Senioren schwelgen in Erinnerungen

Vogelheim..  Der Tisch im Awo-Seniorentreff in Vogelheim biegt sich beinah vor Langspielplatten, Kassetten, Liederbüchlein und Single-Sammel-Hüllen, deren Motive verraten, dass sie schon Jahrzehnte auf dem Buckel haben. Robert Stolz, Peter Alexander, Jürgen Drews, Udo Jürgens und Zarah Leander sind dabei. Das alles hat Brigitte Böcker mitgebracht, einiges davon aus dem Keller wieder hervorgeholt. Die 71-Jährige leitet heute das Erzählcafé. Das Thema: Schlager und ihre Geschichten.

Um die 15 Frauen und vier Männer in Stimmung zu bringen, stimmt Brigitte Böcker erst einmal ein Reigenlied an: „Essen ist ‘ne schöne Stadt“. Ursula („Ursel“) Pukat (72) sorgt für die Gitarrenbegleitung. Nach einigen Strophen schwenkt Brigitte Böcker zum erzählerischen Teil über. Früher habe man statt Schlager Gassenhauer gesagt. „Häufig waren es auch Moritaten“, sagt Werner Bussick, Hobby-Historiker aus Altenessen. So wie bei der Moritat vom Massenmörder Fritz Haarmann („Warte, warte nur ein Weilchen . . .“). Und gibt der 77-Jährige die kuriose Entstehungsgeschichte eines Gassenhauers zum Besten. „Diese Meldung stand damals in der WAZ. Im Lattenkamp, in Altenessen, ist ein weißes Pony durch eine offene Tür in eine Wohnung gekommen und hat von dem Weihnachtsgebäck genascht.“ Das Lied, das daraus wurde, kenne jeder: Es steht ein Pferd auf dem Flur. Der Schlager lebe davon, schnell von der Bevölkerung übernommen zu werden. Und schon stimmen die Frauen und Männer im Chor ein.

So tun sie es fast jedes Mal, wenn ein Liedtitel fällt. Bis auf „Da, da, da“ von Trio. Das finden sie nicht gut. Anders bei Hans Albers’ „Auf der Reeperbahn nachts um halb eins“, als alle sich einhaken und an den Kaffeetischen schunkeln. Und auch „Marmor, Stein und Eisen bricht“ von Drafi Deutscher kommt gut weg.

Brigitte Böcker bohrt nach und fragt, ob nicht jemand einen Schlager habe, mit dem er bestimmte Ereignisse verbindet. „Eine Liebe ohne Ende, das soll unsere Liebe sein“, singt Hilde Mühlenbrock (74) leise vor. Dass sie diesen Liedtext hörte, ist lange her. Zwei Jahre vor ihrer Hochzeit müsse es wohl gewesen sein. Zu lange, um den Interpreten noch gegenwärtig zu haben. „Aber immerhin hat diese Liebe schon fast 55 Jahre gehalten“, fügt ihr Mann Willy augenzwinkernd hinzu. Der 85-Jährige hat sich gut auf den Nachmittag vorbereitet. Sein Sohn hat ihm eine Mappe zum Thema „Schlager“ zusammengestellt.

„In der Filmbühne haben sie damals einen amerikanischen Jugendfilm gezeigt“, kramt Werner Bussick in seinen Erinnerungen. Die Musik in dem Film ist von Bill Haley and the Comets. „Meine erste Schallplatte war ,Rock around the clock’“, erzählt Bussick.

Marianne Kempf verbindet schöne Erinnerungen mit dem „Schneewalzer“. Die heute 85-Jährige besuchte damals ihren Mann in der Kur. Abends ging es zum Tanz. Und sie hat getanzt. „Ich war dort die einzige Frau unter lauter Männern, da war ich am Abend von dem vielen Tanzen platt“, schmunzelt sie.

Und wieder stimmen alle ein – sehr zur Freude von Marianne Kempf.