Essen

Seit fünf Jahren auf Reisen: Wie eine karierte Mütze das Leben eines Essener Paars veränderte

Rochssare Neromand-Soma und Morten Hübbe in Ecuador - und eine Schildkröte, die versucht, aus dem Bild zu rasen ...
Rochssare Neromand-Soma und Morten Hübbe in Ecuador - und eine Schildkröte, die versucht, aus dem Bild zu rasen ...
Foto: Hübbe, Neromand-Soma
  • Eigentlich wollten Morten und Rochssare nur ein paar Monate in Argentinien sein
  • Jetzt ist das Reisen ihr Leben geworden
  • Und das Gastgeschenk einer besonderen Familie ist immer mit auf Tour

Essen. Die karierte Mütze von Morten Hübbe ist mehr als eine Kopfbedeckung. Sie ist ein Symbol für das neue Leben geworden, dass er und seine Freundin Rochssare Neromand-Soma seit fünf Jahren führen. Und sie ist ein Gruß an eine ganz besondere Familie.

Doch dazu später.

Fangen wir mit Forrest Gump an. Es gibt diese Szene in dem Film, in der Tom Hanks kreuz und quer durch die USA läuft. Und jedesmal, wenn er an einen Ozean kommt, sagt er: „Wenn ich schon so weit gekommen bin, kann ich auch einfach weiterlaufen.“

Sie besuchten jedes einzelne Land in Südamerika

Ungefähr dasselbe haben sich Morten Hübbe und Rochssare Neromand-Soma auch gedacht - und am Ende haben sie jedes einzelne Land in Südamerika besucht. Per Anhalter.

Dabei wollte das Essener Paar eigentlich nur ein paar Monate bleiben, als sie 2011 nach Argentinien aufbrachen.

Was sie vermissen: Stauder-Pils

Früher hatten Morten und Rochssare das, was man ein geregeltes Leben nennt. Wohnung am Frohnhauser Platz, Studium an der Uni Essen und am Wochenende ein paar Bier mit Freunden in der Temple Bar.

Jetzt sitzt das Paar in einem Straßenimbiss - irgendwo im Süden Indiens. Es riecht nach Holzkohle, Ingwer und Räucherstäbchen. Draußen knattern Motorräder durch den Staub.

Telefonieren wird schwierig

Weil es da, wo sie gerade sind, mit dem Telefonieren schwierig ist und Skype nur bedingt funktioniert, unterhalten wir uns mittels der guten alten E-Mail über ihr neues Leben und die Reisen durch Südamerika, über die sie nun ein Buch geschrieben haben: Per Anhalter durch Südamerika.

Wie wurde aus dem geplanten Trip eine Reise von über zwei Jahren?

In Buenos Aires lernten sie Menschen kennen, die von ihren Heimatländern schwärmten. „Besonders die Kolumbianer waren sehr gut darin, ihr Land in verführerischen Worten zu beschreiben“, erzählt die 30-jährige Rochssare.

Kein zeitliches Limit mehr

Also reisten sie einfach weiter - und hatten irgendwann plötzlich kein zeitliches Limit mehr, sondern ein geographisches: „Wir wollten erst wieder nachhause, wenn wir in jedem südamerikanischen Land gewesen wären.“

Hatten die beiden nie Heimweh?

„Eigentlich nicht“, schreibt Rochssare. Aber wirklich vermisst hätten sie die Nächte in der Temple Bar, die Lichtburg und den Döner-Imbiss am Hauptbahnhof. „Und Stauder haben wir uns das eine oder andere Mal nach Südamerika gewünscht.“

Gegrillte Meerschweinchen und Rinderhoden

Stauder und Döner: Die Delikatessen des Ruhrpotts. Was isst man denn in Südamerika? „Wirklich exotisch war für uns das gegrillte Meerschweinchen, das wir in Peru gegessen haben und die gebratenen Rinderhoden, eine Delikatesse in Uruguay.“ Klingt ein bisschen nach Dschungelcamp.

Welche Eindrücke sind am stärksten hängengeblieben von der Reise durch 13 Länder?

Die unglaublichen Landschaften - und die Menschen. Da sind sich die beiden einig. „Die offene Freundlichkeit und Zuneigung, aber auch die Unbekümmertheit, die vermisst man in Deutschland vielleicht ein wenig“, sagen sie.

Aber auch diese Erkenntnis haben sie gewonnen: In Venezuela seien viele Menschen sehr arm. Ausgerechnet in den Slums gebe es aber riesige Werbeplakate, die die neuesten Produkte von Apple oder anderen Konzern preisten. „Den Leuten wird vorgegaukelt, was sie angeblich im Leben bräuchten. Weil sich viele Venezolaner das nicht leisten können, steigt die Kriminalität und Aggressivität der Menschen.“

„Das hat etwas Degradierendes“

Manchmal hätten sie dort das Gefühl gehabt, als wandelnde Geldautomaten gesehen zu werden. „Das hat etwas Degradierendes, wenn man nicht mehr als Mensch, sondern nur noch als reicher Europäer wahrgenommen wird, mit dem sich leicht Geld machen lässt.“

Per Anhalter durch einen unbekannten Kontinent: Hatten die beiden keine Angst vor dieser Art des Reisens?

„In Südamerika ist das Reisen per Anhalter sehr populär. Vor allem LKW-Fahrer freuen sich, wenn sie auf den extrem langen Strecken Gesellschaft bekommen“, erzählen sie.

Angst hätten sie keine gehabt - auch wenn es einmal brenzlig wurde: „Im Grenzgebiet zwischen Paraguay und Bolivien standen wir zwei Tage an einer völlig verlassenen Straße. Nicht ein einziges Fahrzeug ließ sich blicken. Wir hatten kein Bargeld und als Verpflegung nur ein altes Brot und Kräuterbutter.“

Als sie nach der Tour zurück in Deutschland waren, war für beide klar: Das hier ist nur eine Zwischenstation. „Und dann sind wir nach Indien getrampt.“

Kein Sparen für die Rente? „Die halten uns für verrückt“

Das kam nicht bei allen ihren Bekannten gut an. Für die Südamerikareise gab es noch viel Anerkennung. Diesmal seien einige Freunde skeptisch geworden: „Die halten uns mehr oder weniger für verrückt, weil wir nicht für die Rente sparen und keine 40-Stunden-Woche haben.“

Aufgeben wollen sie ihr Leben jetzt noch nicht, schreibt Morten. Seit etwa acht Monaten leben sie jetzt in einer Ökokommune in Indien. Gerade esse er Masala Dosa, ein südindisches Gericht, das ein bisschen wie Pfannkuchen sei.

Und natürlich trägt er seine Mütze. Die muss unbedingt aufs Bild, das Rochssare von ihm macht. Als Gruß an die ganz besondere Familie aus Maracaibo in Venezuela.

„Ich halte die Mütze in Ehren“

„Wir hatten das Glück, dort bei einer Mutter mit ihren zwei herzlichen Töchtern wohnen zu dürfen. Die Mütze gehörte einst dem Familienvater, der vor einigen Jahren an Krebs gestorben war. Die Familie hängt bis heute stark an dem verlorenen Ehemann und Vater.“

Und diese Mütze schenkte die Familie Morten zum Abschied. „Ich halte sie in Ehren und trage sie beinahe jeden Tag. Mit der Familie aus Venezuela stehen wir noch immer in Kontakt. Sie freuen sich, auf den Fotos zu sehen, dass die Mütze bereits durch so viele Länder gereist ist.“

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