oder Limonade kategorisch ab. Aber nicht, weil sie schlechte Erfahrungen gemacht haben, sondern weil sie nicht anders können. „Ich lebe von Hartz IV und kann am Anfang des Monats den Kühlschrank einmal auffüllen. Dann muss ich zusehen, wie ich an Lebensmittel komme. So gesehen, werde ich zum Fasten gezwungen“, sagt Melanie Nerger bedrückt. Jamal Berwanger versucht sich nach einem Gefängnisaufenthalt ebenfalls über Wasser zu halten. „Selbst wenn ich es mir aussuchen könnte, würde ich es nicht machen. Ist es notwendig, sich zu quälen?“

„Nein“, sagt Pfarrer Bernd Zielezinski von der evangelischen Erlöserkirchengemeinde Holsterhausen. „Es geht nicht darum, zwanghaft auf etwas zu verzichten. Man soll sich auf etwas besinnen und es machen, weil man das Gefühl hat, dass es einem gut tut.“ So hat der Pfarrer schon vor Jahren in der Fastenzeit gänzlich cholesterinhaltige Lebensmittel gestrichen und lebt seitdem gesünder.

Schönheit liegt im Auge des Betrachters

Das Fasten ist nur ein Aspekt, dem sich die Protestanten widmen. Unter dem Motto „Du bist schön. Sieben Wochen ohne Runtermachen“ möchte die Kirche die Menschen ermutigen und zeigen, dass Schönheit im Auge des Betrachters liegt – der Blick soll wieder auf das Wesentliche gelenkt werden. An Karneval hält Pfarrer Zielezinski standesgemäß eine Büttenrede in Reimform, „um den Menschen das Thema nahezubringen“.

Die Katholiken in Essen werden sich in den Gemeinden ganz individuell mit dem Thema „Fasten“ auseinandersetzen. Die Gläubigen können sich mit einem Wegbegleiter austauschen und Impulse bekommen, um ihr Ziel zu erreichen.